Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es

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„Wär Freidal nüscht liebt, muss Freidal verlössn!“ Gerade gucke ich mir dieses muntere YouTube-Video der besorgten Bürger in Freital und den Bericht der Tagesschau zu der Bürgerversammlung dort an, versuche mich ein bisschen zu amüsieren, schaffe es aber gerade mal, den Kotzbrocken wieder runterzuschlucken, der mir die Speiseröhre hochkriecht.

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Dann meldet sich wieder mein Pädagogenzentrum (wohl ein ererbter Defekt, als Tochter eines Hauptschullehrers) und signalisiert: Schreib! Schreib dagegen an, reg dich auf, sag deine Meinung, lass die verblendeten besorgten Bürger mit ihren abgeschmackten Parolen nicht laut und stark sein, mach selbst Krawall!

Und dann frage ich mich, was ich noch schreiben soll.

Liebe besorgte Bürger, liebe friedliche Demonstranten, liebe Aber-Nazis, liebe Wir-Deutschen (die auch noch!). Lernt erstmal einen Flüchtling kennen, bevor ihr gegen ihn stänkert und seine Bude anzündet. Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft sind auch christliche Werte. Nein, nicht alle Wirtschaftsflüchtlinge fressen euch das iPhone vom Kopf. Hey, bleibt mal sachlich. Wägt alle Seiten ab. Meinung ist nicht gleich Hetze. Ihr seid nicht das Volk. Ich bin kein Volksverräter. Ich bin kein Deutschlandhasser. Und so weiter und so fort. Ich rede mir ja den Mund fusselig. Muss ich denn immer alles dreimal sagen? Schreibt hundertmal: Ich bin ja kein Nazi, ohne aber. Dann haben wir Schule fertig.

Im Ernst: Langsam resigniere ich. Es gibt kaum etwas, das nicht schon gesagt wurde. Das nicht in endlosen Diskussionen zum 1.567.352ten Mal durchgekaut wurde. Und trotzdem bewegt sich keine Seite vom Fleck. Jetzt fangen die ersten Kollegen schon mit einem #DeutschlandBeleidigungstag an, so verzweifelt sind die. Vielleicht muss ich ein neues didaktisches Konzept entwickeln. Stuhlkreis? Gesprächsstein? Ausdruckstanz?

Wie wär’s, ganz altmodisch, mit einer Textanalyse. Zum Beispiel dieser hier, „Heimat“, von einem gewissen Kurt Tucholsky. Geschrieben 1929. Wem sich bei dessen Aktualität nicht die Fußnägel und Nackenhaare kräuseln, dem kann ich auch nicht mehr helfen. Der Herr Tucholsky, der hätte auch nicht gedacht, dass er alles dreimal sagen muss. Dass, 80 Jahre später, wieder ein Mob schreit: „Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.“

Btw.: Am witzigsten diese Stelle „… wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel …“ Obwohl’s noch gar kein Facebook gab!

Heimat

Aus: Deutschland, Deutschland

[…]

Aus Scherz hat dieses Buch den Titel ›Deutschland, Deutschland über alles‹ bekommen, jenen törichten Vers eines großmäuligen Gedichts. Nein, Deutschland steht nicht über allem und ist nicht über allem – niemals. Aber mitallen soll es sein, unser Land. Und hier stehe das Bekenntnis, in das dieses Buch münden soll:

Ja, wir lieben dieses Land.

Und nun will ich euch mal etwas sagen:

Es ist ja nicht wahr, dass jene, die sich ›national‹ nennen und nichts sind als bürgerlich-militaristisch, dieses Land und seine Sprache für sich gepachtet haben. Weder der Regierungsvertreter im Gehrock, noch der Oberstudienrat, noch die Herren und Damen des Stahlhelms allein sind Deutschland. Wir sind auch noch da.

Sie reißen den Mund auf und rufen: »Im Namen Deutschlands … !« Sie rufen: »Wir lieben dieses Land, nur wir lieben es.« Es ist nicht wahr.

Im Patriotismus lassen wir uns von jedem übertreffen – wir fühlen international. In der Heimatliebe von niemand – nicht einmal von jenen, auf deren Namen das Land grundbuchlich eingetragen ist. Unser ist es.

Und so widerwärtig mir jene sind, die – umgekehrte Nationalisten – nun überhaupt nichts mehr Gutes an diesem Lande lassen, kein gutes Haar, keinen Wald, keinen Himmel, keine Welle – so scharf verwahren wir uns dagegen, nun etwa ins Vaterländische umzufallen. Wir pfeifen auf die Fahnen – aber wir lieben dieses Land. Und so wie die nationalen Verbände über die Wege trommeln – mit dem gleichen Recht, mit genau demselben Recht nehmen wir, wir, die wir hier geboren sind, wir, die wir besser deutsch schreiben und sprechen als die Mehrzahl der nationalen Esel – mit genau demselben Recht nehmen wir Fluß und Wald in Beschlag, Strand und Haus, Lichtung und Wiese: es ist unser Land. Wir haben das Recht, Deutschland zu hassen – weil wir es lieben. Man hat uns zu berücksichtigen, wenn man von Deutschland spricht, uns: Kommunisten, junge Sozialisten, Pazifisten, Freiheitliebende aller Grade; man hat uns mitzudenken, wenn ›Deutschland‹ gedacht wird … wie einfach, so zu tun, als bestehe Deutschland nur aus den nationalen Verbänden.

Deutschland ist ein gespaltenes Land. Ein Teil von ihm sind wir.

Und in allen Gegensätzen steht – unerschütterlich, ohne Fahne, ohne Leierkasten, ohne Sentimentalität und ohne gezücktes Schwert – die stille Liebe zu unserer Heimat.

Kurt Tucholsky

 

Bild: Die Grünen NRW

 

5 KOMMENTARE

  1. Hallo Alina, lerne doch erstmal einen Demonstranten aus Freital kennen und unterhalte dich mit ihm, bevor su so ausführlich negativ deine Meinung über ihn äußerst. Das hier schürt Ressentiments gegenüber Ostdeutschen. So wie du hoffentlich auch mit Asylbewerbern gesprochen hast, um deine Meinung zu bilden. Mir scheint in deinem Kopf ist ein latenter Hass auf Deutsche vorhanden bzw. Menschen, welche stolz sind auf Deutschland. Mal eine Frage: wenn du aus einem brennenden Bus nur einen Menschen retten kannst, würdest du deinen Bruder retten oder einen wildfremden? Und würdest du einen Deutschen retten, welcher vielleicht der Lehrer deiner Mutter war oder einen Nigerianer, welcher vielleicht seit 2 Wochen in Deutschland ist?

    • Was den Bus betrifft: Ich würde alles versuchen, um beide zu retten. Ist mir doch scheissegal ob ich den kenne oder nicht und es ist noch viel egaler, ob der Typ zufällig hier oder woanders geboren wurde.

      Das Problem bei der ganzen Pegida-Scheiße ist, dass es instrumentalisiert wird. Die Flüchtlinge sind nicht hier weil es geil ist, in Deutschland zu sein. Die sind hier, weil in deren eigenem Land irgendwas lebensbedrohliches hinter denen her ist. Und dann kommen die nach Freital und da geht es mit der Bedrohung weiter. Ich weiß selbst, dass das nicht stellvertretend für Deutschland ist aber ich weiß auch, dass der Fremdenhass immer mehr und heimlich auftritt.

      Ich wohne in Oldenburg, das ist das Kaff, was man jetzt dank des Kartoffeldöners überall kennt. Aber selbst hier heißt es immer: „Die scheiß Flüchtlinge“ Und das macht mir Angst–

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