ZehnMalZwei: Interview mit Chefket

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Gleisend helle Mittagssonne und eine unerträgliche Hitze, auf dem Kulturdachgarten “Klunkerkranich”, mitten in Berlin-Neukölln. Chefket befindet sich auf Promotour und wird von einem Interview zum Nächsten gereicht. Es muss eine seltsame Zeit sein für Musiker. Das Album kommt erst in ein paar Wochen raus (14.August), man wartet auf die ersten Reaktionen und kann nicht so richtig absehen, wohin die Reise angeht. Wir haben die Platte schon gehört und wenn ihr uns fragt ist alles sehr einfach: Chefket wird sein bisher reifstes Werk veröffentlichen. Er hat noch mehr Mut zu Pop und großen Melodien, ist, was die Raptechnik angeht, in der ersten Reihe der besten MCs im Land angekommen und hat seinen Weg, seine Themen und Leitbilder gefunden. In einer gerechten Welt müsste dieses Album charten und Chefket ab sofort im Plattenregal unter “Pop – im besten Sinne” zu finden sein. Aber jetzt erstmal viel Spaß mit dem ZehnMalZwei-Interview mit Chefket!

1 Rap oder Soul?

Soul. Weil im Soul auch der Spirit von Rap drinstreckt. Das Gleiche könnte man aber auch über Rap sagen. Also Raul oder Sap, ne Mischung also.

2 Doubletime oder Luft holen?

So schreiben, dass der Moment des Luftholens Teil des Doubletimes wird.
Auf dem neuen Album sind viele Doubletimeraps drauf, aber eigentlich war das gar nicht so geplant. Eigentlich ist gar nicht so viel Gespitte dabei, die Geschichten werden halt in Doubletime erzählt. Das war ein natürlicher Prozess. Man merkt ja auch, ob einen der Rap rhythmisch bremst oder ob es nach vorne geht. Live macht das dann auch noch viel mehr Spaß, man freut sich richtig darauf Doubletimeparts zu rappen.

3 Bretter, die die Welt bedeuten oder kleiner Kellergig?

Ich glaube das ist das selbe, oder!?
„Bretter, die die Welt bedeuten“ kann ja auch ein Kellerclub sein, muss jetzt nicht unbedingt ein Stadion sein.

Bei der letzten Marteriatour bin ich mit meinem DJ vor bis zu 12.000 Leuten aufgetreten und die Leute sind total abgegangen, das war krass! Das hat mir auch nochmal gezeigt, dass es auf diesem Level einfach viel mit Skills zu tun hat. Nobody´s face als DJ weiß einfach genau, was er macht.

Toll ist auch, dass man im Vorfeld auch genügend Zeit hat alles zu proben und dann live zusammenführt und dann merkt: Ok man braucht gar keine Special Effects, sondern es reicht der Text. Das ist irgendwie Roots HipHop mit wenig Gimmicks.

Der MC hat was zu sagen, der DJ hat die Skills und die Leute feiern das. Das ist geil!

Chefket @ Splash 18
Chefket @ Splash 18, hier klicken für den gesamten Auftritt auf Video bei arte Concert

4 Marsimoto oder Marteria?

Marsimoto, weil ich diese Attitüde mehr feiere. Aber wenn ich jetzt diplomatisch wäre müsste ich antworten: Marterioto oder so. Aber am meisten mag ich Marten Laciny, der ist der allerbeste!

Die Zusammenarbeit mit Marteria hatte unterschiedliche Phasen. Als ich 2009 mein erstes Album rausgebracht habe, war er auf der Releaseparty und wir saßen dann irgendwann besoffen in der Ecke und er meinte dann irgendwann: Hey, willst du nicht mit uns auf Tour kommen? Damals war Zum Glück in die Zukunft noch gar nicht draussen und wir haben immer vor einhundert Leuten gespielt. Und jetzt spielen wir zusammen vor Zigtausenden Leuten.

Marten ist wie ein Bruder für mich. Es ist einfach eine Riesenfamilie, auch hier in Berlin, wo wir alle zusammen ein Studio haben. Wenn man mal nicht weiterkommt, geht man in das Studion nebenan, es ist ein Kommen und Gehen, alle helfen sich gegenseitig. Es ist superschön mit den Leuten dann auch auf Tour zu sein.

Meine zweite Familie!

Ein von CHEFKET (@chefket) gepostetes Foto am


5 Glücklicher Rapper oder melancholischer Sänger?

Ich bin ja für viele Leute so der „traurige Soultürke“, aber Glück geht ja auch nicht ohne Melancholie. Das gehört für mich zusammen. Ich hatte schon mal eine lange Durststrecke mit tagelang Spaghetti und Soße. Wenn du dann merkst, was du hast im Leben, bist du glücklich. Aber wenn du dir Gedanken machst über die Welt wird man leicht traurig, das gehört dazu. Auch die eigenen Gefühle zu akzeptieren und nicht zu verdrängen. Ich kann ja nicht immer im Schneidersitz und grinsen. Das wäre die Hölle für mich.

Auf dem neuen Album singst du in vielen Liedern. Drückst du im singen etwas anderes aus oder ist es das Gleiche wie beim rappen?

Es ist eine andere Art von Ausdruck. Wenn ich mir vorstelle, dass jemand, der die Sprache nicht versteht zuhört, bekommt der trotzdem eine Stimmung mit und das ist das Schönste an Musik. Das Singen berührt die Seele und das Rappen ist ein bisschen verkopfter.

Den Gesang kann man wie ein Instrument einsetzen. Früher haben auf meinen Songs immer Chöre gesungen, weil ich keine Streicher hatte, aber inzwischen können wir auch Streicher einspielen lassen.

Orchester wäre sowieso geil. Ich habe neulich auf Facebook mit meinem alten Musiklehrer geschrieben. Der leitet den Kammerchor an meiner alten Schule. Mit dem würde ich mal gerne was machen.

Wenn Band, dann muss es richtig krass und ausgecheckt sein, wie bei The Roots oder Marteria/Marsimoto. Wenn Band, muss alles sitzen und darf nicht halbherzig sein. Dann lieber gute, ausproduzierte Beats. Also nicht mit der Haltung: Hauptsache irgendwas auf der Bühne, das ist manchmal voll fürn Arsch! Dann lieber konzentrieren auf was Gutes. Wenn es schlechter klingt als mit dem DJ, dann sollte man es auf jeden Fall lassen.

6 Im Studio einschließen oder “on the road” aufnehmen?

“On the road” kann man Gedanken aufschreiben oder vom Berg runtersteigen um zu kucken wie der eigentlich aussieht. Aber dann wieder zurückziehen, denn aus der Introversion entstehen ja die meisten Sachen.

Mit meinem Produzenten war ich auch in Marokko, Dänemark und Istanbul während der Entstehungsphase des neuen Albums. Da ging es aber eher um die Vision, Skizzen und die menschliche Ebene. Es war gut das an neutralen Orten zu machen und nicht in Hamburg oder Berlin.

7 Nachtmensch oder Early Bird?

Nachtmensch auf jeden Fall. Aber kein ungesunder Nachtmensch. Aber zum Arbeiten hat mir die Nacht immer am besten gefallen, weil man seine Ruhe hat.

Anders wie bei „Identitäter“ war es jetzt bei „Nachtmensch“ nicht so klar, in welche Richtung die Themen gehen. Ich bin erstmal ganz offen an die Themen rangegangen. Den Song “Nachtmensch” hatte ich schon gar nicht mehr auf dem Schirm. Irgendwann hab ich den wiederentdeckt und hab ihn ausgearbeitet. Später hab ich dann gemerkt, dass dieses Nachtthema fast überall mit drin war, aber das war ein natürlicher Prozess.

In „Nachtmensch“ wird ja auch beschrieben, wie ich in die U-Bahn steige und jeder in die Arbeit fährt. Und ich hatte so eine Zeit, in der ich mir echt gewünscht habe dazuzugehören, weil ich komplett am Arsch war. Nichts war klar, Rap war der einzige Fokus und ich wusste nicht genau, ob das der richtige Weg ist. Damals dachte ich: Ein Job oder versichert sein wäre cool. Irgendwann merkst du: Es war einfach eine Entscheidung nicht dazuzugehören. Man hat sein Leben eben so geführt, dass man einen alternativen Weg gegangen ist.

Das zieht sich durch das ganze Album. Nachtmensch ist ein Album für die Außenseiter, aber nicht im negativen Sinne. Lange Zeit habe ich mit dieser Rolle Probleme gehabt, weil ich dachte, irgendwas stimmt mit mir nicht.

Aber irgendwie läuft in dieser Gesellschaft auch sehr viel falsch, also denkt man sich: Irgendwie ist es ganz gut, dass ich nicht dazu gehöre und dass man ein riesiges Glück hat, wenn man etwas wie die Musik gefunden hat, was man liebt und damit auch die Miete zahlen kann.

Neulich wurde ich in einem Interview gefragt, ob ich finde, dass ich privilegiert bin und da muss ich sagen: Das war ganz lange nicht so. Bei „Identitäter“ hatte ich keine Wohnung und hab ich im Studio gepennt und bei Freunden geduscht. Inzwischen hat sich das geändert und man kann sehen, dass es der richtige Weg war.

8 Small Talk in der Bar oder tiefgehendes Gespräch auf dem Dancefloor?

Haha. Ja mit so einem Nietzsche-Buch auf der Black Hits-Party. Nee, Smalltalk hat schon was und ist irgendwie ganz witzig. Ich finde Smalltalks gut. Aber manchmal wenn man nüchtern auf einer Party ist, gibt’s diese Momente, wenn man denkt, dass man alles durchschaut und denkt: Nee, davon lass ich mich jetzt nicht verarschen.

Total bescheuert mit so einer Anti-Haltung im Club. Haha. Total dumm, aber man merkt dann, warum man eigentlich trinkt. Ich hab in den letzten drei Monaten keinen einzigen Schluck Alkohol getrunken, weil ich mich auf alles konzentrieren muss und keinen Kater haben darf. Das ging gar nicht. Diese ganzen Partys, das war ganz schlimm.

Aber ich finde Smalltalks lustiger. Deepe Gespräche entstehen von alleine, wenn bei Smalltalks auch beide Seiten verstehen, dass es irgendwie total plump ist und das dann auch noch überspielen und verarschen, dann kann es ganz lustig werden.

9 Fliegen oder schweben?

Fliegen könnte auch fallen sein, bei dem man denkt, dass man fliegt. Fliegen vom neuen Album war der erste Song, den ich geschrieben habe und dachte: Wow, jetzt fängt das zweite Album an. Damals wusste ich noch gar nicht, wo es hingeht. „Fliegen“ ist ein sehr abstrakter Song, in dem ich viel mit Präpositionen spiele.

10 Vernichtung oder Weltrettung?

Vernichtung, weil Weltrettung wahrscheinlich zu utopisch ist. Vernichtung geht auf jeden Fall. Im Text von „Vernichtung“ hab ich versucht eine allgemeine Ohnmacht zu beschreiben, weil wir wissen, das viele Dinge falsch laufen. Wir leben wie in einem Actionfilm oder denken: Irgendjemand wird sich darum kümmern. Da beziehe ich mich mit ein. Was will man den späteren Generationen sagen, was man dagegen getan hat? Bei einer Vernichtung ist man auf dem Nullpunkt und dann geht’s von Neuem los.

Im Song geht es im Kern darum, dass wir uns hassen und dadurch vernichten. Ob’s jetzt durch Drogen ist oder in der Weltpolitik. Wir sehen ja täglich was passiert. Wir verkaufen Waffen mit denen sich die Leute gegenseitig über den Haufen schießen. Leute sterben und wollen hierher fliehen. Alles ist durcheinander und wir sitzen davor und fragen uns: Was ist da los?

Am Ende von „Vernichtung“ wird ein Einstein-Zitat reingescratcht: „Ihr solltet euch alle schämen“ und das war absichtlich so gewählt, weil er natürlich auch seinen Teil dazu beigetragen hat, aber man kann aus der Nummer nicht so wirklich raus. Wir können im kleinen Kreis noch versuchen zu retten, was zu retten ist, aber ich glaube der rote Knopf muss gedrückt werden!


Wie entstehen denn Tracks, die sich mit der Gesellschaft oder Politik auseinandersetzen?

Man bekommt ja alles mit, was um einen herum geschieht oder sieht Nachrichten oder Dokus. Irgendwann ist dann alles so aufgestaut und muss dann raus. So war’s bei „Made in Germany“ auf „Identitäter“ und jetzt war es wieder so: Ich konnte irgendwann nicht mehr und beschreibe eigentlich nur meine Ohnmacht, weil ich ja auch keine Lösung habe und das ausdrücken möchte.

Im Gegensatz dazu versuche ich dann zu beschreiben, wie es gehen könnte. Indem man miteinander redet, indem man auf Leute zugeht. Aber das ist dann unter Menschen und nicht auf einer politischen Ebene.

Wenn wir auf die Straße gehen, wird’s nicht anders. Ich weiß nicht, was ich da ändern könnte. Ich sehe zwar, dass sich viele Leute engagieren, aber ich weiß nicht, ob da wirklich eine Veränderung stattfindet. Ich geh halt nicht auf eine Demo gegen Kapitalismus und hab Nike-Schuhe an. Wir sind alle mittendrin und wissen auch nicht genau, wogegen wir sind.

Aber wenn wir wissen wofür wir sind, dann kommt dabei etwas Positives, wie beim Track „Wir“ vom neuen Album raus.


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6 KOMMENTARE

  1. Richtig gutes Interview, hab noch nicht viele mit Chefket gelesen – war also mal sehr aufschlussreich 😉 Besonders seine Meinung zu Smalltalks und ernsteren Gesprächen finde ich gut! Kenne diese Situation selbst, wenn man nüchtern im Club ist und sich über diese Oberflächlichen Quatsch aufregen könnte. Ist einfach ein cooler Typ dieser Chefket! 🙂

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