Flüchtende in Europa – welche Länder tragen finanziell die größte Last?

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Gregor und seine Kollegen der NY Times haben vor ein paar Tagen ein Text mit dem Titel “Which Countries Are Under the Most Strain in the European Migration Crisis? veröffentlicht, zu Deutsch in etwa: „Welche Länder tragen die größte Belastung in der Europäischen Flüchtlingskrise?”

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Aus diesem Diagramm geht eindeutig hervor, dass Deutschland nicht wirklich den größten Ansturm an Asylanträgen zu wuppen hat, so wie das allem Anschein nach viele Deutsche denken. Diese Perspektive war leider ein bisschen versteckt hinter den absoluten Flüchtlingszahlen und man musste sich erstmal durchklicken, um die Flüchtlingszahlen pro Einwohner zu sehen. Nach den ganzen Nachrichten aus Deutschland und dem Rest Europas in den letzten Tagen und Wochen habe ich mich gefragt, wer wohl finanziell die größte Last trägt. Ich hatte so ein Buchgefühl, dass Deutschland eigentlich zu den Ländern gehören sollte, die es sich ziemlich leicht leisten können, viele Flüchtlinge aufzunehmen.

Ich habe mir also zu den Flüchtlingszahlen aus dem NYTimes-Artikel Daten aus der World Economic Outlook Database genommen, um zu sehen, ob ich mit meinem Bauchgefühl richtig lag. Dabei habe ich einfach die Zahl der Asylanträge pro Land seit 2011 durch das voraussichtliche Bruttoinlandsprodukt für 2015 geteilt . Das ganze sieht dann so aus (Vollbild):

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Es ist klar ersichtlich, dass von einem rein finanziellen Standpunkt aus betrachtet, die große Zahl von Flüchtlingen, die zur Zeit nach Deutschland strömt, weit weniger problematisch ist, als für andere Länder. Als Balkendiagramm sieht das ganze so aus:

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Balkendiagramme

Auch wenn sich die Gegenüberstellung von Asylanträgen pro Milliarde Dollar BIP etwas unübersichtlich darstellt, so geht doch aus dem letzten Diagramm ganz klar hervor, dass die größte finanzielle Last derzeit auf Ländern liegt, die finanziell eh nicht besonders gut aufgestellt sind. Deutschland, Frankreich und Schweden auf der anderen Seite sollten mit den nominell hohen Flüchtlingszahlen relativ leicht fertig werden.

Einige Anmerkungen zu den Daten: Der Artikel in der NYTimes hat Serbien und Kosovo zusammengeworfen, daher habe ich deren jeweiliges BIP auch zusammengerechnet. Auf der Karte erscheinen sie mit ihren jeweiligen Landesgrenzen getrennt, die Zahlen geben aber die Summe für beide Länder wieder. Die Rohdaten und das R Script für die Balkendiagramm gibt es auch zum Download.

Update vom 4. September 2015: Es gibt einen neuen Artikel in der NY Times, der sich ebenso mit einer gerechten Verteilung von Flüchtlingen in Europa befasst und sowohl frühere Vereinbarungen als auch wirtschaftliche Faktoren berücksichtigt.

Dieser Artikel ist in der englischen Fassung zuerst auf carsten.io erschienen.

4 Kommentare

  1. Die Übersicht ist leider unvollständig: Es fehlen die Länder des früheren Ostblocks, die inzwischen auch zur EU gehören, wie Polen, Tschechien, die Slowakei und die baltischen Staaten. Diese erhalten 55 Prozent, also mehr als die Hälfte der aller EU-Hilfen für Flüchtlinge, nehmen aber nur 16 Prozent aller Flüchtlinge auf (!), was möglicherweise der Grund ist, weshalb sie in den Statistiken nicht aufgeführt werden. Und die dort genannten Staaten des Ostblocks schleusen die Flüchtlinge zwar mehr oder weniger durch, wollen sie aber wie die übrigen nicht auf Dauer aufnehmen.

  2. Damit hätte ich nicht gerechnet, dass vor allem Schweden seit 2011 so eine hohe Anzahl an Asylanträgen hat. Da sind wir in Deutchland echt noch im durschnittlichen Bereich. Mal schauen ob es sich beim nächsten Aufenthalt in Schweden sich bemerkbar macht, denn ich hätte eher mit Norwegen gerechnet, dass dort die meisten Anträge gelangen!

    • Schweden hatte schon immer eine liberale Asyl- und Einwanderungspolitik; man denke beispielsweise an die vielen US-Amerikaner, die während des Vietnamkriegs dort als Deserteure Zuflucht gefunden hatten! Leider kippt die Stimmung auch dort: Rechtspopulisten und rechte Parteien gewinnen auch dort immer mehr an Zulauf.

      • Noch ein Nachtrag zu Schweden: Viele Flüchtlinge wollen dorthin, weil sie dort bereits Verwandte haben. Und dass dort die Stimmung kippt, beweist nicht zuletzt eine Mordserie vor nicht allzu langer Zeit, als ein Scharfschütze gezielt Menschen erschoss bzw. schwer verletzte. Als die Polizei feststellte, dass es es sich bei den Opfern mitsamt um Zuwanderer handelte, schaltete sie schneller als die hierzulande bei den NSU-Morden und ging von fremdenfeindlichen Motiven aus. Der Tätet wurde inzwischen gefasst und meines Wissens nach auch verurteilt. Motiv: Ausländerhass!

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