„Die Kriminalität in Bamako(Mali) ist so verschwindend gering, wie sonst nur in München, Zürich oder Helsinki.“

0

Vergangene Woche starben dutzende Menschen bei einer Geiselnahme in einem Hotel in Malis Hauptstadt Bamako. Das afrikanische Land ist eigentlich bekannt für vergleichsweise friedliches Zusammenleben und seine weltweit bekannt gewordene Musik. Wir haben mit dem Münchner Journalisten und Westafrika-Kenner Jonathan Fischer über die Lage in Mali gesprochen.

In Malis Hauptstadt Bamako sind bei einer Geiselnahme in einem Hotel 27 Menschen getötet worden. Du bist selbst schon mehrfach in Bamako gewesen. Welchen Eindruck hattest du von der Stadt vor dem Anschlag?

Bamako war und ist eine sehr gastreundliche Stadt. Das hat seit Jahrhunderten Tradtion, beruht doch der alte Reichtum dieser Stadt darauf, Kaufleute aus dem Norden (Salz) und Süden (Gold) anzulocken und hier ihre Geschäfte zu tätigen. Heute kann man sich als Tourist in keiner anderen afrikanischen Metropole so sicher bewegen wie in Bamako. Die Kriminalität ist so verschwindend gering wie sonst nur in München, Zürich oder Helsinki. Der Zusammenhalt der Menschen ist spürbar, nach wenigen Tagen wird man mit Namen begrüßt, gehört man zum Viertel, Begrüßungen und Höflichkeitsformen gehen hier selbst in einer urbanen Umgebung nicht so leicht verloren.

Und doch gab es vergangene Woche einen schweren Anschlag auf das Radisson Blu. Woher kommt diese Militanz?

Ein Großteil der Probleme in Mali werden von Arabern und Tuareg im Norden verursacht, die um mehr politischen und wirtschaftlichen Einfluß kämpfen, dabei aber über viel Geld verfügen und so auch immer wieder unzufriedene, perspektivlose Jugendliche anderer Ethnien rekrutieren können. Der Islam scheint da oft nur Vorwand für eine Machtpolitik, die auf materielle Vorteile aus ist. In Mali sind über 80 Prozent der muslimischen Mehrheit sufistisch geprägt und tolerant . Es gibt allerdings eine mit viel Geld aus Katar und Saudiarabien geförderte wahabbitische Minderheit, die auch radikale anti-westliche Botschaften verbreitet.

Welche Rolle spielen europäische Regierungen?

Die ehemalige Kolonialmacht Frankreich hat einen schlechten Ruf. Die meisten Malier sind für die militärische Unterstützung gegen die Islamisten im Norden dankbar, sehen aber die Franzosen stets aus Eigeninteresse handeln und auch korrupte Staatsoberhäupter unterstützen – solange es Frankreich nützt. Deutschland steht da besser da. Es ist eines der EU-Länder, die (neben der Entsendung von Bundeswehr Ausbildern) am meisten in den Aufbau von Infrastruktur und Zivilgesellschaft vor Ort investieren, und die Malier zeigen sich dafür generell sehr dankbar.

Was kann die malische Gesellschaft dem entgegensetzen?

In einem Land mit 70 Prozent Analphabeten spielen Presse und geschriebenes Wort keine große Rolle. Eher sind es religiöse Autoritäten und Musiker, die hier Gehör erhalten. Musiker wie Bassekou Kouyate, Ben Zabo oder Fatoumata Diawara haben in der Krise eine große Rolle für das Selbstverständnis der Malier als tolerante Gesellschaft gespielt. Heute sind es vor allem junge Rapper wie Master Soumi, die in Mali ganze Stadien füllen und mit ihrer Sozial- und Religionskritik offen aussprechen, was die altehrwürdigen Griots nur verklausuliert in ihren Liedern andeuten können.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.