Comedienne Margaret Cho und politische Geschlechtsteile

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Screenshot Dick in the air
Screenshot Dick in the air

Margaret Cho: Comedienne, Schauspielerin, Sängerin und sicherlich noch viel mehr als das, tritt am 7. Dezember im Quatsch Comedy Club in Berlin auf. Solltest du das noch nicht gewusst haben und großer Fan sein, dann habe ich gleich eine schlechte Nachricht für dich: der Gig ist schon seit geraumer Zeit ausverkauft.

Mich hat dieser Umstand ziemlich überrascht, ging ich doch bisher davon aus, dass Cho einem deutschen Publikum ziemlich unbekannt sein müsste. Denn woher sollte man sie auch kennen, hier, im humoristisch eher biederen Deutschland.
Doch wer ist diese Margaret Cho eigentlich?

Freud sagt, Humor ist aggressiv.

Der biographische Abriss von Wikipedia sagt, dass sie in eine amerikanisch-koreanische Familie geboren wurde, ihre ersten Showbiz-Gehversuche in der Serie „All American Girl“ machte und sich schließlich auf Stand-Up spezialisierte. So weit so uninteressant.

Spannender wird es, wenn man sich den speziellen Humor Chos mal genauer anschaut. Laut Freud muss ein „realitätsbewusster Erwachsener“ einen „Hemmungsaufwand“ aufbringen, um sich selbst das Spiel mit der Sprache, also den eher derben, oder „tendenziösen“ Witz zu verbieten. Kommt es nun aber dazu, dass er sich in einem Kontext befindet, in dem er so einen Witz bringen kann, ist es ihm möglich, diesen Aufwand abzulachen, sich von dieser Anstrengung zu lösen.

Ebenso ist es aber auch den Zuhörenden möglich, sich selbst dem Lachen hinzugeben. Laut Freud auch ein mögliches Einfallstor für Aggressivität, denn wer kennt es nicht, das aggressive Lachen über etwas, das einem in einem nicht-humoristischen Kontext nicht gestattet ist. Weiterhin sei der Witz dahingehend eine Lustquelle, dass durch ihn Hindernisse umgangen werden können, die eine Person sonst daran hindern könnten, der Tendenz stattzugeben, also das zu sagen, was man sagen möchte (sowohl bewusst als auch unbewusst).

I just shit my pants!

Margaret Cho ist eine Meisterin im unangenehmen Humor, der einem auch dann ein Lachen abzwingt, wenn man eigentlich lieber betroffen dreinblicken möchte. Und immer die Frage „darf ich darüber eigentlich lachen?“.

Wir sehen also eine Frau mit „koreanischen Wurzeln“, wie man so schön sagt, die amüsiert davon berichtet, wie sehr ihr bloßes Aussehen Menschen verunsichern kann. Davon ausgehend, dass einige der Zuschauenden diese Verunsichert-Sein nachempfinden können, ist es gerade dieser Umstand, der zum Lachen anregt. Eben weil Cho sich gleichermaßen direkt selbst zum Ziel dieses Lachens macht ohne dadurch selbst zum Opfer zu werden. Sie behält in ihren Witzen immer die Oberhand. Selbst dann, wenn sie von demütigenden Momenten erzählt, lacht sie immer mit uns über sich. Sie zieht die Zuschauenden auf ihre Seite und erlaubt ihnen, aus ihrem Blickwinkel über Dinge zu lachen, die eigentlich Tabu zu sein scheinen.

Dick is dirty sometimes.

Sexualität. Auch ein Thema, das, so sehr man auch aufgeklärt und liberal zu sein meint, immer noch eher für schüchternes Gekicher sorgt als für schallendes Lachen. Margaret Cho sorgt da für Abhilfe. Indem sie die Dinge (Geschlechtsteile, –krankheiten, –ausmaße, Sexualvorlieben, –praktiken, –eskapaden) beim Namen nennt, in allen graphischen Details, und dies in einem Gestus tut, der einem selbst jede Scham nimmt, kann sie eine Fundgrube des vermeintlich kruden Humors für sich erschließen. Und warum auch nicht sollte man genüsslich und ausführlich den Unterschied zwischen Schwänzen von Homos und Heteros diskutieren? Immer mitgedacht, dass dabei alle Stereotype, die verschiedenen Sexualitäten betreffend, involviert und persifliert werden können.

Gay dick VS. Straight dick

Ohne dabei explizit politisch sein zu müssen hat ihr Humor doch auch immer implizite politische Aussagen. Frei über Sex reden zu können – sich dabei selbst weder als Hetero- noch als Homosexuell deklarieren und rechtfertigen zu müssen – oder aber von alltäglichen diskriminierenden Situationen zu erzählen, kann mehr schaffen als jedes politische Kabarett: ein Lachen, das man eigentlich direkt selbst ersticken möchte.
Und dann die Frage, was an dem Witz so unangenehm für einen war, dass man sich sein Lachen selbst verbieten möchte.

Natürlich ist es nicht möglich, alle Aspekte von Chos Humor – denn was ist „ihr Humor“ groß anderes als ihr Leben? – in diesen Text zu pressen.
Erwähnt werden muss aber noch, dass Sie auch gerne und oft mit anderen Künstler*innen kollaboriert. Dabei können dann so herrliche Video entstehen wie dieses mit Peaches.


Und nun du, liebes Publikum.

Abschließend bleibt die spannende Frage, wie das Publikum am 7. Dezember wohl aussehen mag. Tatsächlich werden wohl nur sehr wenige Menschen die in Deutschland aufgewachsen sind Margaret Cho kennen. Ich selbst bin erst an einem langem Youtube-Bingewatch-Sonntag auf sie gestoßen. Von Ellen DeGeneres kam ich zu Kathy Griffin, zu Wanda Sykes, zu Margaret Cho. Es gibt keine Kausalkette, die irgendwie von einer Comedienne zur anderen führen würde, es war der pure Zufall, der mich zu Cho brachte.

Auch fragte ich mich bei der Recherche zu diesem Artikel, ob man davon sprechen kann, dass Cho einen so speziellen Humor hat, dass er mit einem „deutschen Humor“ (diesen abschließend zu definieren dürfte niemals möglich sein) irgendwie inkompatibel ist. Nicht nur spricht Cho über soziale Missstände, die in Deutschland anders gelagert sind. Vor allem aber benutzt sie eine Sprache, die in einer deutschen Übersetzung einfach keine Entsprechung finden kann. Die schlichte Inkompatibilität der Worte und ihres semantischen Inhalts, aber auch die Art, den Humor zu transportieren kann ich nur schwer mit dem Verbinden, was ich unter „deutschem Humor“ verstehen würde – also einen eher auf eine Pointe hinsteuernden Humor, der, auch wenn er politisch ist, selten die Grenzen des Aushaltbaren austestet, sondern vielmehr behaglich in dem was man kennt verweilt.

Nichtsdestotrotz. Der 7. Dezember im Quatsch Comedy Club wird ein besonderer Abend werden. Nicht nur, weil ich noch nie einen Gig von Margaret Cho live miterlebt habe. Sondern auch, weil ich noch nie ein deutsches Publikum erlebt habe, dass live einen Gig von Margaret Cho miterlebt. Cheers.



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