ZehnMalZwei: Interview mit Wanda

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Gitarrenmusik bei den Blogrebellen? Das verwundert nicht nur euch, liebe Leser, sondern auch die Promomenschen von Wanda. Mit uns Blogrebellen hätten sie Wanda eher nicht in Verbindung gebracht. Wir finden: Es war höchste Zeit dafür.

Warum? Das Wiener Quintett Wanda ist seit dem Release der Debüt-LP “Amore” Ende 2014 der heißeste Scheiss und schmissigste Hype seit Ewigkeiten und zwar überall: In den Feuilletons, in Hipsterhausen, im Wirtshaus, auf dem iPhone deiner 16-jährigen Cousine (Frag ruhig mal nach!). Schon auf Platte spürt man die Inbrunst, die Dringlichkeit und Hingabe der fünf Österreicher. Live wird das Ganze noch einmal von einer Euphorie potenziert, die nur schwer in Worte zu fassen ist. Um das Ganze wieder in nüchterne Bahnen zu lenken: Wanda sind eine überragend auf den Punkt eingespielte Band, die auf voller Konzertlänge ekstatisch eins wird mit dem Publikum. Nicht nur, weil Sänger Marco haufenweise Zigaretten und Alkohol an Fans verteilt und mitunter bis zur Bar crowdsurft, um da einen Schnaps zu trinken. Getragen wird die Band neben dieser Euphorie von einer sehr groovigen Rhythmus-Sektion, in den Schwebezustand katapultiert von einem vor Kreativität und genialischer Improvisation strotzenden Organisten, geerdet von einem extrem coolen, breitbeinigen Gitarristen und in den Kosmos geschossen von Sänger Marco Michael Wanda, dem Hohepriester in der Gestalt eines Sängers, der das Publikum in der Umarmung hat, wie ich es noch nie erlebt habe. Ihr merkt schon: Es war allerhöchste Zeit mal nachzuhaken und zu hören, was hinter dem Hype steht. So viel sei schon mal verraten: Eine ganze Menge. Das Drama auf Bühne und Platte hat seine Entsprechung im Interview mit Sänger Marco Michael Wanda und Gitarrist Manuel Christoph Poppe.

1 Im Morgengrauen im Taxi raus aus der Stadt oder nach Hause laufen?

Marco: Nach Hause laufen, weil es die gnadenlose Realität ist. Ich bin noch nie mit dem Taxi aus der Stadt raus gefahren, nur im Song „Easy Baby“

Manuel: Ich hab früher über der Donau gewohnt und da war mir das Taxi dann doch lieber.

2 Gitarre oder Keyboard?

Beide sofort: Gitarre!

Eure Alben sind sehr gitarrenlastig. Live kommt das Piano noch viel mehr zur Geltung, auch durch die Ray-Manzarek-esken Orgelpassagen z.b. bei der elfminütigen Liveversion von „1,2,3,4“. Ist das eine bewusste Entscheidung?

Marco: Ja, weil man diesen begnadeten Christian Hummer erstens kaum zurückhalten kann und zweitens ist es irgendwie seit „Hey Jude“ aus der Mode gekommen Elfminüten-Stücke im Radio zu hören. Das kann man den Musikern gar nicht mehr vorwerfen, ich glaube es liegt eher daran, dass diese Gesellschaft mit ihrer Aufmerksamkeit überfordert ist. Wir lieben das Epische in Songs und das komplette Verlieren auf der Bühne.


3 Hallucination Company oder EAV?

Marco: Hallucination Company

Die Hallucination Company ist als Band ein sehr offenes Projekt, bei euch kommt es mir immer so vor, wie wenn es Wanda nur mit euch fünf geben kann.

Marco: Wir reichen uns als Kommune und wir haben das Gefühl, dass wir zwar musikalisch geschlossen sind, aber trotzdem jeder mitmachen kann. Wir haben unsere Konzerte immer als Happening verstanden und wir würden uns freuen, wenn viel mehr Menschen auf die Bühne kommen würden. In Deutschland ist es ein bisschen streng. Da lassen die Securities nicht wirklich was zu. Neulich in Osnabrück hatten wir zum ersten Mal überhaupt ein paar Leute auf der Bühne. Ich habe mich wahnsinnig gefreut. Zur Company: Ich fühl mich auch als Teil der Company, weil ich mit ihnen drei Lieder gesungen habe. Es ist schön, dass es Bands gibt, die so ein offenes Konzept fahren, aber wir sind musikalisch geschlossen.

Manuel: Ich hab EAV als Kind viel gehört. Die haben witzige Texte. Blöd und intelligent zugleich.

4 Falco oder Jim Morrison?

Marco: Kommt darauf an, in welcher Stimmung man ist. Der Jim Morrison ist tragisch irgendwie und der Falco auch. Aber er hat dreizehn Jahre länger gelebt. Wahrscheinlich dann doch Falco, weil er ein bisschen mehr hatte von seinem Leben.

Wie viel Mystik steckt in eurer Musik drin? Manches, z.b. deine Bühnenshow erinnert mich an einen Schamanentanz, den man auch bei Jim Morrison gesehen hat.

Marco: Ich hab mir schon die Ekstase und den Rausch zu einer Art Lebensaufgabe gemacht und habe gemerkt, dass man das am besten über körperliche Befreiung erreicht. Die Bühne ist das Portal. Nur da kommt diese Kraft zusammen, die das Publikum freisetzt und wir mit unserer Musik. Da öffnet sich der Himmel. Das ist die einzige Chance, die ich in meinem Leben habe. In meinem Wohnzimmer meditierend komme ich nicht hoch hinaus. Ich glaube nicht daran, dass man im Schneidersitz fliegen kann, sondern eher mit Mikrofonständern und Menschen, die schreien und glücklich sind.

5 Bologna oder Venedig?

Marco: Venedig. Venedig ist urgeil.

Manuel: Gubbio

Marco: Gubbio ist auch schön. Aber Venedig finde ich super, weil es im Süden von Venedig ein Arbeiterviertel gibt, wo alles noch ein bisschen echter ist. Das ist das Venedig, in dem du in eine Kaschemme am Wasser gehst und es keine Menükarten gibt. Du kannst nichts bestellen, sondern man stellt dir alles hin. Zum Schluss zahlst du und man ist gut beraten alles anzunehmen, weil die genau wissen, was sie kochen und welcher Wein zu welcher Speise serviert wird.

Ihr habt schon Songs auf italienisch gemacht, thematisiert italienische Personen und Städte in euren Texten. Woher kommt diese Bezugnahme auf Italien?

Marco: Ich habe Verwandte dort und wir alle waren schon oft dort. Das ist der einzige Grund. Als Ort ist eine Stadt wie Bologna relativ austauschbar, aber wir wissen, dass sich das menschliche Drama überall abspielt.

Egal, wie hübsch es ist.

Marco: Voll, es ist immer das Selbe.

6 Elfriede Jelinek oder Ingeborg Bachmann?

Marco: Das ist so, wie wenn man sich entscheiden müsste zwischen Erhängen und Erschießen. (alle lachen)
Das ist schwierig, denn so viel an der Kunst fällt so tragisch aus. Ich kann beide Schriftstellerinnen nicht wirklich konsumieren, obwohl ich sie sehr schätze. Ich schaffs einfach nicht.

Beim Hören vom neuen zweiten Album “Bussi” (VÖ:1.10.) hatte ich das Gefühl, dass sich ähnliche Themen, Figuren und Inhalte widerspiegeln wie auf der ersten Platte. Der Thomas wurde jetzt vom Andi ersetzt, aber Themen wie Familie, Liebe, Rausch oder Nacht spielen wieder eine zentrale Rolle. Das erinnert an einen Fortsetzungsroman. Ist es generell einer eurer Ansätze, dass nicht nur jeder Song für sich steht, sondern auch albumübergreifend Geschichten erzählt werden?

Marco: Wenn ich schreibe, möchte ich immer, dass etwas lebendig ist. Lebendig wird es dadurch, dass andere Menschen, ausser ich selbst, dem Ganzen Bedeutung beimessen oder sich selbst oder ihr Leben darin erkennen. Ich bin ausgegangen vom I Ging, dem chinesischen Buch der Wandlungen, von dem die chinesischen Mystiker geglaubt haben, dass es selbst lebendig ist. Lebendiger als sie selbst sogar. Deswegen gibt es vielleicht auch einen immer wiederkehrenden Kosmos in meinen Texten.

7 Die wilde Wanda oder Schwesta Ewa?

Marco: Wer ist Schwesta Ewa?

Das ist eine deutsche Rapperin, die früher Prostituierte war und jetzt im HipHop Erfolge feiert.

Marco: Dann sag ich Schwesta Ewa, weil ich glaube, dass die wilde Wanda (Namensgeberin der Band) ein grauenhafter, bösartiger und unausstehlicher Mensch war. Sie ist immer mit Cowboyhut und Ledermantel durch Wien gezogen, hat eine Peitsche bei sich gehabt mit der sie ihre Huren ausgepeitscht hat. Da ist mein Herz natürlich sofort bei der echten dienstleistenden Prostituierten Schwesta Ewa.

8 In Wien sterben oder in Innsbruck leben?

Marco: In Innsbruck leben, weil leben immer besser ist als sterben.

Aber dieser morbide Charme von Wien, der spiegelt sich schon auch in euren Texten wieder, oder?

Marco: Wien ist überhaupt nicht morbide. Die Wiener wollen um jeden Preis leben, so wie überall. Dass Wien morbide sei, halte ich für ein literarisches Gerücht. Man ist mal in Wien gestorben, auf relativ unmenschliche Art und Weise in einer gewissen geschichtlichen Epoche.

Manuel: In einigen sogar.

Marco: Aber ich glaube, dass die Menschen in Wien unbedingt leben wollen.

9 Hype nach dem ersten Album oder Durchbruch nach jahrelangem Schattendasein?

Marco: Hype nach dem ersten Album, weils Lebensrealität ist.

Wie empfindet ihr diesen Hype gerade?

Marco: Er hat klare Gesetzmäßigkeiten und wir sind ein bisschen blind dafür, weil es mit dem Publikum sehr nett ist und nicht überfordernd. Wenn man sich nicht damit beschäftigen will, dann setzt man sich in ein Kaffeehaus, da gibt’s keinen Hype.

Manuel: Im Auge des Orkans ist es ziemlich ruhig. Wir bekommen das weniger mit als ein klassischer Facebooksüchtler.

10 Leopoldistüberl oder WuK?

Marco: Das Leopoldistüberl wahrscheinlich.

In Berlin gibt es ja als Entsprechung die typische Berliner Eckkneipe. Was fasziniert euch an solchen Orten?

Marco: Sie sind ruhig und es sammeln sich Menschen mit einer unglaublichen Geschichte dort an, die wahnsinnig viel zu erzählen haben. Das interessiert mich viel mehr als dass sich jemand neue Turnschuhe gekauft hat.

Manuel: Das Zosh in Berlin ist cool. In der Tucholskystraße.

Marco: Das ist in der Nähe vom alten Tacheles. Da spielt jeden Mittwoch so eine Dixie-Jazzband, lauter 85-Jährige. Der Klarinettist schläft immer beim Spielen ein. Ich weiß gar nicht ob die noch leben. Das letzte Mal hab ich sie vor vier Jahren gesehen. Manuel, hast du sie gesehen in der Zwischenzeit?

Manuel: Nein, leider nicht.

Marco: Ich will die unbedingt wiedersehen, schon seit Jahren!

Mit Berlin verbindet euch eh ein spezielles Verhältnis. Ihr habt im Februar an drei Tagen hintereinander das Badehaus Szimpla ausverkauft. Es sollen rauschende Feste gewesen sein…

Marco: Da ist was Unglaubliches mit dem Berliner Publikum abgelaufen. Das waren großartige Konzerte mit unglaublicher Stimmung und danach haben wir mit der Hälfte der Leute, die dort waren noch Schnaps getrunken bis vier, fünf, sechs in der Früh. Das war unfassbar, das war ein einziges Fest, eigentlich war es ein viertägiges Fest. Großartig.

[ZehnMalZwei]


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