“Refugees Welcome” Stellenanzeige vs. Legida-Marsch: Das Interview mit dem Initiator

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Fast tausendmal wurde unser Artikel zum Stellensuche-Transparent der Vodkaria in Leipzig am Montag und am Dienstag geteilt. Der Originalpost auf Facebook wurde fast 9000 mal geteilt und 17.000 mal geliket. Aber es gab nicht nur “likes”. Auch auf unserer Facebookseite wurde das Transparent kritisiert – Intoleranz mit Intoleranz zu bekämpfen, macht das Sinn?

Da das Thema “Diskriminierende diskriminieren? Hater haten? Oder lieber verständnisvoll annähern?” momentan gesamtgesellschaftlich kontrovers diskutiert zu werden scheint, haben wir per Facebook bei den Verantwortlichen nachgefragt. Der Inhaber der Leipziger Vodkaria stand uns freundlicherweise Rede und Antwort:

Ihr habt vorgestern ein großes Stellensuche-Banner vor die Tür deiner Vodkaria geklebt – mit MacGyver-artiger Fingerfertigkeit, möchte ich anmerken. Ein Kommentator auf eurer Facebook-Page spricht von Werbegag – sollte es einer gewesen sein: Glückwunsch, uns habt ihr gepackt. Raus mit der Sprache: War’s ein Werbegag? Wolltet ihr ein Zeichen setzen? Oder ist das einfach nur eine Stellenanzeige?

Wir haben uns zu dieser Aktion entschlossen, als bekannt wurde, dass Pegida bei uns vorbei”spazieren” würde. Nur für diese Leute haben wir es gemacht – als Bekenntnis. Natürlich ist die Veröffentlichung auf Facebook massenwirksam. Aber wenn man hier überhaupt von Werbung sprechen kann, dann nicht für den Laden, sondern für die Aktion; dafür, dass sich auch andere bekennen. Und ein bisschen auch um zu zeigen, dass Sachsen bunter ist, als es zur Zeit oftmals dargestellt wird.
Politik an sich hielte ich als Werbemittel für ein Dienstleistungsunternehmen für gänzlich ungeeignet.
Die Idee mit der Stellenanzeige war naheliegend, weil wir – wie die meisten Gastronomen in Leipzig – tatsächlich ein Problem haben, gute Leute zu finden.

Refugees welcome. Pegida/Legida-Anhang: <strong>So dringend</strong> ist es dann doch nicht!
Der Stein des Anstoßes: Das Stellenanzeige-Plakat auf der Facebookseite der Vodkaria vom Montag: Wir suchen dringend: (…) Refugees: welcome! – Pegida/Legida-Anhang: SO DRINGEND ist es dann doch nicht!!

Wie sahen die Reaktionen auf die Aktion insgesamt aus – online und vor Ort bei euch im Laden?

Von den Reaktionen sind wir völlig überwältigt – in zweierlei Hinsicht. Zum einen gibt es immensen Zuspruch. Zum anderen gibt es verhältnismäßig wenige, aber in der absoluten Zahl dann doch erschreckend viele Leute (0,1% von zur Zeit 2 Millionen erreichten Facebook-Nutzern sind eben auch 2.000), die uns, sagen wir: missverstehen (wollen). Angefangen von Werbung auf Kosten des Themas, Diskriminierung von Arbeitssuchenden aufgrund Ihrer Weltanschauung, über „Warum wollt Ihr keine Deutschen einstellen?“, „Nehmt Ihr jetzt Schweinespeisen aus der Karte?“ und „Asylanten sind halt billiger als Einheimische“ bis hin zu politisch motivierten schlechten Bewertungen auf diversen Plattformen und handfester Hetze ist da vieles dabei.
Wir haben aber auch einige Bewerbungen bekommen und freuen uns darüber.

Bei uns im Laden kamen halt viele Freunde des Hauses vorbei. Und eben Legida auf Ihrem Weg durch’s Viertel. Es war etwas angespannt. Aber wenn man sich im Vorübergehen mal die Meinung gesagt hat, hat das ja auch was Befreiendes. Glücklicherweise waren BEIDE Seiten zwar laut, aber zumindest bei uns nicht gewalttätig.

In der Zeit des großen Pegida/Legida-Hype hat es Stimmen gegeben, die davor warnten, mit den Anhängern der merkwürdigen Bewegungen auf Konfrontationskurs zu gehen. Man müsse die Gedanken und Ängste ernst nehmen. Ein Kommentator fragt euch, ob es korrekt sei, Diskriminierung mit Diskriminierung zu bekämpfen. Habt ihr einen Tisch frei, an dem sachlich über derartige Themen diskutiert werden kann?

Prinzipiell bin ich auch der Meinung, man müsse aufklären. Aber das galt für die fast 30.000 Mitläufer in Dresden. Unter den 700, die jetzt in Leipzig unterwegs waren, gibt es kaum noch schlecht informierte, besorgte Bürger, die mit ihren Ängsten allein gelassen werden. Gestern, das waren in erschreckendem Maße Rechtsextreme und Leute, die allein durch ihre gerufenen Parolen Straftaten begingen. Es war sehr gespenstig. Wer es sich von den Anwesenden bis dahin noch nicht eingestanden hatte – nach dieser Begegnung muss jeder sagen: ja, wir haben in Sachsen ein rechtes Problem.
Natürlich reden wir in unserer kleinen Gastwirtschaft. Irgendwie sind Kneipen doch auch für so etwas da Ich persönlich habe auch einigen Kritikern der Aktion bei Facebook angeboten, zu diskutieren. Leider bin ich so ziemlich in jedem dieser Fälle weiter beschimpft worden.

Danke für eure Zeit und für das Interview!

Zum Abschluss sprachen wir noch ein wenig über das Kerngeschäft der Vodkaria, u.a. Vodka. Da der Teil des Gesprächs für alle Beteiligten zu arg nach Werbung roch, ersparen wir ihn der Öffentlichkeit. Einen Appell des Inhabers zum Ende des Gesprächs möchte ich aber doch noch zitieren:

Redet miteinander. Dringend.

Word.


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