Mit Farin Urlaub im Shitstorm: Und Nazis sind doch Arschgeigen

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Vor vier Monaten haute Farin Urlaub diese wütenden Zeilen raus, die mir zwar aus der Seele sprachen, aber doch nicht ganz wie Naziarsch auf Kloschüssel passten:

FarinUrlaubFrizz

Jetzt ist das Thema nochmal aufgepoppt, und neben Til Schweiger darf sich nun auch Farin Urlaub ordentlich im Shitstorm baden, wobei mein Artikel von damals ebenfalls ein paar Spritzer abbekommt. Bei einigen Kommentaren juckt es mir tierisch in den Fingern, weil es natürlich ein beschissenes Gefühl ist, missverstanden zu werden. Lässt sich aber leider nicht vermeiden, wenn man nicht grade eine 93-seitige Abhandlung zu einem Thema schreiben will. Manchmal komme ich mir so vor, als stünde ich auf der falschen Seite des Shitstorms und hätte mich aus Versehen mit denen verbündet, die Farin gerade ordentlich ankacken. Das kann ich nicht zulassen. Farin, du geile Poppunksau, ich hab zwar keine lila Strähne mehr im Haar, dafür aber immer noch ein Punkmädchenherz. Hier also mein “Nazi = Versager?” Teil II inklusive zweier Argumente der beiden Seiten, mit denen ich mich gerne nochmal auseinander setze.

Nationalstolz ist Bullshit

Argument der Farin-Gegner: “Wieso sollte man auf Deutschland nicht stolz sein? Die Amis, Franzosen, etc. sind das doch auch! Das ist doch wieder diese demütige Kriegsschuld-Haltung!”

Nein, ich meine das genauso, wie ich es damals geschrieben habe. “Klar sind da Versager dabei, die nicht kapieren, dass man aufs Deutschsein nicht stolz sein kann.” Ich stoße regelmäßig an die Grenzen meiner Geduld, wenn ich mich hier erklären muss. Stolz impliziert (nicht nur für mich, sondern auch für den guten, alten Duden) eine Leistung, durch die man sich überlegen fühlt und sein Selbstbewusstsein steigert. Doppelt blöd also, der Nationalstolz. Zum einen ist Deutschsein keine erbrachte Leistung und kaum etwas, zu dem man beigetragen haben könnte (ich war am Zeugungsakt meiner zufällig deutschen Eltern völlig unbeteiligt, Frechheit). Andererseits ist das sich-überlegen-Fühlen kaum eine besonders produktive Geisteshaltung, mit der man wertschätzend an andere herangeht. Lieber bin ich froh, deutsch zu sein (bzw. in Deutschland zu leben, denn was ist schon Deutschsein), und erfreue mich genauso an nationalem Kulturgut, Goethe und Bach und der Crew, wie es die ganze Welt mit mir tut. Also: Nationalstolz ist Bullshit, das gilt auch für Amis, Franzosen etc. Und wer sich unbedingt nationalstolz fühlen muss, der hat offensichtlich ein Problem mit seinem Selbstbewusstsein (Versager?!).

Farin Urlaubs Spruch darf man kritisieren

Argument der Farin-Fans: “Ist doch gut, wenn jemand mal seinen Mund gegen den rechten Mob aufmacht, wieso sollte man ihn da korinthenkackerisch kritisieren? Das ist echt übertrieben, kein Wunder dass sich das linke Lager selbst zerfleischt!”

Stimmt, ich bin froh, dass jemand überhaupt mal ein Statement bringt, das bestärkt nämlich zumindest die, die der ganzen Hetze und rechten Stimmungsmache sowieso schon kritisch gegenüber stehen. Die die Bösen, wir die Guten. Wir die Checker, die die Versager. Ist ein tolles Gefühl. Mehr bringt es allerdings auch nicht und hat sogar noch einen negativen Effekt, den ich bedenklich finde. Farin Urlaub darf sich, im gleichen Atemzug, in dem er Intoleranz, Verallgemeinerung und Menschenfeindlichkeit kritisiert, doch nicht dazu herablassen, das gleiche zu tun. Ist ja cool, dass sein Statement abgeht wie Schmitts Katze und massenhaft geteilt wird. Wichtig ist aber doch, was es bewirkt. Inwiefern sich Menschen zum Umdenken bewegen lassen. Inwiefern sich die Lager einmal annähern und dann das schaffen, was wir uns irgendwie alle wünschen: Frieden, Liebe und so.

Ja, Nazis sind Arschgeigen

Ich glaube, zwischen Farins Statement und meinen Senf gibt es ein kleines Missverständnis: “Alltagsrassismus” ist für mich nämlich nicht Flüchtlingsheime-Abfackeln, er ist viel subtiler. Klar besteht kein Zweifel daran, dass Unterkünfte anzugreifen und mit dümmlichen Parolen zu beschallen, Flüchtlinge zu beleidigen, zu bedrängen, einzuschüchtern oder gegen sie zu hetzen, richtig ekelhaft ist. Absofuckinglutely. Das sollte für jeden einigermaßen reflektierten und über ein Mindestmaß an Empathie verfügenden Menschen klar sein. Nazis = Arschgeigen. Keine Diskussion. Fraglich, ob sich bei denen noch was bewegen lässt. Die scheißen auf Frieden, Liebe und so, die wollen Stunk. Umso wichtiger ist, dass die Arschgeigen nicht noch mehr Zulauf bekommen. Dass die Schwankenden, die Unterschwelligen, die Unsicheren, die Zweifelnden, denen auch irgendwas nicht passt an der Situation, und die ihre diffuse Unzufriedenheit gerne auf einen Punkt konzentrieren würden, nicht zu diesen rechten Arschgeigen werden. Die Alltagsrassisten machen mir Angst, denn das sind viele. Der nette Nachbar. Der Student aus dem Bioladen. Der Wirtschaftsprofessor. Und denen darf man nicht so schnell “ooooh Arschloch” ins Gesicht grölen, sonst grölen die einfach zurück. Als rechter Mob.


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4 KOMMENTARE

  1. Kleine Klugscheißerei: natürlich warst du an deinem Zeugungsakt beteiligt! Das war eine beachtliche Leistung, dich gegen ne Million Mitbewerber/innen durchzusetzen.

    Ist aber immer noch kein Grund, auf ein Land stolz zu sein 😉

  2. Ich möchte ebenfalls keine Kritik an der Aussage des Artikels üben. Lediglich die feindliche Einstellung gegenüber dem Stolz finde ich ungerechtfertigt und ein wenig überspitzt.
    Sich auch an “Goethe, Bach und der Crew” zu erfreuen setzt im Grunde voraus, dass Kenntnis von der deutschen Sprache ( und Kontext) wenigstens in dem Rahmen vorliegt, dass überhaupt Freude bei der Wahrnehmung der Inhalte o.Ä. empfunden wird. Richtet man seinen Blick nun auf den Gesichtspunkt der deutschen Kultur, hat man eine gewisse Leistung zugunsten dieser vollbracht. Darüberhinaus wird mit dem alltäglichen Geschäft das Bestehen der deutschen Kultur mindestens insofern unterstützt, dass dem deutschen Staat, der wohl eine der obersten Institutionen der deutschen Kultur ausmacht, Steuern gezahlt werden (es soll ja Ausnahmen geben, aber der Durchschnitt….).

    Somit ist dem Menschen allgemein nicht in dieser Form, wie es obig geschah, die Leistung abzusprechen, die er erbracht hat.
    Ebenso wenig ist die notwendige Konsequenz aus empfundenem gesteigerten Selbstbewusstsein ein aggressives Verhalten gegenüber anderen Nationen, (Nationalitäten).
    Stolz zu verachten hat nur wieder Verachtung zur Folge.
    Naja….die Aussage des zweiten Abschnitts widerspricht grundlegend der Einleitung des selben :
    “Nein, ich meine das genauso, wie ich es damals geschrieben habe. „Klar sind da Versager dabei, die nicht kapieren, dass man aufs Deutschsein nicht stolz sein kann.“”
    oder?

    Außerdem halte ich den Ausruf “Nazis= Arschgeigen” nicht für besonders….”bedienungsfreundlich”, denn man sollte sich schon darüber bewusst sein, dass man Menschen kategorisiert und dem nicht sehr viel zugrunde legt.

    “…darf sich, im gleichen Atemzug, in dem er Intoleranz, Verallgemeinerung und Menschenfeindlichkeit kritisiert, doch nicht dazu herablassen, das gleiche zu tun.”
    …wahre Worte.

    LG

  3. “Nazis=Arschgeigen” bezeichnet eine Grundvoraussetzung, denn es gibt keinen Nazi der keine Arschgeige ist.
    Nur Arschgeigen werden Nazis, das ist quasi Voraussetzung.
    Unmenschenlichkeit ist ein Hauptbestandteil des Arschgeigenseins und das Nichtvorhandensein von Selbstreflexion. Dafür werden dann immer andere Menschen für das eigene Versagen verantwortlich gemacht.
    Das hat 1945 in der totalen Niederlage geendet, die Nazis sind quasi die Erfinder der totalen Niederlage. Und ihre Lügen vom “Tausendjährigen Reich” oder vom “Endsieg” sind eigentlich für jeden evident. Nur “Sektierer” können soetwas verdrängen, “Endsiegverlierer”, die nicht nur Deutschland vernichtet haben. Wieso können die Deutschlandvernichter eigentlich behaupten “Stolz ein Deutscher” auf,
    Solche Arschgeigen müssen allein wegen der Frechheit “das Maul nochmal aufzumachen”, angesichts ihres historischen Totalversagertums bekämpft werden.
    Angesichts der historischen Tatsachen, das Millionen Menschen das Leben gekostet hat, ist jeder Widerstand gegen dieses Gesindel gerechtfertigt.

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