Der Dammbruch- #Köln und die Folgen

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Wie überhitzt die Debatte um die Kölner Übergriffe ist, zeigt ein kleiner Streifzug durch die großen Medienhäuser. Fast überall Titelgeschichten, Diskussionbeiträge und Hintergrundanalysen. Köln und die Folgen ist die erste mediale Sau, die 2016 durchs Dorf getrieben wurde. Hinterlassen wird die Debatte nichts als Scherben, schrille Töne und brandgefährliche Zuspitzung.

Die richtige Debatte, mit den falschen Schlussfolgerungen zu einem unmöglichen Zeitpunkt

Den Rechten passt die Debatte hervorragend in den Kram. Angesichts der Stoßrichtung, die die Diskussion eingeschlagen hat, kann man sich die frohlockenden Rechtsaußen vorstellen, wie sie sich gerade die Hände reiben, angesichts dieses argumentativen Geschenks an die Rechtspopulisten.

Doch die Demokratie ist immer so stark wie ihre Mitte und die kommt nach der zweischneidigen Flüchtlingseuphorie im Sommer ins Schlingern. Mehrfach lässt genau diese Mitte zivilisatorische und journalistische Standards bei erstbester Gelegenheit fallen. In der irrigen Annahme, dass in diesem Klima eine echte Debatte über die wahren Ursachen der Übergriffe möglich wäre.

Genauso empörend, wie die Silvester-Übergriffe selbst, ist mittlerweile die Debatte, in der offenbar alle Dämme gebrochen sind. Junge Nordafrikaner und Araber? Alles potentielle Vergewaltiger. Moslems? Größtenteils Frauenverachter. Die deutsche Frau? Bedroht durch die unzivilisierten Wilden. Das ist der Subtext, der auf dem Focus-Cover mitschwingt.

Auch die SZ macht mit einem Bild auf, das wenig Spielraum für Deutungen bietet.

Fakten und Vorurteile

In solch einer Titel-Hysterie ist für Zwischentöne kein Platz, genau so wenig, wie für differenzierte Diskussionansätze. Fakten? Stören nur. Dabei wären sie hilfreich. Im Rahmen der Studie „Geschlechterrollen bei Deutschen und Zuwanderern christlicher und muslimischer Religionszugehörigkeit“ des Mediendienstes Integration wurden beispielsweise im vorvergangenen Jahr rund 3.000 Muslime und Christen in Deutschland befragt. Die zentralen Ergebnisse sprechen Bände über die Doppelstandards weiter Teile der Berichterstattung:

-Christen und Muslime haben relativ ähnliche Einstellungen, wenn es um das Verhältnis zwischen Mann und Frau geht: Mit jeweils über 80 Prozent stellt Gleichberechtigung für beide Gruppen einen fest verankerten Wert dar.

-Nur eine Minderheit (unter Christen rund 11, unter Muslimen rund 17 Prozent) wies Ansichten auf, die zumindest teilweise als benachteiligend für Frauen einzustufen sind.

-Sowohl bei Christen als auch bei Muslimen wird die Hausarbeit größtenteils klassisch aufgeteilt: Aufgaben wie Wäsche waschen, Putzen und Kochen werden meist von Frauen erledigt, Männer hingegen erledigen etwa Reparaturen.

-In beiden Gruppen vertraten Personen, die ihren Alltag an religiösen Vorschriften ausrichten, traditionellere Einstellungen zu Geschlechterrollen

In den Schlussfolgerungen der Autoren heißt es außerdem:

„Zudem habe der Bildungsgrad einen großen Einfluss. So vertraten Befragte aus beiden Gruppen traditionellere Einstellungen, wenn sie einen geringen Bildungsgrad und gesellschaftlichen Status hatten. Demgegenüber waren unter muslimischen Akademikern sogar häufiger beide Partner Vollzeit erwerbstätig als unter christlichen. Die Autoren schlussfolgern daraus, dass der zentrale Faktor, der hinter vermeintlich religiösen Unterschieden stehe, die schlechtere soziale Lage von Muslimen im Vergleich zu Christen in Deutschland sei.“

Die Diebe und Vergewaltiger in Köln und anderswo haben mit den Menschen, die jetzt in argumentatorische Sippenhaft genommen werden, also ungefähr so viel zu tun, wie die nicht minder gewalttätigen und übergriffigen Männer beim Oktoberfest mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Weil aber eben jenes organisierte Massenbesäufnis zum volkskulturellen Inventar gehört, bleibt der Aufschrei in München aus. Wer Karoline Beisels und Beate Wilds Beschreibung der Zustände beim Oktoberfest liest, merkt, wie nah das alles an den Kölner Übergriffen ist.

Das Problem heisst Sexismus, nicht Zuwanderung

Männer, die glauben, dass der weibliche Körper Teil ihrer eigenen Verfügungsmasse ist, findet man in fast allen Gesellschaften. Die oftmals gewalttätige Objektivierung der Frau ist kulturübergreifend, auch wenn sie in der westlichen Welt anklagbarer ist, als in Ländern, die sich als muslimisch begreifen. Das Tragische an der gegenwärtigen Debatte ist, dass über die Unterdrückung der Frau nur noch am Rande diskutiert wird. Deutsche Frauen, die muslimisch geprägt sind, hätten wohl einiges zum Thema beizutragen hätten, kommen in der Diskussion aber nur am Rande vor oder noch schlimmer: Werden wie die Journalistin Hatice Akyün gegen ihre Zusage vor den Karren einer Medienkampagne gespannt deren Ziel nicht das Anprangern sexualisierte Gewalt ist, sondern das Bedienen opportuner werdender Ressentiments. Das Pegida-Gift, es wirkt. Und das ist das Deprimierendste am gegenwärtigen Zustand der Republik.

Die Debatte um die sexualisierte Gewalt in der Kölner Silvesternacht wird zum Fiasko der Flüchtlingsdebatte. Die Auswirkungen des rechtspopulistischen Dammbruches, auf die eh schon hitzige Debatte um Zuwanderung, sind absehbar. Die Übergriffe auf Flüchtlingsheime werden zunehmen, der Ton auch von staatlicher Stelle rauer. Viele Beobachter sprechen von einem Wendepunkt in der deutschen Willkommenskultur, die zwar vielerorts gelebt wird, aber, wie sich jetzt zeigt, so fragil ist, wie die Sicherheitslage in einer Winternacht am Kölner Hauptbahnhof. Es wird zunehmend ungemütlich in Deutschland.

(Photo: „Skyline Köln“, von Renee Hawk, [Unter folgender Lizenz])

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