Native Instruments Kontrol S8 – Was das Flaggschiff kann und was nicht

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Nach ein paar Wochen mit der Kontrol S8 von Native Instruments will ich die Gelegenheit nutzen und über meinen Eindruck von der Konsole berichten.
Was ich vorneweg schon mal sagen kann: Alles, was ich anhand der ersten Bilder und Videos in meinem ersten Beitrag über die Kontrol S8 geschrieben hatte , trifft zu. Ich werde hier also nicht mehr jeden Punkt behandeln. Mir geht es mehr um einen ganz persönlichen Eindruck des Controller-Flaggschiffs.

Haptik und Maße

Native Instruments setzt bei der S8 auf die gleiche mechanische Qualität, die schon die Z2 von den älteren Controllern unterschied. Im Gegensatz zu den früheren “Leukoplastbombern” fühlen sich die neuen Geräte road- und bühnentauglich an, woran nicht zuletzt die Metallgehäuse einen großen Anteil haben. Auch wenn ich eigentlich ein großer Fan von kompakten und transportablen Lösungen bin, muss ich doch zugeben, dass die schiere Größe der S8 einen unbestreitbaren Vorteil hat: Die Bedienung, insbesondere auf dunklen Bühnen, ist durch die großen Abstände der Knöpfe und Fader sowie den Abmessungen der Tasten extrem angenehm. Man hat was in der Hand. Leider bedeutet das im Gegenzug auch, dass der Controller kaum noch zu transportieren ist. Sowohl fürs Fahrrad, als auch fürs Handgepäck im Flieger ist das Ding zu klobig.

Der Transport ist eine Sache, die Unterbringung im Club eine andere. Mir fallen auf Anhieb ein paar Läden ein, in deren DJ-Kanzeln das Gerät auf keinen Fall Platz finden würde.

Ein Setup aus Turntables und der S8 wird ganz schön breit.
Ein Setup aus Turntables und der S8 wird ganz schön breit.

Hart an der Grenze des (für mich) Praktikablen ist das fast 60cm breite Brett, wenn es zwischen zwei Plattenspielern positioniert ist. Die Turntables stehen dann schon arg weit auseinander. (Ich muss aber dazusagen, dass ich kein sehr großer Mensch bin, so ab 1,80m dürfte das nicht mehr ins Gewicht fallen. DJ Shiftee schafft sogar eine ordentliche Routine mit diesem Setup ). Ich nehme den großen Abstand zwischen den Plattenspielern aber gerne in Kauf, denn mein erster Eindruck täuschte mich nicht, die Kombination mit Plattenspielern ist unschlagbar. Dank des Standalone-Mischers kann ich -im Gegensatz zu meiner alten S4- ohne den Rechner anzuschließen jederzeit Vinyl anhören, was ich zur Zeit wieder sehr gerne tue. Mit einem einfachen Knopfdruck auf dem Mixer zwischen DVS- und Analogbetrieb umschalten zu können, ist auch sehr knorke und macht die S8 in Verbindung mit einem Turntable zur perfekten Kombination für meine DJ Kurse.

Der Mixer

Apropos Mixer: Er ist der Hauptgrund dafür, dass sich die Kontrol S8 erwachsener und professioneller anfühlt, als die älteren Controller von NI. Das Geräusch, das der Crossfader macht, wenn man ihn mit Schmackes auf eine Seite zieht klingt vertrauenerweckend amtlich. Für mich noch wichtiger: Die LED-Ketten sind doppelt so gut aufgelöst, wie die der S4. Zum ersten Mal habe mit Traktor nicht das Gefühl, auf Gedeih und Verderb dem Auto Gain ausgeliefert zu sein, sondern wieder volle Kontrolle über die Pegel zu haben. Etwas, das mich beim digitalen Auflegen immer gestört hat.

Endlich brauchbar hoch aufgelöste LED-Ketten an einem Controller
Endlich brauchbar hoch aufgelöste LED-Ketten an einem Controller

Leider immer noch nicht auf dem Niveau klassischer Mischpulte: Der Kopfhörerausgang. Es fehlt einfach an Pegel. Warum das so ist, verstehe ich nicht.
Aus mir ebenfalls unverständlichen Gründen ist beim Zusammenspiel mit der S8 der Masterlevel-Regler von Traktor auf einen festen, nicht veränderbaren Wert eingestellt. Das hat mich schon beim Z2 geärgert. Ich verstehe den Grund dafür einfach nicht, zumal der feste Pegel für meine Vorlieben viel zu laut eingestellt ist. Ich hätte da gerne mehr Headroom. Ich mag es nicht, wenn Traktor ständig im roten Bereich arbeitet.

Tasten, Pads und Touchstrips

Es ist eine wahre Freude, mit den großen Tasten und vor allem den 8 Pads zu arbeiten. Das gibt es einfach nichts zu meckern, insbesondere wenn man die S4 MK1 bzw die kleine X1 gewöhnt ist.
Wie die Produktdesigner bei NI allerdings auf die Idee gekommen sind, die Deckumschalter so prominent genau dort zu platzieren wo man (beim rechten Deck zumindest) die PLAY-Taste erwarten würde, ist mir ein absolutes Rätsel. Auch nach Wochen mit der Maschine, wechsle ich noch aus Versehen das Deck, anstatt den rechten Player zu starten. Ernsthaft Leute, das ist ganz großer Mist!

bla bla
Die linke Transportkontrolle mit dem vollkommen fehlplatzierten Deckumschalter

Sind die Displays Gamechanger?

Kommen wir zu den Displays. Kann man wirklich darauf verzichten, auf den Rechner zu schauen? Ja, könnte man. Will man es auch? Kommt darauf an. Zum Scrollen durch die Playlisten schaue ich nach wie vor lieber auf den Rechner. Mir bliebe auch gar nichts anderes möglich, denn ausschließlich Traktor-Playlisten lassen sich auf den Displays der S4 anzeigen. Warum die iTunes-Integration an der Stelle wieder nicht perfekt ist, weiß ich nicht. Ich muss mich wohl damit abfinden, dass NI mir im Zusammenspiel mit iTunes immer etwas zu meckern übrig lässt.
Sind die Displays wirklich so ein Gamechanger? Ja. Es ist nämlich meiner Meinung nach tatsächlich ein Riesenunterschied, ob man auf auf ein Laptop starrt, oder zwei kleine Displays auf dem Controller hat, um die gespielten Tunes im Auge zu behalten. Ich weiß auch nicht genau, warum sich dass so anders anfühlt, aber es ist so. Wenn man nicht viel in der Library herumsuchen muss oder sogar nur aus einer Playliste spielt, muss man gar nicht mehr auf den Rechner schauen. Die berührungsempfindlichen Drehregler, dank derer die Effektparameter eingeblendet werden, sobald man die Regler berührt, tun ihr übriges dazu.
Leider werden im Moment die Waveformen auf den Displays der S8 noch monochrom dargestellt, was ein echter Rückschritt ist, wenn man -wie ich- die frequenzabhängigen Farben der Wellenformen gewöhnt war. Ich hoffe, das Ni da bald nachbessert.

Analog digitales Traumpaar
Analog digitales Traumpaar

Mapping (noch) nicht anpassbar

Wenn wir schon beim Thema Nachbessern sind: Derzeit lässt sich das Mapping der S8 nicht anpassen oder verändern. Man muss es nehmen, wie es ist. Gerüchten zufolge soll sich das aber mit der nächsten Traktorversion ändern. Ich würde mich freuen, denn die Massen an Bedienelementen schreien geradezu nach individueller Anpassung. Eine Möglichkeit die Anzeige auf den Screens zumindest etwas individueller zu gestalten, wäre ein Riesenfortschritt.

Nur für SYNC-Button-Faker oder auch für #realdjs?

Einer der größten Diskussionspunkte die S8 betreffend, ist der Verzicht auf Jogwheels und Pitchfader. NI würde auf Biegen und Brechen seine Vorstellung von der Zukunft des DJings durchdrücken. Viel Hass und Häme wurde in Kommentarspalten ausgekübelt. Die Konsole sei nur für SYNC-Button-Faker geeignet aber nicht für sogenannte #realdjs. Sets mit Genre- und Tempowechseln könne man mit der Konsole nicht spielen. Und stimmt das? Nein, ganz und gar nicht.
Natürlich ist die S8 von ihrer Konzeption her auf einen gesyncten Betrieb ausgelegt, und das ist auch gut so. Ich verstehe immer noch nicht, was so toll daran sein soll, das Angleichen der Geschwindigkeiten manuell bzw mit den Ohren zu erledigen, wenn die Maschine es schneller und präziser kann.
Aber wer unbedingt möchte, kann mit der S8 sehr gut manuell Beatmatchen. Ich habe das Ostern in Dresden beim Back2Back-Spielen mit Barrio Katz oft getan. Obwohl ich nicht geübt hatte, fiel es mir kinderleicht. Ich gehe soweit, zu behaupten, dass manuelles Beatmatchen mit der S8 besser geht, als mit einem 1210er. Das liegt daran, dass die Encoder mit denen man das Tempo einstellt, zwei verschiedene Auflösungen haben. Wenn man SHIFT gedrückt hält, ist die Auflösung grob. Jeder Klick entspricht einem BPM. Ohne Shift, bewegt man sich in in Schritten von einem Hundertstel BPM. Mit dieser Kombination kann man sich zuerst sehr schnell grob an den ungefähren Wert herantasten und dann sehr fein weiterregeln. Die exzellenten großen Touchstrips erlauben sehr feine Korrekturen zur Angleichung der Phasen, und müssen sich was das betrifft, nicht vor den Joqwheels der CD-Player von Pioneer und nicht ein Mal vor dem Bremsen und Anschieben am Plattenteller verstecken.
Genre- bzw Tempowechsel gehen mit der S8 exakt genauso wie mit zwei Plattenspielern. Oder besser. Man muss nur wollen.
Wer glaubt, ohne die gewohnten Schieberegler sei mixen unmöglich, sollte vielleicht mal seine Einstellung zu Technik und seine eigene Flexibilität überdenken. Oder mal einen Blick auf alternative DJ-Plattenspieler werfen. Der Mikro Seiki DQX 1000 hat Drehregler fürs Tempo, der Technics SL1015 sogar Tipptasten. Beide Modelle wurden und werden von DJs eingesetzt, deren Skills und Reputation untadelig sind. Die Mikro Seikis zum Beispiel von DJ Enne. Der Technics SL1015 war das bevorzugte Laufwerk von Daniele Baldelli. Wenn die Beiden keine #realdjs sind, weiß ich es auch nicht. Überflüssig zu erwähnen, dass beide Herren genauso mit 1210ern oder CDJs mixen können. (Wahrscheinlich können sie mit praktisch jedem Laufwerk umgehen, das einen -wie auch immer gearteten- Temporegler hat).

Rechts: Mikro Seiki DQX 1000, links: Technics SL 1015. Zwei Plattenspielermodelle mit Drehregler bzw Tipptasten fürs Tempo.

Fazit:

Bis auf die im Text angesprochenen Kritikpunkte ist die Kontrol S8 von Native Instruments ein ganz großer Wurf. Das Ding macht einfach Spaß. Nichts Spielzeughaftes haftet dieser Maschine mehr an. Ihr Platz ist die Bühne, nicht das Schlafzimmer. Der Mixer macht absolut den Eindruck, als Schaltzentrale eine Clubsetups dienen zu können. Das Problem mit der Größe der Konsole würde sich dann ins Gegenteil umkehren: Mit zwei angeschlossenen Zuspielern -egal ob CD-Playern oder Plattenspieler erhält man -bei ca. 35 cm mehr Breite als mit einem normalen Mischer- ein extrem flexibles Setup, das sehr viele Arbeitsstile abdeckt: Klassisches Vinyl- oder CDJ-Setup, DVS oder reine Controllersteuerung ebenso wie sämtliche Mischformen wie zum Beispiel DVS plus Remixdecks.
Daran gemessen, ist die Konsole ihren Preis von 1150,- absolut wert.
Im Moment verschenkt das Layout allerdings sehr viel Platz, wenn man (wie ich) die Remixdecks nicht oder kaum nutzt. Ich warte gespannt auf das neue Multichannelformat namens STEMS, für das die vier Fader unter den Displays ideal sein werden.

Aufgrund ihrer Breite von fast 60 cm sollte man sich den Kauf aber gründlich überlegen. Sowohl der Transport, als auch die Unterbringung am Arbeitsplatz kann schnell zum Problem werden.



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4 KOMMENTARE

  1. […] Ich weiß nicht, ob das Ding die S4 ersetzen soll, aber für mich spricht vieles dafür. Das Gerät sieht aus wie eine verkleinerte S8 oder eben wie eine an den neuen NI-Standard angepasste S4. Das heißt, die Jogwheel sind weg, was mich persönlich überhaupt nicht stört. Warum das so ist, habe ich zum ersten Mal beim Test der X1 MK2 erzählt und dann noch einmal mit mehr Nachdruckk, als ich die S8 näher unter die Lupe nahm. […]

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