„Citizenfour“- Der Snowden-Film in der ARD-Mediathek

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„Ist ja nur ein Film“ hörte ich mich gestern Abend oft selbst denken, nur um danach zu realisieren, dass diese Form der Selbstberuhigung bei besonders krassen, blutigen, beunruhigenden Spielfilmen gilt, jedoch nicht bei Dokus. „Citizenfour“ von Laura Poitras ist eine einzige 106-minütige Beunruhigung. Der Film über die Enthüllungen von Edward Snowden ist eine Dystopie, die Realität geworden ist.

„Citizenfour“ arbeitet vor allem mit dem Interviewmaterial, das kurz vor und kurz nach den Enthüllungen in einem Hotel in Hongkong entstanden ist. Snowden traf sich neben anderen mit dem Journalisten Glenn Greenwald und der Regisseurin Laura Poitras, um die Lawine loszutreten, die das Verhältnis der USA zu ihren Bürgern, befreundeten Staaten und deren Bürgern grundlegend verändern sollte. Dementsprechend werden die Szenen im Hotelzimmer wie ein Kammerspiel inszeniert, das atmosphärisch sehr an die deutsche Spielfilmproduktion „Zeit der Kannibalen“ und entfernt an „Lost in Translation“ erinnert.

Unrealistisches Drehbuch

Der reale Polit-Thriller „Citizenfour“ mit dem hanebüchenen Drehbuch glänzt aber auch dadurch, dass er die Drähte dies- und jenseits des Atlantiks verlötet und damit zeigt, dass es nicht nur die Amerikaner waren, die Komplettüberwachung forcierten. Auch die britische Regierung kommt gar nicht gut weg und im deutschen NSA-Untersuchungsausschuss geht wohl längst nicht alles mit rechten Dingen zu. Das ist manchmal gruselig und zeigt, dass der Zeigefinger Richtung Amerika auch Richtung europäische Regierungen gehen sollte. Die haben den Überwachungswahnsinn teils wissentlich forciert.

Besonders spannungserzeugende Momente im Film sind die Chats zwischen Poitras bzw. Greenwald und Snowden nach den Interviews. Sie geben einen intimen Einblick in die Innenwelt des Whistleblowers und zeigen, dass selbst der ehemalige Top-Informatiker der NSA noch von Überwachungspraktiken und der Skrupellosigkeit seiner Regierung überrascht wurde.

Schockierend wirkt auch die Darstellung der Überwachung von Journalisten, die im Bereich NSA-Spionage und Überwachung recherchieren. Sie werden genau so überwacht, wie Aktivisten, was einmal mehr zeigt, welch undemokratische Ideen die Verantwortlichen dieses Skandals, vertreten.

Was also tun?

Im Film schreibt „Guardian“-Journalist Glenn Greenwald am Ende Briefchen an den daraufhin schockierten Edward Snowden um ihm die neuesten Erkenntnisse mitzuteilen. Auch das Handy in einen Kühlschrank zu legen, wenn man nicht abgehört werden will, wird als Option genannt. Die Idee, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die solch eine monströse Komplettüberwachung installierten, klingt da schon fast wie Fiktion. Aber auch diese Fiktion, so viel lehrt uns auch „Citizenfour“ kann schneller Realität werden, als man für möglich hält.

„Citizenfour“ von Laura Poitras, verfügbar in ARD-Mediathek bis 30.November

5 KOMMENTARE

  1. Vergleiche mit anderen Werken haben immer etwas hilfloses, hier aber sind beide Vergleiche mit anderen Filmen völlig deplatziert, weil völlig unpassend, weil beide jeweils eine ganz andere Thematik ansprechen. Außerdem stimmt der letzte Satz mit „kann schneller Realität werden, als man für möglich hält“, überhaupt nicht: Diese angebliche „Fiktion“ IST bereits Realität, wie der Film eindrücklich dokumentierte! Und zusätzlich erschreckend daran ist, dass sich die öffentlichen Reaktionen auf diesen eigentlich doch gigantischen Skandal sehr in Grenzen gehalten haben; siehe http://blog.ronaldfilkas.de/2013/08/19/abhoerskandal-war-da-was/

    • Bitte erstmal aufmerksam lesen, bevor du hier kritisierst. Ich habe geschrieben, dass die atmo an die filme erinnert. Nicht das Thema. Ausserdem schreibe ich von der Fiktion, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden könnten. Nicht davon, dass die Überwachung natürlich längst Realität ist.

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