Ein Gespräch mit Max Dax über Dave Gahan

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Er gehört wohl zu den größten Musikkennern in Deutschland. Lange Zeit war er Herausgeber der Interview-Zeitschrift „Alert“ und ist Autor der Bücher „Nur was nicht ist ist möglich – Die Geschichte der Einstürzenden Neubauten“ (2005, gemeinsam mit Robert Defcon) und „The Life and Music of Nick Cave“ (2000, gemeinsam mit Johannes Beck).

Als Chefredakteur der Telekom Elektronic Beats führt er seine intime Interview-Technik nach dem Vorbild von Andy Warhols Zeitschrift Interview fort. Einer seiner letzten Interviews führte er mit Dave Gahan. Für mich ein Anlass mit ihm über die Person Dave Gahan und sein neues Projekt mit den Soulsavers zu sprechen:

Max, du hast bereits einige Interviews mit Dave geführt. Magst du beschreiben, wie er auf dich so gewirkt hat?

Es ist manchmal schon seltsam: In der 12. Klasse waren alle um mich herum Fans von Depeche Mode, sangen im Chor „Master & Servant“ im Schulbus, und ich wurde als Spielverderber gebrandmarkt, weil ich mir den Text durchgelesen hatte und die Frage stellte, ob S/M wirklich die Art von Sexualität sei, die meinen singenden Kameraden vorschwebte. Ich auf alle Fälle hörte damals ganz andere Musik: Chet Baker, Bob Dylan, John Lennon. Mit keinem der drei habe ich bis heute ein Interview führen können. Dave Gahan hingegen habe ich bestimmt fünf, sechs Mal getroffen – Martin Lee Gore und Andrew Fletcher noch öfter, und Alan Wilder war sogar Gast auf meiner Hochzeit vor fünf Jahren. Dadurch, dass Dave seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr trinkt, habe ich ihn natürlich stets nur stocknüchtern und extrem eloquent erlebt. Was ja keine Schande ist. Ich stelle mir aber vor, dass es sehr lustig gewesen sein muss, ihn zwischen Groupies, Champagnerflaschen und Koksbergen zu erleben.

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Dieses Mal war es Dave Gahan alleine, der über sein neues Projekt gesprochen hat. Welche unterschiede gibt es für dich zwischen diesen beiden Personen – zwischen dem Frontmann von Depeche Mode und dem Solokünstler? 

Für Spex habe ich ihn einst zu seinem Album „Hourglass“ interviewt. Dave ist so souverän, als Künstler wie als Mensch, dass er nicht in verschiedene Rollen schlüpfen muss, um ein Album zu promoten. Früher oder später kommt man stets auch auf seine überwundene Drogensucht zu sprechen – selbst wenn ich ihn gar nicht danach frage. Es ist einfach ein so wichtiges Kapitel in seinem Leben, dass er offenbar das Bedürfnis hat, kontinuierlich darüber zu sprechen. Interviews scheinen für ihn auch eine Art Therapiestunden zu sein. Ein anderes Lieblingsthema von ihm sind Gespräche über den Blues und den Jazz. Das wissen ja die Wenigsten: Dave ist ein großer Kenner der amerikanischen Jazzmusik von John Coltrane über Miles Davis bis hin zu Cannonball Adderley. Und während man den Jazzeinfluss selten offensichtlich hört, ist der Blueseinfluss omnipräsent in seiner Arbeit, vor allem, seitdem er selbst vermehrt Songs schreibt.

 

Wo und mit wem hast du dir das neue Album Angels & Ghosts angehört?

Ganz ehrlich: Ich hatte einen unsexy Vorab-Stream von der Plattenfirma, also datenkomprimierte Musik. Ich beurteile Musik erst, wenn ich sie auf Vinyl gehört habe. Frag mich also in einem Monat noch mal.

 

Was ist dir ganz besonders aufgefallen? 

Die Qualität des Songwritings. Der Song „One Thing“ ist phantastisch. Das ganze Album ist von Blues- und Gospelstimmungen durchdrungen. Man merkt dem Album an, dass es live gespielt werden will – so klingen die Arrangements. Man kann sich beim Hören regelrecht vorstellen, wie die Interaktion zwischen Gahan und seinem Publikum sein wird. Gleichwohl gibt er nur sechs Konzerte in Los Angeles, New York, London, Paris, Berlin und Mailand. Eigentlich fehlt nur Tokio, und er hätte die ultimative Superstar-Tour für sich gebucht — die Welt in einer Woche. Er sagt aber, dass die neuen Songs so persönlich seien, dass er die Tour schnell hinter sich haben möchte.

 

Du fährst nachts durch Berlin. Welcher Song vom neuen Album Angels & Ghosts läuft durch die Anlage/Kopfhörer ? 

Meine Lieblingsplatte von Depeche Mode ist „Delta Machine“. Ich habe vor zwei Jahren ein langes Interview mit Chris Bohn von der Zeitschrift The Wire über „Delta Machine“ geführt, und wir waren beide von der Komplexität der Platte beeindruckt. Da merkt man schon, dass ein Album von Depeche Mode mit sehr viel mehr Aufwand aufgenommen wird als jedes Soulsavers-Album. Aber das ist zugleich die Qualität seiner neuen Songs. Sie haben bei aller Gospel-Power eine flüchtige Lässigkeit. Und ich sagte es ja bereits: „One Thing“ ist ein toller Song mit einer tollen Aussage.

Zeichnung: © Max Müller
Zeichnung: © Max Müller

Bisher gab es keine großen Video-Produktionen von Daves Solo-Projekt, die durch die Social Media-Kanäle wandern. Wer ist eigentlich seine Zielgruppe und wie versucht er diese zu erreichen? 

Du fragst vielleicht Sachen! Im Interview bemerkte Dave, dass die Show keine große Produktion sein wird. Es wird eben keine Video- oder LED-Wände mit eigens auf das Konzert die Live-Umsetzung produzierten Videos geben, sondern die pure Musik. Ich freue mich darauf. Für mich wirkt das Projekt Dave Gahan trifft die Soulsavers wie der Versuch eines Mannes, seinen eigenen Weg zu gehen, so klischeebeladen das klingen mag. Gahan befreit sich von Depeche Mode, indem er selbst Songs schreibt und sich seinem eigenen Publikum stellt. Und seien wir ehrlich: Die Depeche-Mode-Fans sind noch besser organisiert als die Dylan-Fans. War das Konzert nicht binnen weniger Minuten ausverkauft? Ich glaube, dass die Fans von Depeche Mode und somit auch die von Dave Gahan auf eine liebenswerte Art und Weise total ehrlich sind in ihrer bedingungslosen, loyalen Verehrung. Wenn man als Künstler einen solchen Level der Respektsbezeugung sich erarbeitet hat, liegt die Kunst der Kommunikation darin, die Grenze zwischen dem Privaten, das unbedingt beschützt werden will, und dem Öffentlichen so zu ziehen, dass das Öffentliche als das Private wahrgenommen wird. Vielleicht auch deshalb ist Gahan daher bereit, mit Medien oder Go-Betweens, also Zwischenhändlern wie mir so offen zu reden, weil er ganz genau weiß, dass seine Einsichten sich ohnehin millionenfach verselbständigen werden.

 

Danke Max Dax!

 

Artikelbild: © Luci Lux

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