Campino schreit nach der Staatsmacht und ich denke – Ja, bitte!

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Mein neues allerliebstes Lieblingswort ist Kotze. Irgendwie verwende ich das in letzter Zeit inflationär. Weil’s eben oft das einzige Wort ist, das mir noch einfällt. Ich lache Kotze. Ich weine Kotzodilstränen. Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte. Verzeiht mir also meine Wortwahl, aber nichts trifft diese emotionale Mischung aus Angst und Verzweiflung und Wut und Ungläubigkeit und absoluter Verwirrung besser als – Kotze.

Gestern war einer der hässlichsten Tage der letzten… Tage, wie Julian das in seinem Artikel so (un)schön zusammengefasst hat. Heute hetzen und brandstiften nicht mehr nur die Geister, es brennen Flüchtlingsheime und Scheunen von Nazi-Gegnern. Und wer mir erzählen will, es wäre doch noch nichts bewiesen und sowieso und überhaupt – ist mir egal. Was ich mit eigenen Augen an menschenverachtender Grütze im Internet lese und mit eigenen Ohren auf Nein-zum-Heim- und Hinterwäldlertal-wehrt-sich-Demos höre, ist schon erbärmlich genug und hat meinem Glauben an das Gute im Deutschen gehörig zugesetzt. Achso, ich verstehe das ja alles falsch, es geht ja eigentlich um die verlogenen Politiker, um den bösen Ami, um die gelenkte Lügenpresse, yeah, whatääf, dann demonstriert doch vor dem Reichstag oder vorm ARD-Studio und nicht vor schäbigen Flüchtlingsbaracken.

Dass einem bei all der Heuchelei die Galle hochkommt und der Schädel brummt, wenn man tagtäglich gegen diese Wand aus Brettern vorm Kopf anrennt, ist ja irgendwie verständlich. Und dass man sich dann eventuell zu Verallgemeinerungen (Farin Urlaub) oder einer übertriebenen Verwendung von Satzzeichen (Til Schweiger) hinreißen lässt, ist auch irgendwie entschuldbar. Nun schreit einer nach der Staatsmacht und deren Exekutive, dem man das irgendwie doch nicht zugetraut hätte: Campino. Er meint in einem Interview: “Bei offenen Bedrohungen gegen Flüchtlinge muss die Staatsmacht mit aller Härte vorgehen.” Okay, die Toten Hosen sind schon lange mehr Alpenstadl-Pop als Anarcho-Punk, aber trotzdem – die Staatsmacht soll’s richten? Warum sagt er das? Und warum sagt mein Bauch dazu auch noch: „Ja, bitte!“

Vielleicht weil ich auch einen Missstand fühle: Der Staat hat, gerade was „neue“ Phänomene angeht, die nie gehabte Kontrolle verloren. Sascha Lobo hat das gestern zur Trauerfeier des Tages ganz hübsch formuliert. Die Regierung sei gegenwartsblind, habe sich in einer Inszenierungsspirale verfangen, ohne Ideen, ohne verlässliche Lösungsansätze. Recht hat er. Irgendwie wirkt die Regierung mehr und mehr wie eine alte Dame, die sich in ihrer dementen Traumwelt eingerichtet hat, und mit der Zahnbürste telegrafiert. Durch die Unfähigkeit, kompetent und vertrauenserweckend zu erscheinen, haben die großen „Volksparteien“ ihre eigene Glaubwürdigkeit untergraben und ganz viel Platz am Rand gemacht.

Den Schwelbrand, der sich nun überall ausbreitet und aus Hass und Sozialneid speist, haben sie mitverschuldet. Allein schon, indem man die Bürger glauben machte, globale Ereignisse und die Globalisierung könnten das tüchtige, reiche Deutschland nie negativ betreffen. Und nun versucht man, das Buschfeuer mit einer Gießkanne zu löschen. Mit ein bisschen Zuspruch hier. Mit ein bisschen Dialog da. Mit einem Abschreckungs-Video für Balkan-Flüchtlinge dort. Dabei muss ganz klar sein: Wir leben in einer offenen und toleranten Gesellschaft, in der es eben doch Grenzen der Meinung und der Freiheit gibt. Sobald diese „Meinung“ und diese „Freiheit“ sich nämlich gegen Menschen richten und ihnen Schaden zufügen. The right to swing my fist ends, where the other man’s nose begins. Ein uralter Grundsatz unseres Rechtssystems. Und wofür ist der Staat da, wenn er ebendies nicht verteidigt? “Schaden” ist übrigens nicht nur, dem Asylbewerber die Fresse polieren oder dem Gutmenschen die Scheune wegzündeln. Schaden ist auch schon, Hetze und Falschmeldungen zu verbreiten. Also bitte, Staat, tu etwas, bevor’s zu spät ist.

Mein lieber Kollege Peter schrieb gestern: „Die Einschläge werden immer heftiger und kommen immer näher. Politiker schauen regungslos zu. #fassungslos #merkeln“ Ganz schön drastisch, das klingt ja nach Terror und Krieg. Leider teile ich das Gefühl. Egal, ob die Panik berechtigt ist oder nicht – wenn die Luft schon so brennt, sollte man da oben vielleicht mal aufhören, mit der Zahnbürste zu telegrafieren, und etwas unternehmen. Sonst muss ich verzweifelt weiter versuchen, all die besorgten Bürger wegzukotzen.

Bild: Campact


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3 KOMMENTARE

  1. Danke für den Artikel, der sehr meine momentane “Stimmung” wieder gibt. Wenn die Staatsmacht will, kann sie auch, z.B. am Samstag hier um die Ecke:
    http://www.derwesten.de/politik/protest-im-braunkohle-tagebau-id10990031.html
    Dann kommt auf einen Demonstrant schnell 10 Polizisten, eine Quote, die ich mir in Sachsen wünschen würde. Und es wird “konsequent und hart” durchgegriffen. Aber ein Braunkohlebagger ist natürlich deutlich schützenswerter als das Menschenleben eines Flüchtlings. “Da hängen Arbeitsplätze und unser Wohlstand dran” – höre ich schon.
    Komisch finde ich, dass die Generation meiner Eltern, durchaus noch von den letzten Kriegswirren hart getroffen, diesen schleichenden Nationalisums trägt.
    Mir scheints, als das ihr Gehirn komplett vermerkelt wurde.

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