Dunja und die Schmuddelkinder oder: Die Diktaturen im Innen und Außen

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Dunja Hayali scheint ein stressresistenter Mensch zu sein. Geduldig fragt sie bei den Wutbürgern nach, die von Björn Höcke zu Mutbürgern verklärt werden. Sie lässt Beschimpfungen und verbale Angriffe über sich ergehen, die nur durch den Einsatz eines Ordners nicht in Tätlichkeiten münden.

In Erfurt trifft sich seit ein paar Monaten immer Mittwoch eine vier- bis fünfstellige Masse an Menschen, die die Nase gestrichen voll haben von…ja, von was eigentlich?

Von Empathiewüsten und Volksoasen

Es ist der übliche Pegida-Hass, das Ressentiment gegen alles, was den eigenen Tellerrand übersteigt. Die Wut der Ungerechten, die lieber die Schuld bei „Moslems“ als bei sich selbst oder wenigstens „dem System“ zu suchen. Da kämen nur Männer, „Wir“ sind doch damals im Krieg auch nicht davon gelaufen usw. usf. Man will eigentlich einfach nur noch schreiend die Wände hochrennen angesichts dieser völligen Empathiewüste, deren seltene Oasen der Menschlichkeit ein Zaun mit Schild umgibt: „Zutritt nur für Deutsche mit der richtigen Einstellung!“

Faktenresistenz und Meinungssoße

Woher die Informationen der Demonstranten in Erfurt kommt bleibt im Dunkeln, denn das allergrößte Problem ist die Faktenresistenz, die schlichte Realitätsverweigerung. Eine gefühlige brauntrübe Meinungssoße, die sich in einer zunehmend kompliziert werdenden Welt an einfache Erklärungen klammert. Ja, deine Rente ist mies, die Stütze zu knapp, die Jobsuche schwierig und die jungen Leute nehmen reiß aus, aber Schuld daran sind nicht Sozialkürzungen, fehlende Infrastruktur oder deine eigene Unfähigkeit, sondern der, dem es noch schlechter geht. Bin ich die Lügenpresse, nur weil ich das völlig irre und grundfalsch finde?

Eine gefährliche Schicht aus „Zukurzgekommenen“ und dem rechten Mainstream

Dabei ist das nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil ist, dass sich in der Mitte der Gesellschaft eine gefährliche Verrohung feststellen lässt. Befragungen bei Pegida in Dresden haben ergeben, dass der typische Pegidist männlich, weiß und Akademiker, also mehr oder weniger Durchschnittsverdiener ist. In Erfurt wird es nicht viel anders sein. Aus manchmal gefühlt, manchmal tatsächlich „Zukurzgekommenen“ und Teilen des enttäuschten rechten politischen Mainstreams bildet sich also eine gefährliche Schicht, die sich mittlerweile polternd in der Gesellschaft ausbreitet.

Befeuert und orchestriert wird das Ganze durch chauvinistische und xenophobe Wortmeldungen aus den ja eigentlich verschmähten „Altparteien“(de Maizière, Seehofer, Buschkowsky…) und rechten Kommentatoren in vielen Medien. Die angeblich so voreingenommene und gelenkte „Lügenpresse“ ist viel diverser als es diese Schreihälse vermuten lassen, was in der Flüchtlingsfrage gefährliche Auswirkungen hat. Hier sind die von reaktionären Meinungsführern herbeiphantasierten Tabus längst gefallen, die Hemmschwelle rassistischen Klischees Vorschub zu leisten dramatisch gesunken und der Ton viel rauer geworden.

Rechte Gegenöffentlichkeit

Am rechten Rand bildet sich mit Blogs und Magazinen wie Compact eine rechte „Gegenöffentlichkeit“, die eine Grenze zwischen harten rechtsextremen Haltungen und national-konservativen Strömungen zunehmend verwischen. Populistisches und xenophobes Gerede aus der AfD, aber auch der Regierungsparteien und eine vermeintliche Machtlosigkeit gegenüber einer „Flüchtlingsschwemme“ und daraus resultierenden Notfallsituation erzeugen ein Klima, in dem Übergriffe auf Flüchtlinge zunehmend verharmlost und sogar gebilligt werden. Hundertfach brannten alleine in diesem Jahr Flüchtlingsheime. Man stelle sich vor, was los wäre, wenn es auch nur einen islamistischen Anschlag auf eine deutsche Durchschnittsfamilie geben würde. Es wäre im wahrsten Sinne des Wortes die Hölle los. Ist das Leben einer Flüchtlingsfamilie aus Syrien also weniger schützenswert und deren Bedrohung weniger berichtenswert? Es scheint fast so.

Sind die das Volk!?

Das alles zusammen genommen ist der Stoff aus dem im besten Fall ein pseudodemokratischer Rechtsruck entsteht und im schlimmsten Fall ein neuer Faschismus genäht ist. Der Spruch des Nürnberger Publizisten Hermann Glaser „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf.“ ist vermutlich wahr, aber genaugenommen unvollständig, denn es entstehen bereits Diktaturen. Im Inneren der Menschen, die zunehmend zivilisatorische Standards und Errungenschaften fahrlässig den Bach runtergehen lassen und im Aussen, wo wir uns an hundertfache Brandanschläge auf Flüchtlinge und Mordanschläge auf Politiker gewöhnt haben. Wer den Menschen in Erfurt, Dresden und anderswo genau zuhört wird Zeuge einer grotesken Täter-Opfer Umkehr, antidemokratischer Exzesse und totalitärer Ansichten. Es ist egal, wie laut sie geschichtsvergessen „Wir sind das Volk!“ brüllen, wenn diese Leute irgendwann mal regieren sollten wird „das Volk“ definitiv noch viel weniger zu sagen haben als jetzt. Manche nennen das Diktatur.

Die Alternative für Deutschland AfD hat in Erfurt über 4.000 Asylgegner auf die Straßen gebracht. Sie protestieren gegen…

Posted by ZDF morgenmagazin on Mittwoch, 28. Oktober 2015

2 KOMMENTARE

  1. […] Faktenresistendes erst am Wochenende wieder auf. Die Wutis aka „das Volk“ in der Empathiewüste werden diese Aussage hingegen ordentlich beklatschen, wie kürzlich den KZ-Vergleich einer anderen […]

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