Der Ryanair Hoax und das Problem der großen Newsseiten

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Mittlerweile ist (leider) klar, dass die RyanFair-Meldung eine Falschmeldung ist. Auf der gefakten Kampagnenseite war zu lesen, dass Ryanair Refugees Welcome sagt und Flüchtlinge ab dem 12.Oktober aus Griechenland, Mazedonien, Slowakei und Ungarn nach Frankfurt, Rom, Paris, Berlin, Kopenhagen, Brüssel und weitere Städte bringen will.

Ohne Visa! Das Einzige, was sie vorweisen müssen ist ein Dokument aus dem hervorgeht, dass sie nach den EU-Asylrichtlinien schutzbedürftig sind. Auch die 3000 Euro Strafe, die pro „illegal“ einreisenden Flüchtling anfallen, will RyanAir bezahlen. Man hoffe, „dass andere Fluglinien die Kampagne unterstützen, um die EU dazu zwingen zusammenzukommen und die Flüchtlingskrise zu bewältigen.“

Diese Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer und den Brandbeschleuniger kippte wohl die dpa auf die Meldung. Die Agentur tickerte die Meldung nämlich an alle großen Medienhäuser und die wiederum veröffentlichten die Nachricht zum größten Teil automatisiert. Das ist übrigens eine gängige Praxis der großen Nachrichtenseiten. Über einen Feed laufen die Meldungen der Agentur direkt in die Content-Management-Systeme der Newsseiten und werden meist voll automatisch und ohne weitere Kontrolle durch Redakteure veröffentlicht.

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Das erklärt, warum in der Google-News-Suche noch jetzt, also zum Zeitpunkt zu dem ich gerade diesen Artikel schreibe, die Falschmeldung zu finden ist und diese auf vielen Nachrichtenseiten noch nicht aktualisiert wurde. Im Gegensatz zur automatischen Veröffentlichung von dpa-Meldungen ist das Ändern/Depulizieren von Änderungsmeldungen meist nicht automatisiert.

Die dpa entschuldigte sich mittlerweile bei ihren Kunden und verspricht die Umstände des Fehlers in einem Frage- und Antwort-Stück zu dokumentieren.

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Automation und hoher finanzieller Druck

Nun möchte ich gar kein großes Finger-Pointing hier veranstalten, denn Fehler macht jeder einmal, vom kleinen Blogger, über große Nachrichtenagenturen bis hin zu den Redakteuren der großen Newsseiten. Das Problem bei der ganzen Sache ist meiner Meinung nach der enorme finanzielle Druck der großen Verlagshäuser. Der Konkurrenzkampf zwischen den Redaktionen ist sehr groß, die Erwartungen auf Redakteure und „Blattmacher“ riesig und „digitale“ Nachrichten sind im Normalfall ein defizitäres Geschäft. Um Geld zu verdienen muss Reichweite her, Klicks auf die Seite, und jede Menge (unschöne) Werbeeinblendungen aller Art. Diese Reichweite erkämpfen sich die Redaktionen zum Beispiel über aggressive Clickbait-Teaser in den sozialen Netzwerken oder durch SEO und Geschwindigkeit.
Wer eine Meldung zuerst hat und verbreitet darf auf reichlich Traffic hoffen wenn ein Thema „heiß“ ist. Klicks von der Suchmaschine gibt es ebenfalls über Aktualität und Updates zu einem Thema. Der sogenannte Longtail-Content, also Themen, die Otto-Normalleser zwar nicht interessiert, aber bestimmte Nischen abdeckt, sorgt in Massen produziert für reichlich Speck im Archiv. Hier wird einfach auf die schiere Masse an Meldungen gesetzt und gehofft, dass User XYZ, der zum Beispiel auf der Suche nach einem Handballverein eines Zweitligisten ist die entsprechende Meldung im Archiv aufruft.

Im Gegensatz zu den teilautomatisierten News-Größen haben wir uns, nachdem die RyanFair-Meldung bei uns aufgeschlagen ist in der Redaktion abgesprochen. Uns war allen klar, dass dies so oder so eine Meldung für uns ist. Hätte sich herausgestellt, dass die Meldung echt ist, hätten wir unsere Einstellung der Airline gegenüber überarbeitet. Sollte sich herausstellen, dass es ein Hoax ist (was es auch ist) drehen wir unsere Berichterstattung in eine andere Richtung, zum Beispiel „das wäre mal eine angemessene und humane Reaktion einer Airline zur Flüchtlingskrise gewesen“.
Schließlich ließen wir in der ersten Version unseres Beitrags offen ob es stimmt oder nicht (zu dieser Zeit war die RyanAir-Pressestelle nicht erreichbar) und titelten mit „Hoax oder kein Hoax!? Ryanair will angeblich Flüchtlinge ohne Visa-Prüfung in ihre Wunschländer fliegen„.

Zu guter letzt möchte ich den Kollegen Julian noch einmal zitieren, denn er bringt es mit dem letzten Absatz seines Beitrags auf den Punkt:

Wer auch immer das zu verantworten hat, er/sie hat eine absolute Meisterleistung hingelegt. Diese Hammermeldung so zu streuen, dass haufenweise renommierte Medien darauf hereingefallen sind ist wirklich ganz großes Tennis. Wir haben ja das Zentrum für politische Schönheit im Verdacht, aber es kann natürlich auch jeder andere sein. In jedem Fall hat er/sie das Handbuch der Kommunikationsguerilla sehr genau gelesen.

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