Der reine… Rinder-Bahnsinn!

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Die Ecke des Frankfurter Hauptbahnhofs, an der der Taxifahrer mich rauslässt, stinkt nach Pisse. Ich halte die Luft an. In einer Pfütze schwimmen gefühlt fünfzig Zigarettenkippen. Ich haste, die Gitarre auf dem Rücken, Rucksack an den Koffer geschnallt (zusammen bestimmt 30kg) und letzteren vorsichtig schiebend durch die Einfahrt. Die Gepäckkonstruktion lässt sich nicht so leicht rollen, kippt immer wieder um, weil der Rucksack einfach zu schwer ist.

Vor mir erscheint Gleis 23, das allerletzte ganz hinten. Es herrscht ein furchtbares Gedränge im Bahnhof. Ich hab noch 45 Minuten und tierisch Druck auf der Blase.
Das Toiletten-Center heißt WC-Fresh oder so und liegt im Untergeschoss. Keine Rolltreppe, kein Fahrstuhl. Also schnall ich den Rucksack nach vorn, denn Koffer und Rucksack lassen sich nicht zusammen tragen. Unten angekommen krame ich umständlich mein Portemonnaie aus der Handtasche raus, schmeiße 2€ in den Automat und kriege 1€ und einen Wertbon zurück. Mit dem ganzen Gedöns walze ich in das Damenklo.
Schlange.
Atmen, Lena, atmen. Mir wird warm.

Es geht zum Glück schnell und ich bin nach fünf Minuten wieder oben. Gleis 4 orten… gefunden.

Auf der Anzeige ist noch nichts zu sehen, der Aushang mit der Wagenreihung sagt, ich muss ans andere Ende. Mein rechter Arm schmerzt von der Zieherei und der Schieberei.
Ein unglaublich schlecht angezogener Mann sitzt da auf einer Bank. Typ Banker. Hellbraune, teure Schuhe zu schwarzen Socken und viel zu kurzen grauen Anzughosen. Als ich mich gerade frage, ob das erlaubt ist, fährt der Zug ein. Also, der IC, der aus Berlin kommt, hier zuende ist und wieder nach Berlin zurückfährt.

Die Tür des Wagens, in den ich einsteigen werde, öffnet sich, ein sehr kleiner – vermutlich japanischer – Tourist mit einem riesigen Koffer zwängt sich durch die viel zu enge Tür, nimmt dann vom Bahnsteig aus den noch größeren Koffer seiner noch kleineren Freundin entgegen. Diese kann den Koffer wohl nicht selber tragen, weil sie in der rechten Hand ihr verkacktes iPad hält und an der anderen ihre halbangezogene Jacke und ihr Rucksack baumeln. Fast bleibt sie in der Tür hängen.
Ja nee, hauptsache, das Gadget keine Sekunde aus der Hand gelegt… denke ich noch, und wie zur Bestätigung dieses Gedankens macht sie dann ein komplett überflüssiges und langweiliges Foto von ihrem Freund, auf dem er nur von hinten drauf ist.

Sicher, an diesen Moment werden sie sich ein Leben lang erinnern wollen. „Weißt Du noch, wie wir damals am Frankfurter Hauptbahnhof ankamen und den Bahnsteig betreten haben?“ *seufz“ „Ja, Schatz, und weißt Du noch, als Du diese Milchtüte in den Einkaufswagen gelegt hast?“
Na gut.
Als niemand mehr aussteigt, steige ich ein. Die ICs sind, was den Komfort in der ersten Klasse betrifft, irgendwie charmanter, weil gemütlicher, allerdings auch ein bisschen abgerockt. Und die Abteilgänge, die sind scheiße eng. Mein Koffer rollt auf diesem alten Teppich nicht, nur dank der Musik auf den Ohren kann ich einen akuten cholerischen Anfall abwenden.

Dann bin ich endlich in meinem Abteil, ich kommuniziere dem Universum bereits seit geraumer Zeit meinen Wunsch, doch bitte allein im Abteil zu sein, was natürlich an einem Freitag Abend leider eher unwahrscheinlich ist.
Und ja, dann gesellt sich ein Typ dazu, sagt artig Hallo und setzt sich gegenüber. Also, so diagonal. Ich saß am Fenster, er gegenüber am Gang. Und wie das manchmal so ist, kommen wir ins Gespräch und ich bin dann doch gar nicht die Misanthropin, in die ich mich normalerweise nach so einem scheiß Tag (ja, der war schon scheiße, lang bevor ich am Hauptbahnhof ankam) verwandele. Ich frage ihn, bis wohin er fährt und er sagt, dass er eigentlich nach Lüneburg muss und in Kassel umsteigt. Und dass er 15min zum Umsteigen hätte und sich ein bisschen Gedanken macht, weil der IC mit sieben Minuten Verspätung losgefahren ist.

Ich beruhige ihn, tatsächlich habe ich mit Intercitys wesentlich weniger bis gar keine Probleme hinsichtlich der Pünktlichkeit gehabt, als mit ICEs. Und bis Hanau hat er, wenn ich mich recht erinnere, auch zwei Minuten wieder reingeholt. Also alles gut.

Direkt nach Fulda (bis Kassel sind es dann vierzig Minuten) gehe ich auf das Zugklo. Ich habe etwas vor. Das Fenster, das sich eigentlich öffnen lässt, ist mit so Vierkantschrauben gesichert, damit man es nicht aufkriegt. Ich ziehe mein Multitool aus der Tasche und klappe die Zange aus. Damit drehe ich die Schrauben und zack, lässt sich das Fenster öffnen. Mach das mal mit einer Smartphone-App! Ich stecke mir eine Tüte an und lausche dem Lärm, den die Luft macht, der Intercity gibt ordentlich Stoff. Ich bin der MacGyver unter den Kiffern.
Ich rauch das Ding nur halb, gehe dann pinkeln, mach das Fenster wieder zu und sprühe ein bisschen Deo in den Raum. Wie früher, als wir heimlich auf’m Schulklo gekifft haben…

Ich falle in den bequemen Sessel, tu mir wieder Musik auf die Ohren und penne ein.

Deswegen kriege ich erst gar nicht mit, dass der Zug zwanzig Minuten nach Fulda, auf halber Strecke Richtung Kassel, einfach stehen bleibt.
Ich bin so fertig, dass ich äußere akustische Reize nur von ganz fern durch die Musik wahrnehme, als ich langsam aufwache. Mittlerweil ist es dunkel draußen.
Ich nehme mir die Kopfhörer ab und frage meinen Mitreisenden: „Bild ich mir das ein, oder stehen wir hier?“
Er nickt, sichtlich angepisst. „Meinen Anschluss kann ich vergessen…“ Ich frage ihn, ob man weiß, warum wir hier stehen. „Nee, bisher nicht.“
Noch regt mich das alles nicht wirklich auf, schließlich muss ich keinen anderen Zug mehr kriegen und ich geh nach der Ankunft (geplant: 23:04 Südkreuz) eh gleich pennen, aber für ihn tut mir das alles schon leid.

Also unterhalten wir uns. Was er denn so gemacht hat in Frankfurt, wenn er jetzt nach Hause fährt. „Bewerbungsgespräch.“ Ah. Er sorgt sich, wegen der Uhrzeit, ob er an diesem Tag überhaupt noch nach Hause kommt, wenn die ICEs alle weg sind. Ich gebe zu bedenken, dass unser Zug ja die Strecke blockiert, an uns kommt ja keiner vorbei. „Stimmt ja!“ freut er sich und sein Gesicht hellt sich auf.
Irgendwann schreckt uns die Stimme der Zugbegleiterin auf. Es knackt in der Leitung. „Verehrte Fahrgäste…“ es knackt wieder und dann ist es still. Ich muss lachen. Das ist so typisch Deutsche Bahn, ehrlich. Ein paar Sekunden später hört man sie wieder. Sie erzählt etwas von einem Tier auf den Gleisen und dass sich unsere Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit verzögert. Jetzt muss ich richtig lachen… Ein Tier auf den Gleisen! Das ist echt neu! Ich frage mich, warum sich das Tier nicht längst erschreckt hat und weggelaufen ist. Is da ein Elefant auf dem Gleis eingepennt oder was?

Ich überlege, ob es sich nicht vielleicht um einen sogenannten „Fahrgastunfall“ handelt und die sich bloß nicht trauen, das zu sagen.

Die Zeit verstreicht. Mittlerweile weiß ich, dass mein Mitreisender Jan heißt, 25 ist und gerade eine Weltreise mit seiner Freundin unternommen hat und sich jetzt halt bewirbt. Er sagt, er hat ein gutes Gefühl wegen dem Vorstellungsgespräch. Er erzählt von der unberechenbaren Wildnis in Australien und ich von der unberechenbaren Bahn in Deutschland. Nach etwa einer Dreiviertelstunde (ich habe mittlerweile den Rest vom Joint geraucht und mir war es egal, dass der Zug stand und die „Lüftung“ nicht so funktionierte) kam eine Durchsage, dass wir jetzt wohl rückwärts zurück nach Fulda fahren, um dann von dort eine Alternativ-Strecke zu nehmen.

Okay… Es bleibt spannend.

Jan und ich sehen den Lokführer durch den Gang hetzen, ans andere Ende. Und nach einer weiteren gefühlten Ewigkeit – ich habe mir mittlerweile so einen richtig klassischen HipHopper-J gedreht, denn mir war klar, diese Zugfahrt dauert wohl noch was – setzt sich der Zug ruckelnd in Bewegung. Wir eiern also langsamer, weil rückwärts, wieder in Richtung Fulda. Aufgrund der andauernden Pampa-Situation kann ich dem Jan leider auch nicht mit meiner DB-App helfen.

So leid es mir für Jan tut – er hat in der Zwischenzeit mehrere Gespräche mit einem vernünftigen Zugbegleiter geführt, der ihm ab Braunschweig (dort hält der Zug regulär) zumindest eine Taxifahrt nach Hause auf Kosten der Bahn zusichert -, ich kann mich dieses Mal irgendwie nicht ärgern. Die Umstände. Mittlerweile hängen wir 90 Minuten hinterher. Ja, dann komm ich halt später ins Bett. Nach dem, was ich heut schon für ’ne Schlepperei hatte, um 4:00 aufgestanden wegen nix (danke, Presswerk), dann zum Flughafen mit den Jungs, dann Gepäckschieberei zum Taxistand, ab zum Bahnhof, bla bla bla, da schocken mich 90 Minuten auch nicht mehr. Hauptsache, ich kann hier einfach sitzen bleiben und muss nicht in einen anderen Zug. Kein Bock mehr auf Schlepperei. Mir fällt eine Horrorstory von meinem Kollegen Volker ein. Der wurde im Hochsommer mal aus einem Zug evakuiert, irgendwie so 45°C und niemand wusste, wann es wie weitergeht. Dann doch lieber so. Hat ein ganz bisschen was von Klassenfahrt. Ich hab auch noch Pizza im Rucksack, und M&Ms und die Ferrero Küsschen, die ich geschenkt bekommen hab. Mit Mon Cherie draufgeklebt. Die gebe ich dem Jan, die vertrag ich nämlich nicht (da muss ich nur dran riechen und hab schon Schädel), und der Jan ist so angenervt, dem wird ein bisschen Alkohol ganz gut tun. Er freut sich auch echt drüber. Der Zugbegleiter, der grad bei uns drin ist, lehnt allerdings ab.

Irgendwann, es fehlt glaub ich nicht mehr viel bis Fulda, wird der Zug wieder langsamer und bleibt dann auf freier Strecke stehen. Ich kucke links aus dem Fenster und sehe die erleuchteten Fenster eines ICE an uns vorbeiziehen, in genau die Richtung, in die wir eigentlich wollten, wo doch aber die Strecke gesperrt war…? Es war wohl übrigens eine ganze Kuhherde, jedenfalls sagt das meine Schwester, mit der ich per SMS kommuniziere, die hat das ertwittert.

Es knackt in der Sprechanlage. Tick tack tick tack, dann hört man: „Verehrte Fahrgäste…“ kleine Kunstpause, „ich muss mich schon jetzt für diese Ansage entschuldigen“ Fuck, denke ich, die Herde blockiert jetzt auch die Alternativstrecke, fuck fuck fuck, ich will nicht in Fulda übernachten, ich will niiiiiicht! „Kurz nachdem wir unsere Rückwärtsfahrt begonnen hatten, wurde die Strecke wieder freigegeben. Wir fahren jetzt gleich weiter nach Kassel und informieren Sie sobald wie möglich über Ihre Anschlussmöglichkeiten.“
Jetzt ist es vorbei mit meiner Beherrschung, eventuelle Restbestände von Genervtheit sind verflogen und ich feiere mein Leben.

Und auch das Universum hat irgendwie zugehört. Kurz vor Kassel heißt es, dass dort noch ein ICE nach Hamburg erreicht wird, ein Glücksfall für Jan, von Hamburg kommt er immer irgendwie weg, sagt er, auch mit 123 Minuten Verspätung. Wir verabschieden uns.

Für den Rest der Fahrt habe ich das Abteil für mich allein, ich mache das Licht aus, um eventuell Zusteigende abzuschrecken. Ich ziehe sogar die Schuhe aus, hehe. Ich packe die Gitarre aus und singe mir selbst etwas vor. Ich rauch die Tüte gemütlich auf Klo, und sehe, dass auch andere Leute dort Zigaretten geraucht haben. Die letzte Stunde verbringe ich mit Amy Schumer und bin auf einmal gar nicht mehr müde.

Wer hat behauptet, die besten Geschichten schreibt das Leben? Die besten Geschichten schreibt die Deutsche Bahn.

 


Das Titelbild basiert auf: Image taken from page 62 of ‚A Social Departure: how Orthodocia and I went round the world by ourselves … With … illustrations, etc. [Reprinted from “The Lady’s Pictorial.”]‘ und entstammt der Flickr-Sammlung der British Library, die es unter folgenden Nutzungsbedingungen veröffentlicht haben.

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