Fuck, Love, Fight – Paris nach den Attacken

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"Paris" by Moyan Brenn, CC-BY 2.0
"Paris" by Moyan Brenn, CC-BY 2.0

Fünf Tage nach den Attentaten in Paris löst sich langsam die Schockstarre. Der Notstand ist immer noch ausgerufen, aber das Leben soll weiter gehen. Jetzt erst recht.

Fuck, Love, Fight

Mehr ficken, mehr saufen, mehr feiern.
So tönt es dieser Tage aus Paris.
Ihr zielt auf uns, weil wir pervers sind und ausgehen? Dann werden wir jetzt noch perverser. Wir besaufen uns wie nie und verabreden uns auf Facebook zum Gruppensex auf öffentlichen Plätzen. Symbolisch, versteht sich.
„Tous en Terrasse“, alle auf die Terrassen lautet das Motto. Mit Terrassen sind die Außenbereiche der Cafés, Restaurants und Bars gemeint. Die Orte, an denen am Freitag der Terror zuschlug.

Nie waren uns die Werte der Revolution von 1789 präsenter als jetzt: Liberté, Égalité, Fraternité.
Vor allem die Freiheit will sich Paris nicht nehmen lassen, auch wenn es noch ängstlich ist und vom Knallen der Zündungen der zahlreichen Motorroller in den Straßen aufschreckt. Man versucht sich daran zu erinnern, dass schon vor Freitag Krankenwagen durch die Straßen fuhren und, dass das kein Zeichen für einen weiteren Anschlag ist. Trotzdem ist man zum ersten Mal froh, den bewaffneten Soldaten auf der Straße zu begegnen.

Man scheint entschlossen weiter zu machen: Paris geht wieder zur Arbeit und in die Uni, trinkt, tanzt, feiert, liebt, flirtet und stellt Bierdosen zwischen die Blumen und Kerzen vor dem Bataclan.
Nur die Pariser Métro, in der sonst Menschen dicht an dicht stehen und man kaum einen Stehplatz findet, ist auffallend leer. Freie Platzwahl.

Stück für Stück fügten sich in den vergangenen Tagen die Puzzleteile zusammen, der Nebel lichtete sich und die Geschichten und Nachrichten häuften sich: Die Bekannte einer Freundin, am Freitag zum Essen im Petit Cambodge, die nur schnell auf die Toilette gegangen war und als sie zurückkam, ihre Freunde erschossen auf dem Boden auffand. Der Sohn der Kollegin, der nicht mit vor die Tür zum Rauchen ging und so überlebte. Und die Bekannten, die es erwischt hat, die im Krankenhaus liegen, um ihr Leben kämpfen oder, zum Glück, über den Berg sind. Paris trauert.
Das zweite Mal dieses Jahr.

Aber wir trauern anders, als im Januar, als die Journalisten von Charlie Hebdo zu Tode kamen. Denn diesmal galt der Angriff uns persönlich. Charlie Hebdo hatte große Symbolkraft. Der dreizehnte November war ein Schuss ins Herz.

Abgedrückt haben wieder junge Männer, in unserem Alter, geboren im selben Land.
Irgendwann, irgendwie Gehirnwäsche: Radikalisiert.
Dass das wenig mit Religion zu tun hat, will man nicht wiederholen müssen.
Perspektivlos, beeinflussbar, Minderwertigkeitsgefühl, Größenwahn, die vernachlässigte Generation. Die Theorien sind zahlreich.
Wir können sie schwer verstehen. Doch auch um sie dürfen wir trauern.
Denn sie sind uns ähnlich.
Sie wissen, wie wir funktionieren und was uns Angst macht. Sie haben selbst so funktioniert, als sie in Frankreich, Belgien, England, Österreich oder Deutschland groß geworden sind.

Was auch immer sie dazu getrieben haben mag, in dieser Nacht die Orte anzugreifen, die sie selbst so gut gekannt haben, wie viel Captagon sie geschluckt haben, wie viele Jungfrauen ihnen im Paradies versprochen wurden: Sie wurden instrumentalisiert und ordentlich aufs Kreuz gelegt.
Bezahlt haben sie mit ihrem Leben und mit zu vielen der unseren.
Die Angriffe in der Vergangenheit, ob in Tunesien, dem Libanon oder Frankreich hatten und haben alle dasselbe Ziel: Sie sollen uns spalten, uns erschüttern und in Angst und Schrecken versetzen.

Ja, wir haben Angst, aber nicht für immer. Wir sind erschrocken, aber wir stehen wieder auf. Mehr denn je lieben wir plötzlich dieses Europa oder das wofür es steht. Was auch immer das eigentlich sein soll. Wir wollen die Welt, in der und die Art, wie wir leben nicht aufgeben. So blöd es klingt, wir wollen Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Ob das die politische Realität von morgen ist, sei dahin gestellt. Aber es ist das Gefühl der letzten Tage.

Bild von Moyan Brenn



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