Ihr seid doch gekauft! 5 schockierende Fakten über die Lügenpresse

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Neulich in der Blogrebellen-Redaktion. Elf farblose Gestalten mit dunklen Augenringen und intellektuellem Bart, darunter drei Frauen, ohne Bart, sitzen um einen riesigen Tisch aus Eichenholzfurnier. Nervös trommelt Peter mit dem CDU-Kulli auf seinen Block. „Wir schaffen das“, kritzelt er darauf. Die Atmosphäre ist angespannt. Niloufar schielt ehrfürchtig auf das golden umrahmte Foto der übergewichtigen Dame im Hosenanzug, das über der Eingangstür prangt. Ansonsten sind die Wände blank, etwas vergilbt von Nikotindämpfen und Angstschweiß. Das schwarze Telefon in der Mitte des Tisches knackt. Flodoard, der gedankenverloren den SPD-Aufdruck von seinem Bleistift geknabbert hat, zuckt zusammen. Es knackt wiederum. Nun sind auch die anderen hellwach.

„Hallo?“, näselt eine Stimme aus der Freisprechanlage. Ein Seufzen entfleucht Marinelli. Angela Merkel persönlich. Das kommt nur alle paar Wochen vor, im Normalfall meldet sich der Handlanger aus der Presseabteilung.

Peter verschluckt sich und hustet: „Ja, hallo, wir hören Sie.“

„Ich bin’s. Habe keine Zeit, nur so viel: Letzte Woche zu viel Intellekt, das verstört die Menschen.  Heute wieder was Positives zu Flüchtlingen. Aber nicht zu schmalzig, ein Witz vielleicht über die Systemkritiker. Und was mit Musik, aber unverfänglich. Dann noch was für die Frauen, Intimrasur, stolpernde Pinguine, irgendwie sowas, kein Feminismus bitte. Aufgabe für nächste Woche: Ball flach halten, nicht in Richtung Regierung schießen, kennt ihr ja.“ Klack.

„Aber..“, versucht El Flojo noch einzuwerfen, doch die Verbindung ist längst unterbrochen. „Scheiße ey, wieder den Pimmel-Content nicht untergekriegt“, zischt er wütend,  „Ich mach den trotzdem.“ Lena schnalzt anerkennend mit der Zunge. „Du traust dich was. Hast du gar keine Angst?“ El Flojo zuckt mit den Schultern und reckt sich: „Ich bin ein Rebell, Leute!“ Die anderen schauen betreten zu Boden. Lange wird der’s nicht mehr machen. Peter klopft auf den Tisch. „Ihr habt die Mutti gehört! An die Arbeit!“

Die elf Gestalten setzen sich an ihre Computer und hauen fleißig in die Tasten. Zeile um Zeile ergießen sich regierungstreue Lügen ins Internet. Jeder weiß, was er zu tun hat. Die Massen wollen gesteuert werden.

Aufgewacht!

Ist ja manchmal ganz witzig, so vor sich hin zu spinnen, aber ganz so einfach ist die Welt leider nicht. Unsere Redaktion wird nicht von Mutti Merkel instruiert und auch nicht vom Staat bezahlt. Traurig, aber wahr. Da ich in letzter Zeit aber immer mehr Kommentare lesen muss, die auf ein ziemlich naives Verständnis von Presse (oder die Lektüre dieses unsäglichen Schinkens von Ulfkotte) schließen lassen, erlaube ich mir mal, ein wenig Aufklärungsarbeit zu leisten. Im Folgenden also fünf schockierende Fakten zur journalistischen Arbeit. Allzu zart Besaitete sollten vorsichtshalber einen Aluhut aufsetzen. Lothar und Alex, ihr seid gemeint.

papa staat zahlt

Schockierender Fakt #1:

“Die Medien” denken sich den Quatsch, den sie zeigen, ernsthaft selbst aus.

Das ist angesichts mancher Beiträge schier unvorstellbar, aber es gibt keine zentrales Verdummungskomitee, das die Herrschaft über “die Medien” übernommen hat. Nein, ein konfuser Haufen von Journalisten, Bloggern, Fernsehmachern und solchen, die es gern wären, denkt sich seinen Inhalt wirklich selbst aus. Manchmal, wenn das Geld nicht reicht, wird natürlich auch geklaut. Von anderen Medien oder aus Agentur-Beiträgen. Daher die oft bemängelte Einfalt statt Vielfalt. Warum das so ist? Weil Papa Staat und Onkel Sam eben keinen müden Cent beisteuern. Gerade die Online-Medien werden gar nicht entlohnt. Oder nein, Lüge, sie werden ein bisschen entlohnt. Durch Werbung und gesponserte Artikel. Womit wir schon beim schockierenden Fakt #2 wären.

Schockierender Fakt #2:

Online-Journalismus lebt von Werbung.

Weswegen ich folgenden Kommentar unter einem Video bei stern.de jüngst äußerst niedlich fand:

vertrieb-von-informationen

Was glaubt denn der gute Matze, wie der reine “Vertrieb von Informationen“ auch nur den Filterkaffee in der Redaktionskantine finanzieren soll? Gibt es etwa so etwas wie eine Informationsvertriebskasse, die Journalisten bezahlt? Das wäre ja traumhaft, und ich wäre eventuell sogar eine echte Journalistin geworden, wie ich das ursprünglich mal vorhatte, vor meiner Zeit in einer Online-Redaktion, in der mir alles viel zu schnell gehen und billig sein musste. Ich bin eben eher von der langsamen Sorte, wenn auch ziemlich billig. Womit wir beim schockierenden Fakt #3 wären.

Schockierender Fakt #3:

Guter Journalismus kostet Zeit. Und Geld.

Das mag ein wenig in Vergessenheit geraten sein, aber ein Artikel ist ein Produkt, das man kaufen müsste. Tut man das nicht, sieht die Redaktionskonferenz so aus: Journalist 1 schlägt vor, die außenpolitischen Vernetzungen des Syrien-Konflikts zu durchleuchten und bittet um einige Tage Recherchezeit. Der Chef lehnt ab. Zu teuer. Prompt meldet sich Journalist 2, dieser Arschkriecher, und erklärt, man  könne doch auch den dpa-Artikel zu den Krawallen im Flüchtlingsheim verwursten. Journalist 1 muss sich deshalb darum kümmern, ob das Kleid schwarz-blau oder weiß-gold ist. Zack, zack, raus damit! So kommt’s zu eurem Newsfeed, liebe Leute. Und den kontrolliert ihr selbst. Wie? Das sagt euch der schockierende Fakt #4.

Schockierender Fakt #4:

Je mehr Klicks, desto mehr Geld. Der Leser hat die Macht.

Der aufmerksame Leser hat bestimmt gemerkt, dass ich oben bei der Nicht-Existenz einer “Informationsvertriebskasse” ein wenig geflunkert habe. Gibt ja noch die Rundfunkgebühren, und die schwemmen einen gar nicht unerheblichen Betrag in die Kassen der Öffentlich-Rechtlichen. Kein Wunder, dass ein paar Leute das für ungerechtfertigt halten und den Zwergenaufstand proben. Aber mal im Ernst, in Zukunft nur den Inhalt der Privatsender? Kann doch niemand wirklich wollen. Auch nicht online. Zunehmend sehen aber die Timelines führender Online-Magazine aus, wie das RTL2-Nachmittagsprogramm. Wieso? Weil Online-Medien nichts anderes übrig bleibt, als ihr Brot mit Klicks zu verdienen.

Weshalb Beschwerden à la „Euer Inhalt war auch schon mal tiefschürfender“ oder „Was ist nur aus euch geworden?“, in denen man die Online- mit den Printversionen vergleicht, ein wenig realitätsblind sind. Aus den Online-Medien ist geworden, was ihre Leser aus ihnen gemacht haben. Gratis-Ramsch aus der Wühlkiste. Und einen Vorteil, den Print-Medien nunmal haben, ist: Man kann zwischen den reißerischen, den publikumswirksamen, den schockierenden Artikeln noch ein wenig gut recherchierten, intelligenten, schwer verdaulichen Inhalt unterbringen. Inhalt, den der Leser dann quasi aus Versehen konsumiert. Im Online-Journalismus ist dagegen relevant, was geklickt wird. Die Rückmeldung an die Redaktionen erfolgt stante pede, Artikel für Artikel.

Deshalb hat der Leser eine nicht zu unterschätzende Macht. Und Fragen wie: “Warum wird darüber nicht berichtet?”, “Warum verschweigt ihr das?” können meist damit beantwortet werden: Es interessiert nicht genug. Traurig, aber wahr, es wird aussortiert, und das nach manchmal zweifelhaften Kriterien. Was alles in allem kein neutrales Bild der Welt zeichnet. Perfekte Überleitung zum letzten, umso schockierenderen Fakt #5:

Schockierender Fakt #5:

“Die Medien” sind weder objektiv, noch neutral, noch bedingungslos glaubhaft.

Können sie auch gar nicht. Hinter jedem Artikel sitzt ein Mensch, der seine eigene Meinung vertritt. Und nicht nur die: Sitzt er beim SPIEGEL, wird er sich einer anderen Geisteshaltung anpassen, als in der Redaktion der Süddeutschen Zeitung. Keine Ahnung, warum jetzt plötzlich einjeder Zensur und Lügenpresse schreit, nur weil verschiedene Medienformate eben verschieden berichten. Es gibt keine absolute Wahrheit, schon gar nicht in der Medienwelt. Wenn du’s wirklich sicher wissen willst, geh hin und schau’s dir an.

Zusammengefasst: Wenn uns Qualitätsjournalismus nichts wert ist, müssen wir uns eben weiterein bisschen Pimmel-Content anschauen, oder das Baby ohne Hirn, oder die innere Enthauptung, die ein Kleinkind überlebte. Moment… Ist das etwa eine Metapher? Was auch immer, hier noch ein Aufruf in eigener Sache: Wer mich kaufen will, kann das ja mal versuchen. Ich bin Blogger und brauche das Geld. Nothing for ungood.

 

 

Titelbild: “Paranoia at work” von Apionid (CC BY-NC-ND 2.0)

 

 

 


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5 KOMMENTARE

  1. Ja, natürlich sind alle gekauft. Journalisten und Blogger – alles gekauft. Keine Sorge, diesen Blödsinn hat jeder Schreiberling schon mal erhalten. Ich auch bzgl. meines Blogs. Natürlich habe ich keine Redaktionskonferenz, die würde ich nur mit mir machen. Aber “Mutti” dürfte trotzdem nicht reinquarken.
    Nebenbei: Ein sehr schöner Artikel. Ich habe den genossen, so wie er ist. Danke dafür.

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