Dürfen wir das Bild des toten Aylan teilen? #Kiyiya

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Mein Mund ist trocken und in meiner Magengegend spüre ich ein leichtes Brennen. Zeichen von Stress ausgelöst von einem einzigen Bild, das in meinem Kopf viele Bilder auslöst. Eine große Frage: War es das wert? Wie schlimm muss das gewesen sein, was diese Menschen zurückließen, dass sie dieses Opfer brachten?

Es geht um das Bild des toten 3-Jährigen Aylan Kurdi, der am Strand liegt. Viele von euch werden es kennen. Viele schauen hin, sind erschüttert und machen weiter. Andere teilen das Bild, wie auch ich. Dennoch habe ich seit gestern überlegt, ob ich damit richtig handle. Dann wiederum habe ich mich gefragt, warum ich mir diese Frage stelle. Ist es der Umgang mit dem Tod in unserer Gesellschaft? Man soll die Toten ruhen lassen, sie nicht angaffen? Diese Frage stellt sich die in Deutschland aufgewachsene und sozialisierte in mir.
Dann gibt es die Seite mit den iranischen Wurzeln, die sagt: Ja schau hin! Schaut alle hin! Dieser kleine Mensch darf nicht umsonst gestorben sein. Wir müssen es alle körperlich spüren, unsere Münder müssen trocken und unsere Mägen schwer werden, damit wir es verstehen!

Wenn es um Schicksale und das Leben oder den Tod anderer Menschen geht, können wir nicht mit Zahlen kommen. Das mag ein Teil der Bevölkerung moralisch wachrütteln, aber der Teil, der Dinge erfahren, fühlen, schmecken und riechen muss, der muss dieses Bild sehen, damit der Körper ihnen zeigt, was da seit Jahren passiert!

Stimmen aus dem Netz

Aylans Tod ist innerhalb eines Tages zum Symbol einer humanitären Katastrophe geworden.

#Aylan

Ein von Zeynep U. (@zeeeey_) gepostetes Foto am

Stimmen in der Presse und bei befreundeten Bloggern, die auch nicht wissen was zu tun ist, tun das was Journalisten glauben immer tun zu müssen: Reaktionen aus den Sozialen Medien in die Moral-Waagschale legen.
So auch der geschätzte Kollege Friedemann:

Und ich denke: Wenn wir das Bild eines ertrunkenen Kindes brauchen, um Menschen nicht ertrinken zu lassen, dann kommt jede Ethik zu spät.

Und ich frage mich: Welche Ethik kommt wo zu spät? Wir können hier nicht einen globalen Share-Knigge einführen und daran die Moral unserer Gesellschaft festhalten. Es braucht sicher nicht solche Bilder damit wir was tun, es braucht die Erfahrung am eigenen Leib und die Katastrophe vor der eigenen Haustür. Gerade deshalb sind viele Menschen auf eigene Faust oder aber auch organisiert unterwegs, damit sie den Flüchtlingen in ihrer Stadt helfen können.

Ganz genau hat es die Süddeutsche Zeitung auf den Punkt gebracht. Dieses Bild lässt keinen Raum für Missbrauch oder Verzerrung, wie es mit einem Stacheldrahtzaun passiert.

Über die Bilder des toten Kindes von Bodrum aber kann selbst die Schundpresse wenig anderes schreiben als: Horror! Diese Unzweideutigkeit macht die Aufnahmen zu besonderen Aufnahmen, denn sie weisen ins Zentrum dieser humanitären Krise

Egal was wir für uns persönlich als richtig empfinden; es darf nicht sein, dass wir uns gegenseitig einen Stempel aufdrücken und darüber urteilen, ob das teilen dieses Bildes richtig oder falsch ist. Das führt völlig an der Sache vorbei. Wir sind nicht alle gleich und doch sind wir es in vielen Dingen. Der Umgang mit dem Tod sollte hier erweitert gesehen werden, damit wir alle gemeinsam über unsere Grenzen gehen und verstehen, was hinter den tausenden von Toten im Mittelmeer steckt: nämlich tausende menschliche Einzelschicksale.

 

 

3 KOMMENTARE

  1. Zum Glück bestimmen die Großmedien nicht mehr, was gezeigt werden darf und was nicht.
    Das tote Kind ist so anrührend wie nichts sonst, was rund um die furchtbare Situation der Flüchtlinge je gezeigt wurde. Es rührt das Herz – und das ist nun mal ein wichtiger Faktor in der Politik. Sein Tod bekommt dadurch große Bedeutung – und ich kann nicht erkennen, dass dabei seine Würde verletzt wird. Schließlich ist es nicht entstellt, sieht aus wie schlafend…
    Die Zeichnung ist auch wunderschön, danke dafür!

  2. Dann würde mich jetzt aber doch noch interessieren, warum man ein wohlfeiles Thinkpiece, in dem man sich quasi selbst die Erlaubnis erteilt, das Bild zu verteilen, mit einer kitschigen Verfremdung desselbigen dekorieren muss.

    Ich beschäftige mich regelmässig mit dem Elend der Welt und ich rufe auch bewusst solche Bilder auf. „BEWUSST“ ist das Stichwort. Ein totes Kind reihenweise im Zeitungskiosk, ein totes Kind reihenweise „indiscriminately“ geteilt in sozialen Netzwerken, neuerdings versehen mit Poesiealbumssprüchen und schwarzen Luftballons – was genau soll das erreichen? Soll mir das zeigen, wie empathisch und emotional mitgenommen die Teiler sind? Ich halte sie eher für unsensibel und rücksichtslos.

    Ja, das Bild gehört in die Zeitungenn und in die Berichte der Onlinemedien, aber ist es tatsächlich zuviel verlangt, die Konsumenten vorzuwarnen, dass sie gleich mit dem Tod konfrontiert werden statt ihnen eine Kinderleiche frontal ins Gesicht zu knallen? (Am besten noch zwischen Werbung, Gewinnspielen und Tittenbildern, aber das führt jetzt wohl zu weit.)

    Davon abgesehen würde ich die Erziehung meiner eigenen Kinder gerne selbst übernehmen und sie nicht selbsterklärten aufrüttelnden Schocktherapeuten überlassen.

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