Ich war noch niemals in Paris

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Genau jetzt im Moment sollte ich eigentlich im Flugzeug nach Paris sitzen. Wochenlang hatte ich mich auf diese Reise gefreut. Ich war eingeladen, zur Red Bull Music Academy zu fliegen. Etwas, das ich mir viele Jahre lang gewünscht hatte. Und in diesem Moment sollte die Verwirklichung des Traums beginnen. Ich hatte sogar einen Interviewtermin mit Jean Michel Jarre, nicht unbedingt eine kleine Nummer für mich.
Stattdessen sitze ich hier und schreibe. Obwohl ich noch keine Ahnung habe, wo dieser Artikel eigentlich hinwill. Da du ihn jetzt liest, habe ich meine Zweifel daran, ob es sinnvoll ist, angesichts der vielen Toten, angesichts der Unmenschlichkeit der Morde von Paris, meine eigenen, unwichtigen Befindlichkeiten zu thematisieren, über Bord geworfen.

Die Academy wird nicht stattfinden, und selbst, wenn sie stattfinden würde, wäre ich nicht nach Paris geflogen. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass die einzig richtige Art, Terrorismus zu bekämpfen ist, uns nicht der Gewalt zu beugen, nicht unsere Werte aufzugeben. Wir werden leben, wir wir es für richtig halten, wir werden feiern, wir wir möchten und uns das nicht von ein paar kultur- und gottlosen Hinterwäldlern vermiesen lassen. Aber nicht heute. Und ganz sicher nicht in Paris. Die Menschen in der Stadt haben im Moment Besseres zu tun, als sich um einen verpeilten Touristen mehr zu kümmern.

So wie auch heute noch fast jeder wissen dürfte, aus welcher Aktivität er gerissen wurde, als die Flugzeuge in das World Trade Center stürzten, so werde ich nie vergessen, was ich in dem Moment tat, als schwerbewaffnete Männer das Feuer auf friedliche Konzertbesucher im Bataclan eröffneten. Ich weinte. Ich weinte vor Glück, was im Nachhinein betrachtet, das Absurdeste und gleichzeitig Richtigste war, was ich tun konnte.

Sämtliche Kanäle, über die ich von dem Gewaltausbruch in Paris hätte erfahren können, waren gekappt. Kein Twitter, kein Facebook, selbst das Telefon war aus. Nichts sollte mich bei meinem Vorhaben für den Abend stören. Ich wollte endlich wieder mal ganz in Musik versinken. Und so suchte ich auf YouTube nach einem Konzertfilm, in den ich mich hineinfallen lassen konnte. Ich dachte an Prince, Fat Freddy’s Drop oder etwas in der Art. Was ich fand, war ein Mitschnitt von Bobby McFerrins Auftritt beim „Day of Song“ in Gelsenkirchen 2010, einem großen Chorfestival. Ich weiß nicht mehr, wie ich darauf kam, aber es muss damit zu tun haben, dass ich von Bobby McFerrin noch nie etwas gehört hatte, dass mich nicht berührte. Seine „Sponatenous Inventions“ gehören zum Beispiel zu meinen alltime Favourites. Also hörte ich kurz mal rein und wurde sofort von einer Welle an Emotionalität erfasst. Es gelingt nicht vielen Musikern, mich zum Weinen zu kriegen. Es ist die größte Respektbekundung, zu der mein Körper fähig ist. (Und er schert sich dabei herzlich wenig, um das was mein Bewusstsein cool findet.) Mc Ferrins Acapella-Gesang und Bodypercussion machte mir schlagartig Pipi in die Augen. Und dann kommt der Moment, an dem er diese Riesenhalle voller Menschen mit nicht mehr als einem Fingerzeig und seiner (zugegeben gewaltigen) Ausstrahlung dirigiert und zu einem Instrument macht, auf dem er spielt. Es geht in dem Moment eine unglaubliche Macht von diesen Mann aus, und er nutzt sie, um zusammen mit dem Publikum etwas Schönes zu erschaffen, von dem jeder einzelne Mensch im Publikum ein wichtiger Teil ist.
Liebe ist nach meiner liebsten Definition eine Kombination von Verbindung und Wachstum. Nach dieser Definition ist es pure Liebe, was die Anwesenden in Gelsenkirchen erlebten. Ich bin dankbar, dass ich wenigstens in Form eines Videos daran teilhaben durfte.

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Wie wenig Liebe müssen die Menschen, die zu solchen Taten fähig sind, erlebt haben?
Ich weiß es nicht. Angesichts der Monströsität der Ereignisse bin ich sprachlos.
Hoffnungslos bin ich aber nicht, denn ich glaube an die Macht von Verbindung und Wachstum.

(Das Bild zeigt Paris, den Fuchs. Er wurde meiner Tochter aus Paris mitgebracht und sie hatte sich gewünscht, dass ich mitnehme, damit er seinen Geburtsort wieder sieht. Daraus wurde leider nichts. Aber ich bin sehr froh, dass er mir in den letzten Tagen Gesellschafft leistete.)

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