Ewig lang allein: Purple im Interview

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Berlin Festival 2015. Es rummelt, es treibt, Sonnenbrand, Schweißband, Badeschiff und Becherpfand. Dazu die warme, mordslaute Bassdrum der Rudimental Crew, die das aufgeheizte Arena-Gelände zusätzlich vom Berliner Alltag abschirmt. Wah wah wah wah.

Es ist immer etwas seltsam, in so einer Umgebung mit Künstlern zu sprechen, die man zuallerletzt in SO einer Umgebung verorten würde. Purple ist so ein Künstler. Sein Debütalbum „Silence & Remorse“ (Weditit Records) ist ein schüchterner Koloss, ein mächtiges, aber fast schon dramatisch introvertiertes Werk eines Musikers, der sich auf Fotos lieber von der Kamera abwendet, als ihr direkt ins Auge zu blicken. Der Ruf des öffentlichkeitsscheuen Grüblers eilt ihm voraus.

Doch anstatt Einsilbigkeit und verwehrtem Augenkontakt bekomme ich das genaue Gegenteil. Purple hat vor zwei Stunden den ersten Festival-Auftritt seiner Karriere gespielt, ist fabelhaft gelaunt und in Plauderstimmung. „Entschuldige, ich rede und rede. Ich weiß nicht mal, ob ich beantwortet hab, was Du wissen wolltest.“ Hat er.

Blicken wir mal auf deine Anfänge zurück. Seit wann gibt es Purple?

Was das Musikmachen angeht, das kam recht spät. Ich komme eigentlich aus der bildenden Kunst und habe dort auch lange gearbeitet. Musik habe ich anfangs nebenbei und nur für mich gemacht. Es muss so um 2004 gewesen sein, als ich mit meinen Eltern im Urlaub in Südspanien war. Da ging es mir einigermaßen dreckig. Liebeskummer eben. Anstatt zum Strand zu gehen, habe ich mich also zwei Wochen im Hotelzimmer verkrochen und rumgeschraubt. Da fing es an, dass Musikmachen ein Teil meines Lebens wurde. Vor Purple habe ich aber erst noch mit ein paar anderen Sachen rumprobiert, viel Drone, ein bisschen Techno. Aber nicht mal mit der Absicht, live zu spielen oder aufzulegen.

Es dauerte also eine Weile bis du wusstest, was genau du machen willst?

Ja, auf jeden Fall. Erst als ich 2010 zum ersten Mal nach Berlin gekommen bin, habe ich angefangen, diese Art Musik zu machen. Das war so ein Klick-Moment, es ging sehr schnell und ich hatte in zwei Wochen plötzlich fünf Songs im Kasten. Und die waren eben alle viel langsamer und ich war auch überhaupt nicht mehr daran interessiert, Dance-Musik zu produzieren. Es hat einen Monat gedauert, aber dann wusste ich, wo ich hin will.

Lass uns kurz über den Namen Purple reden. Violett ist so eine spezielle Dazwischen-Farbe und wenn man sie neben die menschliche Gefühlspalette legt, gibt es viele Assoziationsmöglichkeiten, von tief empfundener Liebe bis hin zu starken, negativen Gefühlen wie Wut oder Hass. Aber auch Zweifel steckt in diesem Farbton…

purple-2Lustig, dass du über diesen Dreh nach dem Namen fragst. Es ist mir nämlich schon oft passiert, dass Leute sofort an R’n’B dachten und mit R’n’B hab ich nun wirklich überhaupt nichts am Hut. Mit Kifferei hat es übrigens auch nichts zu tun. Für mich hat der Name gepasst, weil er ein besonderes Gefühl sehr gut auf den Punkt bringt. Wenn ich einen David Lynch-Film aus den Neunzigern schaue, dann habe ich immer genau diese Farbe vor Augen. Hinzu kommt diese spezielle Atmosphäre von Glam und Samt, Velvet eben. Es ist dieses Ineinanderfließen von realer Welt und Traumwelt in seinen Filmen. Als ich angefangen habe, Purple-Tracks zu machen, stellte sich um mich herum immer diese Stimmung ein. Ja, eine Dazwischen-Farbe…Das trifft es gut, auch weil ich damals das Gefühl hatte, permanent am Rand zu leben. Zwischen echtem Leben und Traum.

Wenn du einen Film drehen könntest, mit deiner eigenen Musik als Soundtrack, was würde das für ein Film werden?

Es ginge wohl viel um Einsamkeit. Menschen allein in Hotelzimmern, Menschen im Moment gefangen, in einer Art sozialem Vakuum. Es würde nicht viel gesprochen werden und die Charaktere wären auch zu zweit allein. Etwas komisch postromantisches, das würde gut zu meiner Musik passen. Oder ein Science Fiction-Film! Ich liebe Science Fiction-Filme! Alle!

Du bist jetzt seit gut zwei Jahren Teil des Weditit-Kollektivs. Wie habt ihr euch gefunden?

Zuerst haben Shlohmo und ich nur per Mail hin- und hergeschrieben, über Musik gesprochen und so weiter. Und so natürlich wie es online eben möglich ist, hat sich daraus alles entwickelt. Wir haben uns Musik zugeschickt und irgendwann über ein Konzept für meine erste EP gesprochen. Ein ganzes Jahr kannten wir uns nur über diesen Draht, bevor wir uns dann endlich mal getroffen haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber schon das Gefühl, diese Jungs ewig zu kennen. Wir haben eine sehr ähnlich Energie, wir sind seelenverwandt und sehr gute Freunde.

Du bist viel umgezogen, hast in Barcelona, London und Berlin gelebt. Hier ist auch dein Album „Silence & Remorse“ entstanden. Inwiefern haben sich die Ortswechsel auf deine Musik ausgwirkt.

Berlin und London haben definitiv einen Einfluss auf meine Musik gehabt. Berlin, weil diese Stadt so tiefgründig sein kann. Berlin ist auf eine eigenartige Weise deep. London dagegen hat eine sehr eigene Dynamik, ist unübersichtlich und verändert sich dauernd. Berlin hatte aber schon den größten Einfluss, auch weil diese Stadt am stärksten meinen persönlichen Gefühlen entsprach, als ich anfing als Purple Musik zu machen. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Berlin ist aus verschiedenen Gründen sehr gut für mich. Hier kann man sich auch mal wunderbar von allem abkapseln, wann immer einem danach ist.

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Apropos Abkapseln: Dir wurde recht fix das Label des einsiedlerischen Loners angehefet, weil man online kaum etwas über dich finden konnte. Ich fand diese Zuschreibungen ganz witzig. Es scheint ein Journalistenreflex zu sein, diesen Stempel auszupacken, wenn ein Künstler mal nicht sofort alles über sich raushaut. Dabei kommst du mir nicht gerade wie jemand vor, der lieber allein ist. Nicht mal wie ein besonders schüchterner Typ.

Es stimmt aber schon ein bisschen, ich kann ewig lang allein sein. Das sind meistens Phasen, in denen ich von etwas so eingenommen bin, dass ich mich gesellschaftlichen Dingen entziehen muss, weil es mich so beschäftigt. Auf der anderen Seite bin ich aber auch sehr gern mit meinen Freunden zusammen und sehr kommunikativ. Es war aber sicher nie geplant, mich als schüchternen Einzelgänger in der Öffentlichkeit zu inszenieren. Das wäre ein unstimmiges und viel zu oberflächliches Konzept. Ich kann höchstens sagen, dass meine Musik immer genau reflektiert, wie ich mich zum Zeitpunkt ihrer Entstehung gefühlt habe.

Was war denn in diesem Zusammenhang der Antrieb für deine erste EP „Salvation“ (2013) und wofür steht demgegenüber „Silence & Remorse“?

„Salvation“ war ein sehr bewusst gewählter Titel für die EP. Für mich war diese Platte wie eine Explosion, eine Momentaufnahme. Musik, die endlich mal raus musste. „Silence & Remorse“ ist anders. Da geht es mehr um Storytelling.

Für mich gibt es in „Silence & Remorse“ viele Spielarten von Schönheit zu entdecken. Was empfindet jemand als schön, der viele Arten schöne Musik schreibt?

Ich empfinde Extreme als schön. Extreme Gefühle, extreme menschliche Regungen, ob man nun bitterlich weint, laut lacht oder vielleicht auch durch und durch gleichgültig und apathisch ist. Viele Menschen knüpfen Schönheit oft an das Visuelle. Für mich findet sich Schönheit aber auch in Gefühlszuständen und spielt sich meistens über starke Empfindungen ab. Diese Art von Schönheit ist natürlich auch vergänglich, sie schwindet mit dem jeweiligen Gefühl…Ich weiß nicht, ob ich die Frage beantworten kann. Hm, ich bin da eben wie vielleicht jeder Mensch…Ein Tier.

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