Erschütternder Erlebnisbericht von den Attacken in Paris

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Artikelbild "waiting for the film" von BMiz (CC BY-SA 2.0)

Night Out


Freitag Abend: Wir wollen ausgehen. Paris erlebt die schlimmsten Attentate in der Geschichte Frankreichs. Zielscheibe sind wir: Junge Menschen zwischen 25 und 35 in der „Stadt der Perversionen“. Der Schock sitzt erschreckend tief. Tausend Bilder rauschen durch den Kopf. Schlafen ist fast unmöglich.

Wir sitzen im Kino, 300 Meter Luftlinie vom Bataclan entfernt, als es plötzlich aus den Zuschauerreihen ruft.
Was ist mit dem Typ im grauen Shirt in der vorletzten Reihe? Verwirrt? Großer Bond Fan? Er schaut auf sein Telefon.
„Geiselnahme. Attentat. Schüsse. Tote. Bataclan, rue de Charonne,“. Beides in unmittelbarer Nähe.

Wir stehen auf, greifen instinktiv nach unseren Jacken und stehen erst einmal unbeholfen in der Gegend herum. Was passiert hier? Schüsse? Tote? Attentat?
Wir sind im dunklen Kinosaal, das Kino ist mitten auf dem Boulevard. Wir gehen ins Treppenhaus, ich hole mein Handy heraus und sehe die Anrufe.
Tausend Gedanken. Anflug von Panik. Ich will meine Eltern anrufen, ich will sie hören, will, dass sie mich hören.
Telefonieren geht nicht, wenig Empfang, wenig Geduld.
Was tun? Zurück in den Saal und setzen.
Nächste Nachricht, wieder nur in Fetzen: Stade de France, Explosionen. Teresa, Artur und Miguel sind dort und schauen das Spiel. Für einen kurzen Moment dreht sich alles. Angst.
Also wieder raus aus dem Saal, hoch in die Lobby, versuchen mit dem Telefon durchzukommen, rausfinden was los ist, klarkommen.
Zusammen bleiben.

Jetzt wird klar, im Bataclan haben Männer das Feuer eröffnet, Geiseln genommen, 18 Leute sind schon tot. Die ganze Welt weiß schon Bescheid. Wir sind nebenan.
Was ist mit den Anderen? Die Gedanken überschlagen sich. Draußen ist alles in heller Aufruhr, das Bataclan ist umstellt. Polizei, Militär, was, wenn die Schützen den Boulevard herunter rennen, was, wenn sie das Kino stürmen?
Wir sind ruhig, aber unsere Körper beben.
Wir müssen irgendwie nach Hause kommen, in Sicherheit. U-Bahn fahren? Laufen? Also raus aus dem Kino, auf den Boulevard, über die Straße, aber wo lang?
Angeblich Schüsse bei République, Tote im Carillon. Was passiert hier? Wo können wir hin? Ein Täter soll nun flüchtig sein, also runter von der Straße und in das nächste Hotel. Durchatmen.

Handy laden. Anrufe, Nachrichten, allen geht es gut. Alle unter Schock. So schnell wie möglich in irgendeine Wohnung, raus aus dem öffentlichen Raum. Anspannung, rumtelefonieren, Nachrichten hören, Freunde beruhigen. Jetzt bloß keine Panik, sondern so schnell wie möglich eine Lösung.

Zwei Stunden, die Nachrichten überschlagen sich: Immer mehr Orte, mehr Schießereien, mehr Tote, mehr Angst. Was passiert hier gerade? Immer mehr Leute suchen Zuflucht in der Lobby des Hotels, vor der Tür rasen Bullen hin und her.
Dann geht es schnell: Bekannte einer Freundin haben eine Wohnung eine Straße weiter.
Also raus aus dem Hotel, über den Hinterhof und durch die Hintertür, raus auf die Straße, nicht rennen, Codes eingeben, rein in den Hausflur.
Endlich. Durchatmen.
Oben zehn Fremde, Weißwein und Fernsehnachrichten. Wir sind in Sicherheit. Der Kopf dreht sich. Freitag der dreizehnte. Da war der Bond besser.

Vom Balkon aus sieht man über die Stadt, rüber zum Bataclan, die Straße ist gesperrt, überall Polizeiwagen und das Heulen der Sirenen. Paris im Ausnahmezustand.
Irgendwie Inferno, irgendwie nicht echt.
Viele Zigaretten, ein Glas Wein, Bauchschmerzen. Telefonieren, Nachrichten schreiben, unglaubwürdige Blicke tauschen, rauchen, trinken, Anspannung und Erschöpfung.
Nacht auf dem Parkett Boden. Aufstehen, als es hell wird.
Blanke Nerven, ich zumindest. Draußen immer noch Sirenen. Wir hatten verdammt viel Glück.

Mit dem Taxi, vorbei am Bataclan, nach Hause, Sachen packen und zu Freunden fahren. Der Himmel wirkt farblos und die Stimmung drückt.
Auf der Straße laufen Menschen, alle ein kleines wenig schneller als sonst.
Ankommen und in die Arme nehmen. Café trinken, duschen, versuchen zu schlafen, dann irgendwie doch ein bisschen weinen.
Tausend Bilder. Zigaretten und Bier. Ich glaube, wir hatten Angst zu sterben. Der Schock sitzt erschreckend tief.

Sunday Psychosis

Sonntagnachmittag. Es knallt wieder in Paris. Wir sind
auf den Straßen um zu trauern.

Halbe Lexomil, endlich geschlafen. Nur davon geträumt. Wir waren als der Terror ausbrach direkt vor Ort. Der Kopf ist immer noch schwer. Aber zu groß ist der Drang auf die Straße zu gehen, zurück zu gehen an die Orte. Dort zu sein. Irgendwie zu trauern, das irgendwie zu fassen.

Rue Bichat, Blumen und Lichtermeer aus Kerzen vor dem Carillon. Rue de la Fontaine-au-Roi, die benutzten Gläser von Freitag Abend stehen noch auf den Tischen hinter den durchschossenen Glaswänden. Übertragungswagen vor dem Bataclan. Menschen überall, trauernd, ruhiger als erwartet. Alle unter Schock. Wenige aus Schaulust. War eh ein schlechtes Drehbuch: Paris, Freitag Abend, Bars, IS, Jungs in meinem Alter, Kalachnikovs. Sechs mal zugeschlagen. Zu platt. Zu plakativ. Zu viel.
Place de la Bastille, laufender Verkehr, lauter Menschen. Durch die Rue de Charonne zum Restaurant Belle Équipe. Mittlerweile ist es dunkel, Menschentraube, noch mehr Blumen und wieder Lichtermeer.
Heimweg durch den Elften, Richtung Marais. Die Anspannung lockert sich. An den Ecken bewaffnete Polizei, Straßen voll, Cafés auch.

Ein Bulle beschleunigt den Schritt. Der Typ vor mir zieht eine Knarre: „Ils arrivent, ils arrivent!“- sie kommen, sie kommen!
Panik, alle rennen los. Wer kommt? Wohin? Von wo? Schon wieder? Jetzt doch?
Albtraum. Wieder tausend Bilder. Tausend Gedanken. Hört das nie wieder auf? Der Zivi mit der Knarre treibt uns alle in das Café an dem wir gerade vorbeigehen. Die Jungs hinterm Tresen brüllen „Alle in den Keller!“, also alle in den Keller. Gedränge. Rollläden runter, Türen verriegeln, Lichter aus. Abwarten.
Keller, toll, kein Empfang. Dafür Rum. Angeblich Schießerei im Marais, rue de Bretagne. Mein Heimweg. Telefon geht doch irgendwie, alle warnen. Die Menschen auf den Straßen rennen. Zu früh gefreut.

Nicht lang hält der Moment an, dann laufen die Ersten wieder hoch. Irgendwelche Wichser mit Böllern. Nicht wirklich. Scheinbar doch. So schnell wie möglich nach Hause, kurz der Gedanke für immer dort zu bleiben.
Durch den Marais. In den Cafés räumen sie jetzt die Stühle rein, die Rollläden stehen noch auf halbmast.
Die Nerven liegen wieder Blank, nicht nur meine. Die Bars haben sich fast komplett geleert.
Scheinbar ist im vierten Arrondissement die Birne einer Straßenlaterne geplatzt, gerannt sind die Menschen bis zum Elften.
La Psychose Nationale.

Artikelbild “waiting for the film” von BMiz (CC BY-SA 2.0)


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