Jay-Z, Beyonce, Kanye und Konsorten retten die Welt…nicht! #TIDALforSOME

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#Tidal Jay Z Beyonce

Während meiner Recherche zum Hype-Thema dieser Woche habe ich einen ganz guten und richtigen Kommentar zum medialen Wirbel um „#Tidal“, Jay Zs neuen Musikstreamingdienst bzw. Spotify-Konkurrenten gefunden. Ich finde aber, da gäbe es noch mehr dazu zu sagen:

I love how these artists can get together and sit around and collaborate for the cause of enlarging their own pockets. But when ppl were rioting and protesting around the country for months because of systemic racial issues, they ain’t come together. They sitting around in that room in that video acting like they’re about to cure cancer.

#Tidal: Ihr spinnt doch?!Via Blogbuzzter. Originalquelle hab‘ ich leider nicht gefunden (Hinweise nehme ich natürlich gerne entgegen).

Ich hab‘ mir gestern die Pressekonferenz reingezogen, zumindest so stückchenweise. Die ganze Veranstaltung war nämlich ganz furchtbar langweilig und die „Keynote Vorträge“ waren, nun ja, konfus und schrecklich zääääh. Die Grundidee meine ich aber, verstanden zu haben:

Jay Z, Kanye und Co haben das Gefühl, dass Spotify verhältnismäßig zu viel vom gemeinsam gebackenen Kuchen schnabuliert

Und das ist ja irgendwie aus Künstlersicht durchaus richtig. Klar. Du bist Künstler. Der Musikmarkt befindet sich im Umbruch. Du hast dich mit so Hürden wie Schreibblockaden, Sample Clearing, tragenden Albumkonzepten und Marketingstrategien rumzuschlagen. Auch der Rest deiner Familie hat Jobs, bei denen viel Geld bei Mittelsmännern hängenbleibt. Und dann lässt dir Spotify nur so einen kleinen Anteil von dem Geld zukommen, was sie mit deiner Kunst verdienen.

Aus Konsumentensicht kommt das allerdings so an:

Die feinen Damen und Herren nehmen sich die Frechheit heraus, für sich selbst verhältnismäßig mehr Geld für das Streaming ihrer Musik zu verlangen, als weniger erfolgreiche Musiker erhalten

Kanye träumt von KanyeUnd das ist ja irgendwie relativ absurd. Klar. Du bist Kanye West. Der Musikmarkt befindet sich im Umbruch. An den Einnahmen deiner Adidas-Kollektion bist du nur geringfügig beteiligt. Und deine Musik, die du unter schwierigsten Bedingungen mit Amateurmusikern wie Paul McCartney, Rick Rubin und Jay Z im Schweisse deines Angesichts komponierst, musst du ebenfalls über Plattformen verkaufen, die dir was von deinem Kuchen(lager) wegknabbern. Auch der Rest deiner Familie hat Jobs, bei denen viel Geld bei Mittelsmännern hängenbleibt. Deine Frau muss diverse App-Store-Anbieter und App-Entwickler von ihrem (gigantischen) Kuchenteller essen lassen, ihre Fernsehsendung fährt in Staffel 73 nicht mehr so tolle Ratings ein.

Das ist doch scheiße.

Scheiße auf mindestens zwei Ebenen.

Ebene 1: Das neoliberale, imperialistische Kunstvermarktungssystem

Die Crème De La Crème der Pop- und „Urban“-Musik sorgt leider durch ihren Einfluss jetzt schon dafür, dass Talente und musikalische Trends aufgekauft und abhängig gemacht werden bzw. stilistisch vereinnahmt werden. Seltenst wird es einem Kanye oder einem Jay Z rein liebevoll väterlich darum gehen, Talente zu fördern, wenn die beiden Mogule Musiker für ihre Labels (Good Music, ROC) signen. Und wenn das nicht funktioniert und die jungen Talente nicht spuren, dann wird der Sound eben kopiert, fertig, siehe Atlanta-Trap-Sound.

A propos, würden Rapper wie J Cole, Pusha T und Stalley heute nicht deutlich mehr Wirbel machen, hätten sie auf das Signing bei Jay Z, Kanye oder Rick Ross verzichtet? Ganz abgesehen von der Make-Money-Perspektive: Alle drei Künstler waren vor ihren Karrieren unter den Fittichen der Großen viel aufregender als jetzt.

Jetzt wollen die feinen Damen und Herren Pop/Rapstars noch über die Streaming-Einnahmen selbst der Künstler bestimmen, die sie nicht für die tollen Möglichkeiten auf dem eigenen Label begeistern können? Da ziehen aber ganz schön dunkle Wolken am künstlerischen Horizont auf…entweder du machst kein Geld…oder aber du verkaufst dich, deinen Sound, deine Ideen an die Großen.

Ebene 2: #Tidal macht Welle für keinen guten Zweck

Und das ist die noch deutlich beschissenere Ebene: Jay Z nutzt Twitter nur, um große Bewegungen zu starten: Albumpromotion, neue Business Modelle, #Tidal (tidal wave = Flutwelle) etc. Sein innerer Kreis von einflussreichen Stars zieht mit: Madonna, Chris Martin, Kanye West, Rihanna, Nicki Minaj, Alicia Keys, Big Sean, Deadmau5…

Jay Z 99 ProblemsHätte er dieses #Tidal-Momentum nicht auch im Rahmen der #ICantBreathe/#Ferguson-Bewegung letzten Herbst/Winter nutzen können? In einer Zeit, in der die Unterprivilegierten Zuspruch aus mächtigen Mündern bitter nötig gehabt hätten? In einer Zeit, in der die nationale Aufmerksamkeit ausnahmsweise mal den Problemen galt, die den kleinen Jigga früher mal dazu gebracht hatten, den Karriereweg Crackdealer einzuschlagen, während Macklemore sich aufgrund anderer sozialer Startbedingungen schon mal in der elitär-weißen Sparte des US-Erziehungssystems auf seinen Bachelor vorbereiten durfte?

Ja, hätte er schon. Hätte er schon machen können. Hätte er schon machen sollen. Hätte er schon machen müssen. Und da fang ich gar nicht erst damit an, in Frage zu stellen, inwiefern Familie West und Familie Carter/Knowles die ständigen Transatlantikflüge samt Entourage, Hochzeiten in den exklusiven Locations in Europa, die Luxusautos und den Schmuck verdient haben. Steht mir nicht zu. Haben sie sich ja faktisch irgendwie verdient. Wegen des in Ebene 1 skizzierten Vermarktungssystems, das sie als gefestigte Popstars schon jetzt krass übervorteilt. Klar haben die Parteien natürlich überhaupt kein Interesse daran, was an diesem unfairen System zu ändern. Weil es sich für sie unglaublich krass lohnt.

Aber ganz abgesehen davon…was kostet es, ein Hashtag für einen guten Zweck zu etablieren und seine zehn besten Kontakte per SMS oder iChat davon zu überzeugen, so ’n bisschen mitzuziehen? Drei, vier Dollar? Zahl‘ ich gerne, an wen kann ich mich wenden, nehmen die Papyal? Die feinen Damen und Herren sollen sich die Kosten für ihr soziales Engagement ja nicht vom Mund absparen müssen.

#TIDALforALL? Mehr so #TIDALforAPRIVILEGEDFEW.

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