#BaltimoreRiots oder: Wer ist schuld, wenn misshandelte Hunde mal zubeissen?

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Aus Ferguson hört man nichts mehr. Jetzt brennt’s in Baltimore. Es wird getrauert und geplündert. Die althergebrachten Medien der „Digital Immigrants“ (CNN, Spiegel Online etc) zeigen das Chaos, die „thugs“ und die Gewalt. Die „Digital Natives“ sehen auf Twitter, bei Gawker, Complex etc überwiegend Artikel mit Titeln wie „Pictures of Baltimore the media doesn’t show you“.

Zu dem wilden Gemisch an unterschiedlichen Blickwinkeln auf ein und das selbe Geschehen gesellen sich Aktivisten wie Youtuber Hotdamnitirock, dessen Video Statement mit folgender Beschreibung bei Reddit gelandet ist:

This man really hit the nail on the head when it comes to the situation in Baltimore

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Ohne das Video jetzt ganz genau unter die Lupe nehmen zu wollen, möchte ich mir bezüglich seiner Grundaussage die Verwirrung von der Seele schreiben. Doch zuerst einmal zu seiner Definition von Protest (ab Sekunde 17):

A protest is when a group of individuals come together with a common problem to raise awareness about an issue that they wanna see rectified.

Das unterschreib‘ ich so. Es folgt seine Schlussfolgerung für zivilen Ungehorsam:

I am ALL FOR fuckin‘ some shit up if it got me closer to a solution. I get it, ok. Motherfuckers are upset. I understand anger. I understand pain, rage, revenge, all of this shit (…)

Und auch hier schließe ich mich grundsätzlich an. Wenn in einer Gemeinschaft grundlegende Rechte und Regeln nicht für alle beteiligten Individuen gleich ausgelegt werden…warum sollen die Opfer dieser Ungerechtigkeit nicht aufbegehren und ihrerseits Regeln brechen und sich über geltendes Recht hinwegsetzen?

Einzelfälle oder System: Von Ferguson nach Baltimore

Da stellt sich die Frage: Was ist diesem Freddie Gray in Baltimore eigentlich widerfahren? Und: War das nicht ein Ausrutscher? Das mit Michael Brown in Ferguson könnte ja auch einfach ein anderer Einzelfall gewesen sein? Zufällig jetzt mal zeitlich nah beieinander? Durch die Medien hochgeschaukelt? Nein. Michael Brown und Freddie Gray gehören einer faktisch unterprivilegierten Gruppe der US-amerikanischen Gesellschaft an. Dafür habe ich nicht den allumfassenden Beweis zur Hand, aber immerhin einige Indizien, die auf eine systemimmanente Ungerechtigkeit hindeuten:

    • Die Polizei von Ferguson verletzte erwiesenermaßen regelmäßig das „Fourth Amendment“ der Verfassung der USA (Quelle: Vox.com)

„Our investigation showed that Ferguson police officers routinely violate the Fourth Amendment in stopping people without reasonable suspicion, arresting them without probable cause, and using unreasonable force against them,“ Attorney General Eric Holder, who heads the Justice Department, said in a statement.

    • Die Polizei der Vereinigten Staaten beschäftigt sich traditionell eher damit, den Besitz und Wohlstand der weißen Bevölkerung vor der vermeintlich kriminellen schwarzen Minderheit (in Baltimore Mehrheit) zu schützen. „Black-on-black“-Verbrechen können von den zu wenigen und zu schlecht dafür ausgebildeten Polizisten von Baltimore selten aufgeklärt, geschweige denn verhindert werden:

Historically, the problem with policing for black Americans has not been its presence but its absence, argues Jill Leovy in “Ghettoside”. For much of the 20th century, police in America put a lot of effort into protecting white people and their property from black people, but often ignored black-on-black violence. This, Ms Leovy contends, is one of the reasons why black neighbourhoods tend to suffer so much higher violent-crime rates. When criminals are not punished by the law, they run wild. Each act of violence can spark a cycle of retribution. Scores are settled with fists, knives or bullets. „Snitching“ comes to be seen as shameful. When the police do try to solve crimes, they find that no one will tell them anything useful. Quelle: The Economist (Sehr erhellender Artikel!)

    • Freddie Gray wurde grundlos festgenommen. Es sei denn, ein rennender schwarzer Mann zu sein ist strafbar. Und das ist es natürlich nicht. Die Ungerechtigkeit in den USA findet sich nicht in den Gesetzestexten. Dort sind die USA „the land of the free“ und so. In der Auslegung der Gesetze in der Praxis, da werden die Unterschiede gemacht.

Warum starb Freddie Gray?

Dass Freddie Gray in Polizeigewahrsam seinen Rückenmarksverletzungen erlegen ist, ist kein Zufall. Das Genick könnte ihm die ruppige Festnahme gebrochen haben. Oder aber die Fahrt vom Ort der Festnahme zur Gefangenenverwahrung. Eine besondere Spezialität der Polizei von Baltimore ist nach Informationen der taz nämlich der sogenannte „Rough Ride“:

Dabei werden gefesselte Gefangene, ohne Sicherheitsgurt in den hinteren Teil des Gefangenentransporters gebracht, wo sie bei jeder scharfen Kurve gegen Metall schleudern.

Baltimore Riots Police Freddie Gray
Symbolbild: Land Of The Free

Freddie Gray starb, weil man ihn menschenunwürdig behandelte. Weil einzelne Polizisten in Einzelfällen Entscheidungen trafen, die gegen geltendes Recht verstießen. Wie im Einzelfall Michael Brown. Wie im Einzelfall Eric Garner. Wie nennt man das noch mal, wenn sich Einzelfälle häufen? Trend? Makaber. Phänomen? Klingt nach Galileo-Beitrag. Nein, das hat System. Bei der Behandlung schwarzer „Verdächtiger“ läuft was systematisch falsch. Fertig.  

Ziviler Ungehorsam als Mittel zum Zweck?

Und genau an der Stelle regt sich hotdamnirock meiner Meinung nach über das falsche Detail auf. Er vergleicht die Baltimore Riots mit Szenen aus Planet Of The Apes (1:17), wobei er die schwarzen Unruhestifter mit den Affen vergleicht: „That’s what we look like, a bunch of fuckin‘ monkeys“.

How does this help us win? This don’t get us answers, this don’t get us justice, this don’t get cops convicted, this doesn’t get us shit. How are you helpin‘ the situation right now?

An dieser Stelle präsentiere ich als überzeugter Pazifist verschämt mein Gegenargument für seine schönen Worte: Ja, aber.

Ja, aber ohne Gewaltausbrüche und hochemotionale Bilder würden sich CNN, Spiegel Online und Konsorten einen Scheißdreck um die Ungerechtigkeit kümmern. Ziviler Ungehorsam macht Quote, generiert Klicks. Flammen, Rauch, blutige Gesichter: Draufhalten! Alle Kameras draufhalten! Und ganz ehrlich: Ohne die Rundum-Penetration mit Bildern und Meldungen aus Baltimore derzeit hätte auch ich meinen Nachmittag heute anders verbracht, als mit diesem Artikel hier. Klarstellung: Ich möchte hiermit nicht Gewalt verharmlosen. Allerdings müssten wir als superakademische Schlaubi-Schlumpf-Weltgemeinschaft doch eigentlich in der Lage sein, systematische Ungerechtigkeit auszumerzen, bevor Unterdrückte und Krawallmacher mit Gewalt dafür sorgen, dass über ihre Probleme gesprochen wird, oder? An der Stelle müsste angesetzt werden, damit rohe Gewalt als billiges Mittel gegen zu wenig Berichterstattung und mangelnde Aufmerksamkeit keinen Sinn mehr ergibt.

Was war zuerst da, Henne oder Ei?

Und hotdamnitirock zieht noch einen meiner Meinung nach extrem gefährlichen Schluss:

Shit like this is why America looks at black people the way they do. Quelle: ab 02:02 im Video

Jetzt sind die Unterdrückten schon selbst verantwortlich dafür, dass sie unterdrückt werden? Wie geht das denn? Aktiv unterdrückt werden? Für die Idee gibt’s ja nicht mal sprachlich-theoretisch den passenden Ausdruck. Der seit heute weltweit bekannte Youtube-Meinungsmacher ist kurz zuvor eigentlich auf der richtigen Spur, als er den Planet-der-Affen-Vergleich zieht. Er ruft seinen Zuschauern die Kampfszene der Affen gegen die Polizei ins Gedächtnis zurück, „when the monkeys have just escaped from, erm, monkey prison“. Und genau da finden wir das Gesamtgesellschaftliches-Problem-Ei, aus dem die Baltimore-Riots-Henne schlüpfen konnte. Wenn die Exekutive einer Gesellschaft Menschen behandelt wie Tiere (Stichwort: „Rough Ride Gefangenentransport“, rennende schwarze Männer ohne Verdacht erschießen, schwarze Männer mit Atemkrankheiten auf offener Straße erwürgen), dann darf sie sich über tierische Reaktionen nicht echauffieren.

Wenn die Unterprivilegierten in unterfinanzierte Schulen mit unterqualifizierten Lehrern eingepfercht werden, ist es doch wohl schon sehr arrogant, im Gegenzug humanistisch-aufgeklärten pazifistischen Protest zu erwarten, oder?

Die Verantwortung, diesen Henne-Ei-Teufelskreis von Ungerechtigkeit-Aufbegehren-Niederschmettern&Ignorieren-Ungerechtigkeit-Aufbegehren-Niederschmettern&Ignorieren zu durchbrechen läge frei nach dem Motto „Der Privilegiertere gibt nach“ bei den Behörden, bei der Bildungspolitik, bei der Exekutive und bei der Polizei. Und was machen die? Nun ja, Schulen werden geschlossen und die Armee rückt an. Eskalation statt Deeskalation. Schlau, fair und menschlich verhalten sich stattdessen die, denen systematisch Unrecht widerfährt. Vorstadtbürger schützen die Polizei und sorgen für Beruhigung der brisanten Lage. Gangs schließen Frieden und sorgen sich um die Lage ihrer Stadt:

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Oh, Baltimore.

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Titelbild via Leah The Boss / Twitter.

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