Vier Jahre geile Musik – Wir stellen dem Club Gretchen Fragen

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Ende September 2015

Ich schlendere die Obentrautstraße im sonnigen Kreuzberg hinab und das erste, was mir durch den Kopf geht, als ich vor der Hausnummer 19-21 stehen bleibe, ist: „So sieht der Laden also bei Tageslicht aus!“

Ich stehe vor dem Gretchen, verabredet zum Interview mit den beiden Menschen hinter und im Club. Einem Club, der nicht nur mir sehr am Herzen liegt. Ein Club, in dem ich rauschende Parties zu wirklich wirklich wirklich guter Musik gefeiert habe, Musik abseits des Mainstream, Musik, die auch dann mitreißt, wenn man sie vorher noch nicht kannte.

Die Tür öffnet sich, und Lars erscheint. Sonnenbebrillt und sympathisch hält er mir die Tür auf. Wir laufen durch den Club, Gerätschaften liegen herum, kräftige Männer werkeln, Sonnenlicht fällt durch die Hintertür hinein. Durch eben jene Tür laufen wir wieder hinaus in den sonnendurchfluteten Innenhof. Pamela, die zweite im Bunde sitzt dort, ebenfalls sympathisch und mit bunt tätowierten Armen, die ich nicht aufhören kann, anzustarren.

Wir stellen uns vor, und dann läuft das Interview schon – wobei mir persönlich der Ausdruck „Gespräch“ besser gefällt.

Gratulation zur Bereicherung der Berliner Clubszene und Glückwunsch zum vierjährigen Bestehen!

birthday

Beide, sichtlich erfreut: Vielen Dank!

Seid Ihr aus Berlin?

Lars: Ich ja.

Pamela: Und ich nicht, ich bin seit ’93 in Berlin.

Wie seid Ihr darauf gekommen, einen Club aufzumachen? Kommt Ihr aus der Szene, Pamela, Du vielleicht in Deiner Heimatstadt?

Pamela: Nee, ich bin dazugekommen, Lars hat angefangen mit dem Club.

Lars: Genau, ich hab ’93 meinen ersten Club in Berlin gemacht.

Welcher war das?

Lars: Das ACUD. Das gibt’s ja heute wieder als Kunsthaus. Anfang der neunziger Jahre war das ja die Zeit in Berlin wo es in Mitte einige Kunsthäuser gab. Ich hab damals ’93 halt angefangen, ’nen Club zu machen, aber auch das ganze Kunsthaus mit zu organisieren und habe dann ’96 das ICON gemacht, seit ’97 dann auch zusammen mit Pamela.

Pamela: Wir haben uns Ende ’97 kennengelernt und dann bin ich da reingerutscht, so von jetzt auf gleich quasi…

Also, Du warst jetzt nicht schon in Deiner Heimatstadt in der Szene unterwegs?

Pamela: „Überhaupt gar nicht, ich komm auch aus ’ner ganz anderen Musikrichtung. Wir machen ja hauptsächlich elektronische Musik, und ich komm aus ’ner ganz anderen Ecke eigentlich, hab viel Gitarrenmusik gehört früher.“

Ich schaue auf ihre Tattoos und muss grinsen.

Was ist Euer Anspruch mit dem Gretchen? Euer Programm ist extrem vielfältig, Ihr habt ja auch letztes Jahr einen Preis bekommen für das vielfältigste Booking.

Beide bejahen stolz

Wie kommt es zu dieser Vielfalt? Sind das persönliche Geschmäcker, die da mit reinspielen?

Pamela: „Unser Anspruch ist tatsächlich, einfach vielfältig zu sein, das ist in der Tat die Idee hinter der Vielfältigkeit, dass wir genau das wollen. Lars macht das Booking und hat einfach einen exzellenten Musikgeschmack und ist halt sehr, sehr offen. Der Focus liegt bei uns ganz einfach auf qualitativ hochwertiger Musik. Das klingt ein bisschen abgehoben, aber darum geht’s uns im Grunde. Wir machen im Großen und Ganzen fast alles im elektronischen Bereich, außer… also eigentlich kein Techno und auch nur wenig House. Wir machen sehr viele Sachen, die uns einfach musikalisch ansprechen, teilweise auch intellektuell ansprechen; manche Sachen versteht auch vielleicht nicht jeder.“

Seid Ihr zufällig selbst Musiker oder DJs?

Lars: „Ich bin DJ, schon lange, aber ich habe heutzutage gar keine Zeit mehr, mich da wirklich zu kümmern. Lege halt hin und wieder noch auf, aber früher in den Neunzigern und auch in den Nullerjahren habe ich selber sehr, sehr viel gespielt.“

Ich finde, man merkt das. Ich bin selber auch sehr musikaffin. Ihr macht aber nicht nur Elektro, ich denke da an so Nächte wie damals, als Criolo hier war. Da war es so brechend voll… Was für ein Abend! Oder Ondatrópica beispielsweise, das ist ja so gar nicht elektronisch. Solche globalen Perlen, das macht Ihr also auch immer wieder gerne?

Lars: „Genau. Es geht ja darum, eine gewisse Offenheit zu zeigen, dass man musikalisch nicht in einer Einbahnstraße denkt. Es geht uns auch nicht darum zu bestimmen, was gut oder schlecht ist, aber wir haben schon den Anspruch, den Leuten auch zu zeigen, kuck, in der heutigen Zeit in der wir leben gibt es so vielfältige Möglichkeiten, Musik zu präsentieren. Es gibt so viele unterschiedliche Einflüsse von ganz vielen unterschiedlichen Kulturen. Es ist halt einfach toll, dass man die Möglichkeit hat, den Leuten jemanden wie Criolo zu präsentieren, der ein großer Star in Brasilien ist. Hier spielt er dann sein einziges Deutschland-Konzert bei uns im Gretchen, was halt auch cool ist. Dieses Jahr hat er dann auch noch in zwei, drei weiteren Städten in Deutschland gespielt. Oder jemand wie Robert Glasper, den ich immer gerne nenne, der hat im Jazz und R&B den Grammy gewonnen, der spielt dann hier bei uns.
Dann haben wir aber auch unsere Drum’n Bass-Nächte, oder die vielen anderen Sachen… zum Beispiel den „Flying Lotus“ oder so. Und das ist toll, weil einen das ja auch beeinflusst in der heutigen Zeit. Uns ist es wichtig, den Leuten genau das zu zeigen. Wir haben hier auch zwei-, dreimal im Jahr richtige klassische Musik, was halt auch noch mal ein Stilbruch ist im Vergleich zu dem, was wir sonst machen. Wir haben jetzt im Sommer im Hof auch Theatervorstellungen gehabt, das weicht ja auch komplett von dem Rest ab, den wir machen.
Für mich gehört das alles eben auch zum Begriff „Club“. Man bietet den Leuten eine gewisse Vielschichtigkeit. Es ist auch schön, das hat glaube ich mal jemand geschrieben, der zur Fête de la musique hier war, dass man hier ein Publikum im Alter von 18 bis 70 hat. Und das ist tatsächlich so. Das ist cool, es gibt nicht nur junge, es gibt nicht nur alte, es gibt kein ‚Du kommst hier nicht rein, weil Du zu alt oder zu jung bist.‘ Uns ist es wichtiger, den Leuten Offenheit und Vielfältigkeit zu zeigen.“

Pamela: „Das Tolle ist halt, Lars steht auf jeden Fall hinter all den Sachen, die wir machen. Sein Musikgeschmack ist genauso breit gefächert, wie das Programm, das wir hier haben.
Natürlich haben auch wir eine Stammklientel von Leuten, die wir damals vom ICON mitgebracht haben, die in der Regel aus einer Sparte kommen. Wir haben sehr viele Drum’n Bassheads, die zu unseren Freunden, unserem Drum’n Bass-Publikum zählen und die aber bewusst auch zu anderen Veranstaltungen kommen. Weil sie sich halt einfach sagen, wenn wir das machen, dann muss das gut sein. Es muss ihnen nicht zwingend gefallen, aber es ist auf jeden Fall keine dumme Musik. Die wissen, dass wir uns dabei was gedacht haben. Also kommen die und hören sich das an. Und oft gehen sie raus und sagen ‚Das war total super!‘ obwohl sie es vorher nicht kannten.
Und die, die musikalisch was drauf haben, die sehen eben auch die Einflüsse von einem Ondatrópica-Abend im Drum’n Bass…“

Das kann ich als ‚User‘ tatsächlich bestätigen. Getreu dem Motto: ‚Auch, wenn man es nicht kennt, wenn es im Gretchen läuft, muss es geil sein!‘ Ich mein das ganz ehrlich, ich hab hier schon ein paar Sachen gesehen. Und es gibt Euch ja nicht ohne Grund schon vier Jahre mit einem gleichbleibend guten Programm. In der Berliner Club-Kultur ist es, glaube ich, schwierig geworden, gerade wenn man nicht so ein Mainstream-Programm fährt, sich über Wasser zu halten. Der Erfolg gibt Euch recht!

Beide stimmen zu und freuen sich.

Gab’s denn irgendwann mal einen Künstler, der so dermaßen die Hütte abgerissen hat, dass Ihr sagt ‚Den buchen wir nie wieder!‘?

Pamela: „Gibt’s, aber wir nennen keine Namen!“

Allgemeines Gelächter

Pamela: „Klar, die gab’s. Aber da geht es mehr um Künstler, die uns persönlich letztlich musikalisch enttäuscht haben. Die produzieren vielleicht tolle Sachen, taugen aber als Künstler auf der Bühne nichts. Die rocken dann ihr Set gelangweilt runter, und das ist eben nicht unser Anspruch. Wir finden schon, dass der Künstler ja eigentlich für die Leute spielt und mit den Leuten „zusammen sein“ sollte. Am Ende ist es auch irgendwie eine Dienstleistung, die Leute zahlen ja dafür. Und wenn das halt so’n Künstler ist, der ’ne Fresse zieht, und leidenschaftslos seine Knöpfe drückt, dann funktioniert das halt nicht. Das ist für uns ein Ausschlusskriterium. Den würden wir nicht nochmal buchen.“

Lena: „Selbst, wenn am besagten Abend des schlechtgelaunten Künstlers die Kasse geklingelt hat?“

Lars: „Auf jeden Fall. Kohle ist nicht das, was uns primär wichtig ist.“

Pamela: „Es ist eben auch so: wir sind immer hier. Immer vor Ort, es sei denn, wir sind im Urlaub. Soll heißen, wir kriegen ja mit, wie die Nacht läuft, für uns ist alles im Vorfeld harte Arbeit und wir reißen uns den Arsch auf, und da versaut einem ein schlechter Auftritt eher die Laune als geringe Einnahmen. Klar, wir müssen Geld verdienen, aber dann lieber anders. Mit Künstlern, die unsere Leidenschaft und die des Publikums teilen.“

Lena: „Schöne Einstellung. Gerade wenn es um Kunst geht, brauchen wir Herz.“

Lars : „Ich bin der Meinung, was die Interaktion zwischen Künstler und Publikum angeht, man merkt ja langfristig, ob der Funke überspringt und jemand mit Herz bei der Sache ist oder nicht. Das merkt man sofort an der Stimmung, der Energie im Publikum. Das überträgt sich immer.“

Lena: „Gibt’s einen Künstler, den Ihr noch nicht hattet und den Ihr unbedingt mal buchen wollt?“

Gedankenschwangere Stille…

Lars: „Die Liste ist echt kurz geworden…“

Dafür ist Eure Hall of Fame echt lang und beeindruckend! Sogar Chico Trujillo waren hier!
(Anm. der Redaktion: große Nummer der Berliner Cumbia-Szene, ursprünglich aus Chile, haben ca. zehn Jahre in Berlin gelebt, in denen ich sie gefühlte tausendmal erlebt hab…)

Beide, unisono: „Das war auch so toll mit denen!“

Die sind immer toll!

Pamela: „Es gibt bestimmt Künstler, die wir gern hätten und die schlichtweg zu teuer sind. Wir sind ja nicht nur Veranstalter, sondern auch Clubbetreiber. Ich finde, es ist einfacher, Veranstalter zu sein, da suchst Du Dir die Perlen raus und weißt, damit verdienst Du Geld, und das ist okay. Das ist ein ruhigeres Dasein im Vergleich zu dem Job, den man als Clubbetreiber machen muss. Der Vorteil des Betreiberdaseins wiederum liegt darin, dass wir Veranstaltungen, an denen wir nichts verdienen oder sogar draufzahlen, mit anderen Veranstaltungen ausgleichen können.
Nichtsdestotrotz gibt es natürlich Künstler, die sind so exorbitant teuer, das ist finanziell einfach nicht machbar. Beziehungsweise müssten wir dann wirklich 30 – 40 Euro Eintritt nehmen und das widerspricht aber unserem Anspruch. Dann sollen die ruhig in einer 20.000er-Venue spielen und die Leute zahlen dort 15 Euro. Das ist zwar dann ein anderes Flair als bei uns, aber das ist dann halt so.“

Lars: „Das schöne ist, es gibt auch Künstler, die wir vom ersten Tag an kennen und quasi mit bekannt gemacht haben. Die sind mittlerweile echt große Nummern, spielen aber nach wie vor bei uns. Das ist wie in so ’ner Familie.“

Ich finde, man spürt dieses Familiäre total. Das finde ich superwichtig, denn es unterstreicht Eure Authentizität.
Wie kommt es zu dem Namen Gretchen…? Hieß eine Eurer Omas so? Oder geht es tatsächlich um Goethes ‚Faust‘?

Pamela: „Na ja… der Ursprung ist eigentlich ein anderer. Wir waren im Urlaub, ich muss dazu sagen, ich lese sehr viel im Urlaub. Mittlerweile hab ich einen E-Reader, aber früher hatten wir teilweise Gepäckprobleme, weil wir immer so viele Bücher mit dabei hatten. Ich lese nämlich einen Roman am Tag, wenn ich im Urlaub bin. In diesem Urlaub musste ich mir Bücher kaufen, weil ich nicht genug dabei hatte. Da habe ich mir einen Roman gekauft, von einer amerikanischen Autorin, Chelsea Cain, da ging’s um eine SerienmörderIN. Das war ein extrem gutes Buch. Die Frau war ultrabrutal, und diese Frau, die Romanfigur, hieß Gretchen. Das hab ich am letzten Tag gelesen und auf dem Rückflug hab ich Lars von dem Buch erzählt. Und dass ich es halt mal ganz interessant fand, dass es eine SerienmörderIN ist, sonst sind das ja immer Männer. Was ich so lustig fand, war, dass die amerikanische Hauptfigur ‚Gretchen‘ heißt. Und ich kenn das von früher halt nur aus’m Deutsch-Leistungskurs, Faust eben. Und das war damals genau die Zeit, in der wir überlegt haben, ‚Wie nennen wir eigentlich den neuen Laden?‘ Es gab ein paar Ideen, fast alles irgendwie englischsprachig, wobei keiner von diesen Vorschlägen wirklich hängen blieb. Was natürlich im Umkehrschluss auch bedeutete, dass es nicht der richtige Name war. Und als ich Lars im Flieger von dem Buch erzählte und den Namen aussprach, da gab es so einen Moment. Wir kuckten uns an und wussten, ‚Das isses.‘ Und genauso wie Goethe dem Gretchen verfallen war, so kann man der Musik verfallen. ‚Gretchen‘ steht auch ein bisschen für die von Goethe beschriebene Naivität, eine gewisse Reinheit, was man vielleicht auf die Musik übertragen kann.“

Wie ist Euer eigener Ausblick auf die Zukunft? Kann das die nächsten zehn, fuffzehn Jahre so weiterlaufen oder habt Ihr ein bestimmtes Ziel, auf das Ihr hinarbeitet? Vielleicht ’ne Dependance in München oder in anderen Städten?

Pamela: „Es gab mal die Idee, das ICON und das Gretchen parallel zu führen, wobei aus der letztlich nichts geworden ist. Dann kommt hinzu, dass wir sehr eng mit unserem Team zusammenarbeiten, das ist mittlerweile total eingespielt. Wenn wir zwei Läden hätten, würde das nicht funktionieren, dann müssten wir uns aufteilen. Und wir lieben es aber alle hier, immer zusammen und dabei zu sein, auch abends, nach dem Gig. Und dieses Gefühl, wenn die Masse schreit, weil der DJ so geil auflegt, wer weiß, wie das wäre mit zwei Läden.
Also Dependance in dem Sinne eher weniger. Aber so eine Gretchen-Nacht, mit der man andere Städte besucht, das wär schon cool. Wir sind ein sehr kleines Team und im Moment fehlt leider schlicht die Zeit, so etwas zu organisieren.
Interessant wäre auch ein eigenes Label, oder ein Gretchen-Sampler.
Im Moment scheitert es (noch) an der Zeit, da wir eben auch keinen Bock haben, aus Zeitmangel irgendwas zusammen zu schustern, hinter dem wir nicht stehen.“

Großartiges Schlusswort. Ich bedanke mich aufs allerherzlichste für das Gespräch!

 

Als ich gehe, bin ich fast ein bisschen traurig. Ich hätte mich noch ewig mit den beiden unterhalten können. Man spürt, dass beide mit Herzblut dabei sind. Und das merkt man auch den Abenden im Gretchen an. Die Male, die ich dort war bin ich bisher noch immer bei Tageslicht aus dem Club gestolpert und mit einem vor Tanzglück strotzenden Grinsen in den U-Bahnhof Mehringdamm gehopst.

Und irgendwie habe ich Lust bekommen, Goethe’s „Faust“ zu lesen… UND natürlich, das kommende Wochenende mit denen durchzufeiern. Versteht sich von selber, dass die es geburtstagsmäßig richtig krachen lassen. Ich sag nur Mouse on Mars. Kid Simius.
Wer’s genau wissen will, bitteschön.

Mir bleibt noch, Lars und Pamela im Namen der Blogrebellen nochmals für die letzten vier Jahre zu danken und für die nächsten vierzig alles Gute zu wünschen! Rock on!!!

cake

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