916 Worte über einen unerfüllten Kinderwunsch

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Das hier wird ehrlich. Es wird hart.
Hart für mich, es zu schreiben, hart für Euch (vielleicht), es zu lesen.
Wer keine Lust auf harte Wahrheiten hat, denn auch dafür muss man natürlich in Stimmung sein, der darf jetzt… umschalten. Oder weiterblättern.
Allen anderen danke ich für ihre Zeit.

Die wenigsten, die mich persönlich kennen, können sich vorstellen, dass es mich überhaupt betrifft. Und noch viel weniger können sie wahrscheinlich verstehen, wie schlimm das ist. Weil man überhaupt nicht darauf kommt, dass mich so etwas betrifft.

Vor drei Jahren bekam ich von meiner Gynäkologin die Diagnose: kein Eisprung mehr. Damals war ich 38, Single, und es war ein Schlag mitten in die Fresse.
Vier Jahre zuvor hatte es eine Trennung gegeben, elf Jahre Beziehung waren vorbei und ich hatte mich gerade einigermaßen berappelt. Soll heißen: ich hatte mich zumindest soweit erholt, dass mir der Gedanke, jemanden zu finden und vielleicht doch, wenn auch spät, ein Kind zu bekommen nicht mehr ganz so abwegig erschien.
Und dann kam die Natur und nahm mir diese Entscheidung ab. Und ich verstand die Welt nicht mehr.

Bis dato war ich eigentlich ganz gut zurecht gekommen mit meiner Kinderlosigkeit. Ich redete mir ein, dass es eh nicht zu meinem Lifestyle passt (beruflich viel unterwegs, als DJ früher nächtelang auf), aber das ist natürlich Bullshit. Ich kenne einen Haufen DJs, die Kinder haben und auch vom Beruflichen her, natürlich habe ich Kolleginnen und Kollegen, die Kinder haben.
Klar, über Jahre hat mir dazu einfach der Mann gefehlt, ich glaube nicht an das Modell der unbefleckten Empfängnis und mich einfach so von jemand schwängern lassen, das ist nicht mein Stil. Ich sah und sehe mich nicht als alleinerziehende Mutter.
Vielleicht fragt Ihr Euch „Was ist denn mit dem früheren Partner? Warum hattest Du mit dem keine Kinder?“

Das habe ich mich auch lange gefragt, wollte der Antwort – und damit der Wahrheit – aber nicht ins Gesicht sehen: er war nicht der Richtige, er war einfach nicht der Mensch für mich, und ich habe das viel zu lange ignoriert. Obwohl er fies und gemein war, was die Kinderfrage betrifft. Er hat nicht geglaubt, dass ich eine gute Mutter sein könnte – und hat das an meinen Fähigkeiten in der Küche festgemacht. Er hat nicht an mich, an uns, geglaubt und ich habe das viel zu spät kapiert.
Jetzt hat er ein Kind mit einer anderen Frau, vielleicht auch schon zwei, und ich habe keins. Und werde auch keins mehr kriegen.

Und das ist furchtbar traurig, denn mittlerweile weiß ich, auch wenn das lange gedauert hat, dass mein Ex Unrecht hatte. Dass er ein mieser, kleiner, unsicherer Schluffi ist, der mich klein halten und an sich binden wollte, und sei es durch die Zerstörung meines Selbstwertgefühls.

Doch dieses Wissen hilft mir jetzt auch nicht.
Das Wissen ist nicht da, wenn man nach einem Businesstrip in die leere Wohnung kommt und nimmt einen in den Arm. Oder fragt, ob man ihm was mitgebracht hat.
Papa war früher auch manchmal ein paar Tage weg, und dann haben wir immer an der Wohnungstür schon auf ihn gewartet und gefragt, ob er uns was mitgebracht hat.
Das Wissen fragt nicht dreitausendmal in der Minute „Waruhum?“ in diesem beliebten Warum-Alter. Oder kommt abends nochmal aus dem Bett, weil es Durst hat. Das Wissen wird Dich niemals mit seiner klebrigen Marmeladenschnute abknutschen und Dein neues weißes Lieblingsteil mit seinen Schokohänden versauen. Oder die Tapete mit dem Edding verzieren, von dem Du dachtest, Du hättest ihn gut versteckt.

Nüchtern betrachtet, hat Kinderlosigkeit natürlich auch Vorteile. Vorteile, um die ich von Müttern glühend beneidet werde. Allen voran: alone time und absolute Stille. Die Freiheit, zu tun und zu lassen, was ich will. Ausschlafen. Wegfahren, auch wenn keine Schulferien sind. Krank sein dürfen, ohne Kinder versorgen zu müssen, weil es denen schlicht schnuppe ist, dass man krank ist.

Es ist hart, sich vor Augen zu führen, dass man nie Kinder haben wird. Auch keine Adoptiv- oder Pflegekinder. Denn auch wenn ich jetzt wieder in einer Beziehung bin, ich war es lange Zeit nicht, und die Chancen auf ein Adoptiv- oder Pflegekind für Alleinstehende mit unregelmäßigem Einkommen gehen gegen Null. Jetzt, jenseits der Vierzig, sogar noch mehr.

Ich finde das schrecklich, denn ich bin mit mir selber eigentlich schon zufrieden. Ich finde, ich bin ein guter Mensch mit guten und richtigen Werten, die ich gern weitergeben würde. Ich fände es so interessant, zu sehen, ob mein Kind auch so ein gutes Gehör hätte. Ob es genauso verpeilt (Verzeihung, Papa, zerstreut) und albern wäre wie ich. Und mein Herz bricht, wenn ich daran denke, dass ich das nie erfahren werde. Dieses Gefühl, wenn Du Dein eigenes Kind ankuckst. Dich und den Partner darin wiedererkennst. Das werde ich nie haben.

Die Scham, fremde schwangere Frauen zu beneiden und Pärchen mit Kinderwagen, diese Scham kenne ich gut. Ich kenne sie in- und auswendig, und manchmal finde ich darüber keinen Schlaf.

Ich gebe zu, auch ich erlebe diese Momente, wenn ich mal wieder einen Tag mit meinem Neffen und meiner Nichte verbracht habe – die ich abgöttisch liebe und als beste Tante der Welt verwöhne und miterziehe, soweit mich meine Schwester lässt -, in denen ich froh bin, dass ich in die Wohnung komme und kein Kindergeschrei zu vernehmen ist. Doch mit der Zeit werden diese Momente weniger und vor allem kürzer. Die Freude währt nur kurz, und dann stehe ich in meiner Küche, und es ist so still, dass man den Sekundenzeiger der Küchenuhr hört. Und das Ticken kommt einem unnatürlich laut vor.

8 KOMMENTARE

  1. respekt für diese offenen worte. obwohl wir inzwischen seit 6 monaten eltern sind, kann ich deine gefühle nachvollziehen. bei uns waren es probleme, auf die man mit medizinischen maßnahmen reagieren konnte. und dies erfolgreich. allerdings hat der erfolg sich auch erst nach 5 jahren eingestellt und es gab bis dahin viele dieser momente, wie du sie hier beschreibst.

    wir brauchen in dieser gesellschaft viel mehr offene worte über unerfüllte kinderwünsche und alles was damit zusammenhängt. seit ich selbst dieses thema in zwiegesprächen offen anspreche, weiß ich es von vielen anderen menschen auch. oder man erfährt von fehlgeburten und anderen problemen. man fühlt sich oft allein damit. aber darüber zu reden ändert das. und man kann sich austauschen, reflektieren und hoffentlich auch mit einem unerfüllten kinderwunsch als beste tante der welt weiterleben….

    ich wünsche dir alles gute und wer weiß, was die welt noch für dich bereithält….

  2. Vielen Dank für diesen sehr schönen & berührenden Artikel. Danke, dass Du Deine Ängste & Sehnsüchte aussprichst & somit auch meine.

  3. Der Artikel ist unglaublich hart. Ich habe 3 Kinder und als Mann ist es eh kein Thema mehr, wenn man bereits „gezeugt“ hat. Das geht vermutlich immer irgendwie. Der Prozess des weiblichen Körpers, dann irgendwann aber die Klappe zu zu machen erwischt eine Frau mal mehr, mal weniger hart. In deinem Fall gehe ich davon aus, dass du wirklich kinder wolltest und unabhängig davon war in deiner Vergangenheit dann aber doch vieles wichtiger. Ich weiß, dass das jetzt von mir hart klingt aber die Entscheidung, keine Kinder „früh“ zu bekommen wurde dank Pille und Kondomen bewusst getroffen.

    Das liest sich jetzt vielleicht viel heftiger, als es gemeint ist, aber wenn man mit weit über 30 erst ernsthaft drüber nachtdenkt, Kinder haben zu wollen, ist es vielleicht wirklich besser, keine zu kriegen. Klar: Jetzt wäre man noch fit, mobil, ist noch „cool drauf“ usw. aber die Kinder bleiben im Normalfall mindestens bis zum 18. Geburtstag bei einem wohnen. Dann ist man 50 und wenn die Kinder dann auch so spät erst Kinder kriegen, dann wird man das erste Mal „Opa“ oder „Oma“, wenn man selbst zu alt ist, überhaupt noch auf die Kids mal aufzupassen.

    Insofern ja: Ich gönne wirklich jedem, der Kinder möchte, Kinder. Aber wir leben alle nicht ewig und wir sind auch alle nicht ewig jung.

    PS: Wirklich, das ist nicht speziell auf dich gemünzt, ich glaube nur, dass viele einfach zu lange warten. Es gibt keinen „richtigen“ Zeitpunkt für Kinder. Niemals.

    • Dein letzter Satz hieße aber – und der Meinung bin ich auch – dass ein Kind weder mit 15 Jahren, 23 Jahren, 37 Jahren noch mit 42 Jahren per default unbedingt zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Da spielen tausend Faktoren mit rein, das Alter der Mutter ist natürlich einer davon. Ebenso relevant sind das mentale Alter der Eltern und Großeltern, Wohlstand, Weltpolitik, Bildungssystem, Erbfehler, Ernährung, Smog während der Schwangerschaft etc etc etc etc etc…oder?

      • Genau genommen ist alles relevant. Mal mehr, mal weniger. Letztendlich ist es so, dass man entweder reingeschubst wird. („Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger“ – „Ich behalte das Kind“) oder eben bewußt plant und macht und tut. Viel krasser ist ja, dass man sich drauf einstellen kann und im 7. Schwangerschaftsmonat werden dir alle Wünsche durch den Tod im Mutterleib kaputt gehauen oder plötzlicher Kindstod im allgemeinen. Es gibt keinen richtigen und eben auch keine falschen Zeitpunkt.

        Außer das mit den mentalen Großeltern, das ist egal.

  4. Dein Beitrag hilft mit, das Tabuthema noch öffentlicher zu machen. Wir haben über 2 Jahre gewartet, dann die Eileiter „durchgespühlt“ und dann losgelassen, waren zu gestresst und dann hat es geklappt mit der Entspannung..Heute sind total viele Faktoren, die zusammenspielen müssen..

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