Der Drop ist gelutscht

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Das ist natürlich sehr witzig, dieses Video von Louis Burgess über Dancemusik, die heutzutage™ nur noch aus viel zu langen Build-Ups und langweiligen Drops besteht. Ich hab auch sehr gelacht, wirklich.

Interessanterweise war das Thema kurz vorher schon einmal bei mir aufgeschlagen. Seit ein paar Tagen macht in meiner Timeline ein Video die Runde, auf dem man sieht, was passierte, als Maceo Plex im Amnesia in Ibiza den Four-Tet-Remix von Eric Prydz‘ „Opus“ spielte. Das Stück mäandert sich durch einen endlosen Break, der minutenlang antäuscht, sich im nächsten Moment in der Mutter aller Drops zu entladen. Was der Track aber einfach nicht tut. Geradezu unmotiviert kommt nach der endlosen Arpeggio-Folter der Beat einfach so wieder. Die Menge ist sichtlich irritiert.

And one more time M A C E O – P L EX amnesia closing party 2015 10:59am what the fuck is going on here ?!? 🙂

Posted by Daniel Ibiza on Sonntag, 4. Oktober 2015

Ich finde es sehr interessant, das mitanzusehen. Auch und weil wenn man die Qual der Crowd so deutlich spüren kann. Schon fies, wenn man den Menschen die gewohnten Schlüsselreize einfach wegnimmt.
Hier habt ihr „Opus“ nochmal in besserer Qualität, da wird deutlicher, was ich meine.

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Die Vice hat darüber ein geradezu philosophisches Stück geschrieben. „Opus“ sei wie das richtige Leben, wo auch eher selten der Mörderdrop kommt, wenn man nur lang genug darauf wartet. Sehr gut. So kann ich es mir sparen, in die selbe Kerbe zu hauen und lieber auf ein Thema kommen, von dem ich etwas verstehe: Physik.

Ja genau: Physik. Weil simpelste Physik am besten verdeutlicht, wo das beiden Video zugrundeliegende Problem eigentlich begründet ist. Jeder Drop funktioniert über die Illusion der Steigerung. Die meisten Tracks versuchen das Gefühl zu vermitteln, dass es druckmäßig aufwärts geht. Diese Steigerung muss gezwungenermaßen in einer Welt, die physikalischen Begrenzungen unterliegt, eine Illusion bleiben. Es geht nunmal nicht immer lauter. Die Rille in der Platte kann nicht unendlich tief werden, die Nadel im Tonabnehmer nicht unendlich weit auslenken. Der Verstärker kann nicht unendlich Strom liefern, die Membranen der Lautsprecher nicht unendlich weit auslenken, genausowenig, wie unsere Trommelfelle.
Also braucht es die Breaks, in denen der Druck wieder runtergefahren wird. So weit, so schön. Das ist schon immer ein wichtiger Teil von Musik und funktioniert auch nach wie vor hervorragend. Wenn die Crowd wegen der Musik da ist, Rhythmen und Melodien genießen will. Wenn es aber nur noch um den Moment geht, in dem die Peitsche auf die Trommelfelle niedergeht, dann versuchen die Produzenten irgendwann nicht mehr den besten Track zu machen, die hypnotischte Melodie oder den Groove, der am besten Ärsche kreisen lässt. Dann geht es nur noch darum, den härtesten Drop zu bauen. Und ihn mit dem fiesesten aller Buildups anzukündigen. Und das geht irgendwann schief. Wie bei einem Lehrer mit zu wenig Autorität, der immer härtere Strafen androht, die er gar nicht verhängen kann, weil seine Schüler volljährig sind, und sich selbst eine Entschuldigung schreiben können, um nicht zum Nachsitzen kommen zu müssen.

Falls ihr wissen wolltet, warum ich immer auf EDM geschimpft habe: Genau deswegen. Weil sich gegen Naturgesetze und Fakten zu stemmen immer doof ist.
Ob die Esoteriker das mit Zuckerkügelchen, Orgonit-Dildos, der Vorratsdatenspeicherung oder dem Versprechen immer härterer Drops versuchen, die Denke dahinter ist immer der selbe Quatsch. Und immer finden sich genug Dumme, die diese Versprechen glauben. Mein Mitleid hält sich in Grenzen.

(via Blogbuzzter und via Vice)

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