Das Flüchtlingsdrama – Was ist unsere Pflicht?

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Es ist das “schlimmste Massensterben” im Mittelmeer. 700, vielleicht sogar 950 Menschen sind in den vergangenen Tagen in Seenot geraten und ertrunken. “Massensterben”, das klingt nach pestizidverseuchten Bienen, nach einer bedrohten Blumenart, nach gefährdeten Walen, aber doch nicht nach beinahe tausend verdammten Einzelschicksalen. Jedes dieser Opfer hatte eine Mutter, einen Vater, vielleicht Geschwister, vielleicht einen Partner, vielleicht Kinder, aber auf jeden Fall doch eine Vergangenheit – und eigentlich auch eine Zukunft.

Wenn ich das so schreibe, habe ich einen Kloß im Hals. Ich muss an meine Jungs im Unterricht denken, die genau diese Fahrten über den “großen Friedhof” zwischen Libyen und Italien ebenfalls durchgemacht haben. Die tausende von Euro an Schlepperbanden bezahlten, die nur einen Fingerbreit vom Tod entfernt waren, und sich jetzt über jedes deutsche Wort freuen, das sie lernen dürfen. Manchmal auch nicht, dann haben sie keinen Bock auf Schule, dann denken sie vielleicht an ein süßes Mädchen, wie normale Teenies eben, oder an ihre Familie, die oft nicht mehr lebt.

Gestern schaue ich mir die Diskussion bei Jauch an, Thema: “Das Flüchtlingsdrama! Was ist unsere Pflicht?” Irgendwie ist das immer ein bisschen Selbstgeißelung, denn Jauch ist meist wie ein Unfall. Man kann nicht wegschauen bei dieser Mischung aus audiovisueller Bild-Zeitung und Fremdscham. Ein Twitterer fragte gestern sogar:

Unbenannt

Ja, was mache ich hier. Das dachte sich wohl auch Heribert Prantl, Redakteur der Süddeutschen Zeitung. “Diese Union tötet. Sie tötet durch unterlassene Hilefleistung”, hatte er geschrieben, und man merkt ihm die Fassungslosigkeit über die Ignoranz seiner Gesprächspartner an. Seine Stimme überschlägt sich, als er das tödliche Versagen der Politik anklagt. Nachdem Italien die enormen Kosten des Seenotrettungsprogramms “Mare Nostrum” ohne die Hilfe der übrigen EU-Staaten nicht mehr stemmen konnte, begann am 1. November 2014 die Operation Triton – die nicht mehr vorrangig die Rettung, sondern die “Rückführung” von Flüchtlingen zum Ziel hat, und damit – trotz vorhandener Mittel – Menschen ertrinken lässt. Zur Abschreckung. Die Festung Europa wird noch schwerer zu erklimmen.

Und von deren Zinnen schauen wir Europäer mit Bedauern zu, wie im Burggraben Tausende ersaufen. Wegen der Einstellung eines Programms, das im Jahr nicht mehr kosten würde als der G7-Gipfel in Elmau in zwei Tagen. Heribert Prantl fehlen schier die Worte. Er würde am liebsten nichts mehr sagen, es scheint alles vergebens, meint er.

“Moralische Emphase” nennt das der rechtskonservative Schweizer Journalist und Politiker Roger Köppel, spricht das Wort aus, als sei es eine ansteckende Krankheit. Moral? Humanität? Wir haben doch Gesetze! Wir müssen Europa dicht machen! Es kann doch nicht Hinz und Kunz hier einwandern! Roger Köppel, die Verkörperung des Extremismus’ der Mitte. Jeder Klatscher für ihn ein Schlag in meine Magengrube. Es gebe eine begrenzte Integrationsfähigkeit, behauptet er, man stelle sich mal vor, Schwarzafrikaner, aus der Subsahara, hier, in Deutschland, wie solle das denn gehen? Und diese Wirtschaftsflüchtlinge! Und was, wenn Terroristen sich unter die Asylbewerber mischten!

Dann versucht er’s selbst mir Moral: Man müsse die Heimatländer unterstützen, um die Menschen zu Hause zu halten, die Schweiz zahle doch jährlich Milliarden, Deutschland genauso. Mit allen anderen Anreizen zur Flucht treibe man noch mehr Menschen in den Tod. Das Publikum ist begeistert. Aber ich sehe nur Rechtspopulismus im Humanitätspelz. Köppel geht es nicht um die Stabiliserung dieser Länder. Ihm geht um die Abschottung Europas. Man kann nicht innerhalb von Wochen Frieden im nahen Osten herstellen, das weiß Köppel nur zu gut. Es sind jetzt Menschen auf der Flucht, sind jetzt Menschen auf dem Mittelmeer, denen man jetzt helfen muss. Und – so hat es die Geschichte gezeigt – es werden immer wieder Menschen fliehen.

Für den Tod dieser Menschen ist die EU verantworlich, betont Prantl abermals und: Wir müssen unseren Reichtum teilen. “Herr Prantl, wenn Sie so etwas proklamieren, Sie sind ein wohlhabender Mann, dann müssen Sie in München Flüchtlinge aus Afrika aufnehmen”, entgegnet Köppel. Afrika klingt aus seinem Mund wie ein Schimpfwort. Tosender Applaus. Jetzt kommt mir wirklich die Kotze hoch. Dieses Nicht-Argument habe ich schon millionenfach gelesen, und denke mir jedes Mal: Seid ihr so dumm oder tut ihr nur so? Ich stelle mir kein Windkraftwerk in den Vorgarten, weil ich gegen Atomkraft bin, genauso wenig nehme ich Flüchtlinge auf, die ich mit all ihren Traumata, Ängsten und Aufgaben gar nicht versorgen könnte. Dafür gibt es die Politik, dafür gibt es unsere Steuern, dafür gibt es ausgebildete Helfer und Einrichtungen. Aber die zünden wir ja ganz gerne mal an oder beschießen sie vor lauter “Sorge” mit einem Luftgewehr.

Ich wünsche mir einfach ein bisschen Anteilnahme, ein bisschen mehr Empathie, und, oh ja, ein bisschen weniger Geiz. Dass Roger Köppel in der großen Gebärmutterlotterie nicht in der Subsahara sondern in der fetten, grünen Schweiz auf die Welt gespuckt wurde, ist ganz einfach Glück. Keiner kann sich aussuchen, auf welchem Erdenfleck er groß wird, und wenn er die absolute Arschkarte zieht, dann sollte er wenigstens das Recht haben, wegzugehen. “Ja, und wenn ganz Afrika kommt? Wollen wir die alle retten?” – 1. So supergeil finden die meisten Europa nicht, im Gegenteil, sie würden lieber zu Hause bleiben. 2. Wir könnten sie wirklich retten. Mit einer faireren Politik, mit weniger Ausbeutung, mit weniger Kriegstreiberei. 3. Die schlimmen “Lasten”, die auf Deutschland zukommen, sind die wirklich so untragbar? Wie kann es sein, dass Jordanien, dass der Libanon, dass die Türkei das aushält?

Aber für uns heißt es: Dichtmachen, Einkerkern, Fernhalten. “Nicht zu uns kommen lassen!”, ruft Köppel. Klar, um unseren deutschen, unseren europäischen Reichtum zu schützen. Wenn die werten Damen und Herren von der “besorgten” Fraktion aber schon meinen, wir dürften nicht ewig die Schuld der Vergangenheit mit uns herumschleppen – dann dürfen wir auch nicht die Errungenschaften der Vergangenheit für uns beanspruchen. Keiner kann stolz darauf sein, Deutscher zu sein, höchstens froh darüber. Und wenn wir schon mit einem goldenen Löffel im Mund geboren werden, können wir dann nicht ein wenig davon abgeben? Noch einmal: Diesen Menschen ist nicht ein bisschen “unwohl” und das Leben im Heimatland “irgendwie doof”. Sie lassen alles zurück, weil ihnen nichts mehr übrig bleibt, weil sie Überleben wollen, und verrecken dabei im Mittelmeer.

Ich weiß nicht, wie viele Schweigeminuten es für die Opfer der Germanwings-Katastrophe gab, gestern bei Jauch gab es immerhin eine einzige für die Opfer des “Massensterbens”. Iniziiert von einem verrückten, ziemlich aufgeregten Typen, der mit seinem Kutter aufs Mittelmeer fahren will, um dort Menschen zu retten. Selbst Köppel stand auf und schwieg. Und in seinem verkniffenen Gesicht war abzulesen, wie viel Überwindung ihn das kostete. All diese moralische Emphase, die man Mitleid nennt. Ekelhaft.

Klar, die Menschen, die in unserem Burggraben ertrinken, brauchen nicht nur Mitleid. Sie brauchen auch legale Wege nach Europa. Sie brauchen Zentren zur Anmeldung ihrer Asylverfahren, noch vor der Mittelmeerküste. Sie brauchen Botschaftsasyl. Sie brauchen Stabilität in ihren Heimatländern. Wenn sie schon auf dem Meer sind, dann brauchen sie Rettung. Und wenn sie schon mal hier sind – dann brauchen sie Unterstützung. All das kann die EU leisten. Und wir können im Kleinen anfangen, mit einer Willkommenskultur und ein wenig Engagement. Das ist unsere Pflicht.

Dieser Artikel erschien zuvor auf herzistvoll.de, Artikelbild via


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