“Es ist einfach erbärmlich, dass die EU keine sicheren Fluchtwege ermöglicht”: Erik Marquardt im Interview über die Balkanroute

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Foto von Erik Marquardt
Foto von Erik Marquardt

Der Fotojournalist, Aktivist und ehemalige Sprecher der Grünen Jugend Erik Marquardt weiß wovon er spricht, wenn es um Flüchtlingspolitik geht. Mehrfach war der Berliner in diesem Jahr auf der Balkanroute unterwegs und hat auch schon Bilder, die gemeinsam mit dem Fotografen entlang der Flüchtlingsroute entstanden, ausgestellt. Mit einer Brustcam dokumentierte Erik vor ein paar Tagen die Ankunft von Flüchtlingen aus Lesbos. Wir haben mit ihm über seine Erfahrungen gesprochen.

So sieht es aus, wenn Refugee-Boote auf Lesbos ankommen und ihnen geholfen wird.

Posted by Erik Marquardt on Freitag, 27. November 2015


Wie ist das Video entstanden?

Ich versuche grad mit vielen anderen Volunteers auf Lesbos die Menschen auf der Flucht etwas zu unterstützen. Dabei ist es zum Beispiel wichtig, den Booten beim Anlanden zu helfen, damit auf den letzten Metern nichts mehr schief geht. Man muss darauf achten, dass keine Hektik entsteht und das Boot möglichst ruhig und nah am Strand anlandet. Das habe ich mit einer kleinen Kamera und einem Brustgurt gefilmt.

Wie ist die Situation aktuell in Lesbos?

Die Situation ist momentan deutlich besser, als in den vergangenen Monaten, aber immer noch nicht gut. Die Bootsüberfahrt von der Türkei ist sehr gefährlich, weil die Boote völlig überladen sind und auch nach der Ankunft auf der Insel ist die Versorgung nicht gut. Inzwischen gibt es zwar eine ganze Menge Hilfsorganisationen hier, aber das reicht immer noch nicht, um alle Flüchtenden anständig unterzubringen und zu versorgen.

Wie oft warst du schon auf der Balkanroute der Flüchtlinge unterwegs und welche Erfahrungen und Rückschlüsse kannst du auf die aktuellen EU-Flüchtlingspolitik bezogen, ziehen?

Ich war seit August sieben Mal auf der Balkanroute und habe die Situation fotografisch dokumentiert, aber natürlich auch versucht die Menschen auf dem Weg zu unterstützen. Es ist erschreckend, wie langsam die staatlichen Strukturen auf die Fluchtbewegungen reagieren. Auch wenn sich die Situation an einigen Orten stetig verbessert, mangelt es oft an grundlegenden Dingen, wie ärztlicher Versorgung, Essen oder trockener Kleidung. Oft müssen die Flüchtenden unter freiem Himmel schlafen. Durch die Verhandlungen zwischen EU und Türkei und die diskutierten Grenzschließungen im nächsten Jahr machen sich viele Leute auch im Herbst und voraussichtlich auch im Winter noch auf den Weg. Das macht die Flucht nochmal gefährlicher.

Die Menschen wissen natürlich, dass diese Reise sehr gefährlich ist – aber für die meisten ist die Balkanroute gerade der letzte Ausweg aus schrecklichen Lebensbedingungen. Es ist einfach sehr erbärmlich, dass die EU keine sicheren Fluchtwege ermöglicht und Menschen, die nach EU-weiter Rechtslage schutzbedürftig sind auf diesen Leidensweg schickt.

Welche Ziele verfolgst du mit deiner Dokumentationsarbeit vor Ort?

Als ich mit Björn Kietzmann, einem befreundeten Fotojournalisten, im Juli angefangen habe die erste Reise zu planen, war die Situation auf der Fluchtroute noch nicht besonders verbreitet. Diese Situation möglichst vielen Menschen zu zeigen war ein Grund, der mich dazu bewegt hat, auf die Reise zu gehen.

Es ist aber auch besonders in der aktuellen Debatte in Deutschland auch wichtig, den Geflüchteten durch Bilder ein Gesicht zu geben und den Vorurteilen etwas entgegen zu setzen. Ich versuche in Vorträgen und mit den Bildern deutlich zu machen, was die Menschen erlebt haben. Das können sie natürlich besser erzählen als ich, aber so kann ich vielleicht einen kleinen Teil dazu beitragen, dass man weniger von Fluchtwelle, -krise, oder gar -lawine spricht, sondern dass die Gesellschaft die Menschen hinter den Schlagzeilen sieht.



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