Wie der „gesunde Menschenverstand“ versucht, uns in die Irre zu führen (Advertorial)

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Als ich vor einiger Zeit für Defanzy ein Advertorial mit dem Titel „Warum der „gesunde Menschenverstand“ weder gesund ist, noch Verstand hat“ schrieb, hätte ich mir nicht träumen lassen, welch riesige Resonanz dieser Text erzeugen würde. Ich wollte eigentlich nur die Gelegenheit nutzen, meine Gedanken zum Thema Wissenschaft und eben zum sogenannten „gesunden Menschenverstand“ zusammenzuschreiben.
Eben weil ich in letzter Zeit in den sozialen Medien auf soviele Menschen traf, die sich in meinen Augen hinter ihrem Bauchgefühl verschanzen und sich weigern, ihre eigene Wahrnehmung und ihr Weltbild zu hinterfragen. Und weil mir das Thema so wichtig ist, hier nun das Follow Up, wie wir Blogger sagen. Falls ihr den ersten Artikel also nicht kennt, würde ich euch bitten, ihn zuerst zu lesen.

Die Kernthese meines Beitrages war jedenfalls, dass der gesunde Menschenverstand uns oft täuscht und nur die Methodik, die wir „Wissenschaft“ nennen, uns vor dieser Täuschung bewahren kann.

Das hatte ich allerdings etwas zu absolut gesetzt und auch nicht definiert, in welchen Situationen, die ritualisierte Skepsis, die wir „Wissenschaft“ nennen, nicht so hilfreich ist.

Mir wurde zum Beispiel entgegengehalten, dass man den gesunden Menschenverstand bzw Hausverstand nicht gegen die Wissenschaft ausspielen sollte, da beide ihre Berechtigung hätten.
Ja, das sehe ich genauso. Für Entscheidungen, die nichts mit Statistik zu tun haben und Einzelfälle betreffen, trifft das natürlich zu. Ob ich studieren soll, oder eine Bäckerlehre antreten, ob ich lieber Sabine oder Dorothea heiraten sollte, oder wieviel Salz in den Kuchenteig muss, kann ich entweder sehr gut oder sogar ausschließlich aus dem Bauch heraus treffen.

Der Dunning-Kruger-Effekt

Je öfter ich Kuchenteig mache, desto besser werde darin werden. Je besser ich darin werde und je öfter ich Teig mache, desto leichter wird es für Dritte aussehen, die nicht wissen, wie man Kuchenteig macht. Deren „gesunder Menschenverstand“ wird dann evtl. ganz schnell zu dem Urteil kommen, dass Kuchenteig machen und salzen richtig einfach ist. So einfach, dass es jeder kann. Diesem Fehlschluss unterliegen wir Menschen alle. Wir unterschätzen systematisch den Schwierigkeitsgrad von Dingen, die wir nicht können und unterschätzen systematisch die Kompetenz derer, die etwas können. Diese kognitive Verzerrung ist unter den Namen Dunning-Kruger-Effekt bekannt. Besonders wirkungsvoll ist dieser Effekt, wenn Laien die Arbeit von Bundestrainern oder DJs beurteilen. 🙂

„Mir hat es auch nicht geschadet“. Der klassische Fehlschluss

Ähnlich verhält es sich mit der sogenannten anekdotischen Evidenz. Na klar haben die Globuli geholfen, oder der Klassiker, wenn es zum Beispiel um Schläge seitens der Eltern geht: „Mir hat es auch nicht geschadet.“ Das fühlt man so deutlich, das muss einfach stimmen.
Wenn man ein bisschen darüber nachdenkt, merkt man allerdings schnell, dass man ja gar nicht wissen kann, ob wirklich die Globuli geheilt haben, oder man ohne diese Schläge ein ganz anderer Mensch geworden wäre, weil man sein Leben nicht zurückspulen kann, um es nochmal ohne Zauberkügelchen oder Gewalterfahrung zu probieren. Bitte, das trifft keinerlei Aussage darüber ob die beiden Aussagen wahr sind, oder nicht. Natürlich könnte es sein, dass der vom Vater versohlte Hintern tatsächlich keine negativen Folgen hatte. Man kann es schlicht nicht wissen, solange man nur sich selbst, als „Forschungsmaterial“ zur Verfügung hat.
Und dass der Verstand als PR-Abteilung des Unterbewusstseins ein legitimes Interesse daran hat, die eigenen Entscheidungen schönzureden, liegt auf der Hand.

Wenn „gesunder Menschenverstand“ bedeutet, die Funktionsweise des menschlichen Intelellekts und der Psyche zu kennen, also zum Beispiel den Dunning-Kruger-Effekt und die anderen Bewertungsfehler zu kennen, oder die Falle der anekdotischen Evidenz zu bedenken und in seine Entscheidungen miteinzubeziehen, dann ist gesunder Menschenverstand ein prima Werkzeug.

Wenn er -wie das leider sehr oft geschieht- nur ein andere Ausdruck für eine Art „gefühltes Wissen“ ist und -noch schlimmer- zur Abwertung anderer, nicht so „gesunder“ Ansichten dient, dann gilt das was ich im letzten Post schon schrieb: Dann ist der „gesunde Menschenverstand“ weder gesund, noch hat er sonderlich viel Verstand.

Dieser Artikel wurde gesponsert von Defanzy

1 Kommentar

  1. Im Ansatz wunderbar. Jedoch Vorsicht mit der Glorifizierung von Wissenschaft. Auch wissenschaftliche Argumentation endet zwangsläufig im Münchhausen-Trilemma. Sicherlich wäre ein dogmatisches Mittel gegen Globuli- und Erdmittelpunktheilsalbentinkturen für den Penis eine wunderbare Sache. Ich fänd die wissenschaftliche Argumentation lässiger, wenn sie, statt auf die Anderen zu zeigen, sich permanent selbst hinterfragt. Ich weiß, Walter, dass das dein Anliegen war, allerdings lese ich immer so einen kleinen dogmatischen Abbruch für die Wissenschaft bei dir durch. Das kann nur ein subjektives Gefühl sein, aber falls, dann müssten wir genauer Klassifizieren, wann Wissenschaft Wissenschaft ist, beziehungsweise, wann man wissenschaftlich argumentiert, und wann man nur Logeleien bedient, oder was zusammen kommt, wenn man sich Wissenschaft nennt, aber dann innerhalb seiner Disziplin so viele logische Fehlschlüsse hat, beziehungsweise Klassifizierungsfehler und dann noch spekulativ argumentiert (Ja, man liest es schon: Die Biologie stellt sich gern als Wissenschaft hin, ihr Wesen erlaubt ihr allerdings allenfalls eine Klassifizierung als Hilfswissenschaft zu).
    Liebe Grüße

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