Nach Anschlag auf Jüterboger Flüchtlingsbegegnungsstätte: Interview mit einem Helfer

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In Jüterbog hat sich in der Nacht auf Samstag eine schwere Explosion in der Flüchtlingsbegegnungsstätte “Turmstube” ereignet. Vieles deutet auf einen rechtsextremen Hintergrund hin. Wir haben mit einem Jüterboger Flüchtlingshelfer gesprochen, der anonym bleiben will.


Was genau ist vergangene Nacht in Jüterbog passiert?

Der gestrige Tag geht doppelt in die Geschichte der Region rund um Jüterbog ein. Zum einen trafen sich in der kürzeren Vergangenheit noch nie so viele braune “Spaziergänger” und zum Anderen kam es in der Folge der gestrigen Demonstrationen zu einem Anschlag gegen die Turmstube. Die Turmstube ist von Anfang an ein Ort der Begegnung und des Austauschs zwischen Einheimischen und Flüchtlingen. Sie bildet, neben der ganz praktischen Arbeit in den Übergangseinrichtungen, einen der wichtigsten Eckpfeiler der Flüchtlingshilfe in Jüterbog.
Soweit bis jetzt bekannt ist, kam es zu einer Explosion in der Teestube durch “pyrotechnische Erzeugnisse”. Der gesamte Gemeinschaftsraum, in dem die Vielzahl der Veranstaltung stattfanden, wurde zerstört. Nach Schätzungen beläuft sich der Schaden auf ca. 2500 Euro. Die Ermittlungen durch Polizei und Staatsschutz wurden aufgenommen.

Gab es eine Vorgeschichte dazu?
Zuvor wurde die Kleinstadt “berühmt” durch die Aussagen seines Bürgermeisters, dass u.a. der Kontakt zu Flüchtlingen gefährlich sei und die Ansteckung mit Infektionskrankheiten drohe. Viel Kritik musste der Bürgermeister wegen dieser und ähnlicher Aussagen aus allen Bereichen der Gesellschaft einstecken. Seine Äußerungen fanden aber auch Anhänger in der Region. Die Stimmung in Jüterbog spaltete sich, was natürlich ein gefundenes Fressen für Fremdenfeinde war. Der Nauener NPD-Stadtverordnete Maik Schneider nutzte dies und organisierte daraufhin den gestrigen braunen “Spaziergang” durch die Stadt. Selbstverständlich regte sich demokratische Gegenwehr. Unter dem Motto “Wir lassen uns nicht ausspielen” kamen gestern ca. 500 Gegendemonstranten auf den Marktplatz von Jüterbog zusammen. Beide Veranstaltungen verliefen, laut Polizeiaussagen, friedlich ab.

Wie präsent sind militante Fremdenfeinde in der Region um Jüterbog?

In und um Jüterbog sind millitante Fremdenfeinde eher selten. Wie üblich in der Region und auch für derartige “Spaziergänge”, kamen die meisten von ihnen nicht von hier. Besorgte Bürger sind aber auch hier zu finden.

Wie wird generell in Jüterbog mit dem Flüchtlingsthema umgegangen?

Jüterbog ist erfahren im Umgang mit Flüchtlingen und aktuell engagieren sich viele Menschen ehrenamtlich in den Übergangseinrichtungen und in der Teestube. Es findet ganz praktische Unterstützung statt, z.B. durch Sachspenden, Gespräche, Fahrten zu Ärzten und Ämtern und vieles mehr. Die Flüchtlinge selbst nahmen aus Sicherheitsgründen nicht an der gestrigen Veranstaltung teil. Ihnen war es aber wichtig den Jüterbogern und Jüterbogerinnen ihre Gedanken, Wünsche und Ängste mitzuteilen. Diese wurden auf der gestrigen Veranstaltung durch ehrenamtliche HelferInnen vorgelesen.

Der Unterstützungswille der Jüterboger und Jüterbogerinnen zeigte sich bereits bei Ankunft der ersten Flüchtlinge. Die Flüchtlingshilfe Jüterbog erfährt seither breite Unterstützung und wird vordergründig durch die vielen kleinen und großen Taten der vielen Helferinnen und Helfer getragen. Die Kontakte zwischen den Einheimischen und den Flüchtlingen ist vertraulich geworden und geprägt durch gegenseitigen Respekt.
Trotz dieser guten Entwicklungen gab es immer wieder Äußerungen besorgter Bürger, die durch die noch besorgteren Äußerungen des Bürgermeisters angefacht wurden, und somit zu der gefühlten Spaltung der jüterboger Gesellschaft beitrugen.

Welche Maßnahmen wünschen sich die Flüchtlingshelfer nach dieser Attacke?

Die Angreifer haben zwar einen wichtigen Begegnungspunkt getroffen und zerstört aber wir lassen uns nicht unter kriegen und werden weiterhin für unsere Prinzipien eintreten, auf die Strasse gehen und Unterstützung leisten.
Ganz praktisch wird die Flüchtlingshilfe versuchen das Angebot der Teestube anderorts weiter zu führen. Ein jüterboger Unternehmer hat bereits Räume hierfür angeboten.
Gleichwohl steht die Verarbeitung der Vorkommnisse an diesem Wochenende im Vordergrund. Die HelferInnen wünschen sich hierfür und für den Kampf gegen Fremdenfeinde Unterstützung.


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