Die Ästhetik der Flucht

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Ist es grausam, wenn ein Fotograf im Elend versucht die Ästhetik einzufangen? Als ich letzte Woche die Bilder von Sergey Ponomarev sah, war ich gefesselt. Die Tatsache, dass hier leidende und entwürdigte Menschen auf der Flucht gezeigt werden, ist die eine Seite der Medaille. Ihre Gefühle und ihren Zustand auf das Bild zu bringen und dabei mit einem ästhetischen Anspruch heran zu gehen, die andere.
Wer heutzutage nicht nur konsumieren will, sollte sich angewöhnen Bilder zu hinterfragen. Dabei geht es nicht darum, Behauptungen über den Wahrheitsgehalt aufzustellen, sondern viel mehr um die Frage nach dem Warum. Warum spricht mich und so viele Menschen dieses Bild an?

Viele Bilder von flüchtenden Menschen erreichen uns derzeit fast täglich. Doch die, die sich am schnellsten verbreiten scheinen uns am meisten emotional zu berühren. Es ist, als ob wir uns mit unseren eigenen Augen davon überzeugen, dass es diesen Menschen schlecht geht. Erst wenn wir sehen, dass ein Kind an den Strand gespült wurde oder ein Mann, blutverschmiert, ein Kind auf dem Arm trägt und vor irgendetwas davon läuft, scheint es, sind wir kollektiv überzeugt, dass es diesen Menschen besonders schlecht geht.

Doch sind es nicht die Bilder allein, die uns verstehen lassen. Bilder mögen uns primär ansprechen aber dennoch heben sie die Gültigkeit des Textes nicht auf. Sergey Ponomarev fängt Momente ein, die eine symbolische Kraft ausstrahlen, bei der Interpretation lässt er aber den Betrachter nicht allein. Die Schilderung der eingefangenen Situation in Textform hinterlässt keine willkürliche Projektionsfläche für jeden Betrachter, der nach Gusto, wie in der Kunst, etwas sehen kann, was wohlmöglich nicht stimmt.

Somit schafft es Sergey Ponomarev eine Ästhetik in der Flucht zu sehen, die er durch Nachbearbeiten der Bilder + Komposition + Motiv besonders betont. Es sind also nicht nur die Menschen auf dem Bild, die uns bewegen. Auch der Stil der Fotografie spielt eine sehr entscheidende Rolle.

Syrian refugees sleep in commute train as they travel across #Macedonia from southern to north border where they will enter #serbia

Ein von Sergey Ponomarev (@sergeyponomarev) gepostetes Foto am

Teaser Bild von Sergey Ponomarev

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