Throwback Thursday: Deutschsprachiger Rap und Eins Zwo

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Der Throwback Thursday ist die Aufarbeitung der Musik, die uns Blogrebellen in unserer Jugendzeit gefallen hat. Ungeachtet dessen, was wir heute davon halten, wollen wir in dieser Reihe die Sounds feiern, die uns musikalisch prägten. Das darf gerne nostalgisch und eventuell auch peinlich werden, aber immer ehrlich, das versprechen wir. Im vierten Teil unserer Reihe beschäftigt sich heute Julian mit deutschsprachigem Rap allgemein und Eins Zwo im Speziellen.

Meine Jugendhelden sind…

Ich bin, ob ich will oder nicht, ein Kind der 90er. Medial, politisch, aber vor allem kulturell. 1999 war ich 14 Jahre alt. Ich hörte die Ärzte, die Doors und Nirvana, hängte mir eine E-Gitarre um den Hals und dachte, wie alle 14-Jährigen, dass ich nie wieder was anderes hören werde. Dann kam HipHop und stellte alles auf den Kopf. Mein Schritt hing auf einmal tiefer, die Cappy schräger und ich auf Jams in ganz Bayern(Phat Friday im Nürnberger Hirsch, unvergessen!) rum. Ich taggte die Altpapiertonne meiner Eltern zu, wurde ein miserabler Skateboarder und zahlte wahnsinnige Preise für Szeneklamotten.
Doch in erster Linie ging es um Musik.

Für mich ist deutschsprachiger Rap so wichtig, weil…

Das Schöne an Rap war für mich immer, dass diese Musik alle grundlegenden Gefühle und Haltungen widerspiegelte. Und neben den nachdenklichen, eher deepen Parts und der Melancholie war das immer auch die Aversion und die Abgrenzung gegenüber Wack-MCs, ganz diffus dem „Mainstream“ oder Nazis bzw. die, die ich dafür hielt. Rund um das Millenium war Aggro Berlin noch weit weg, King Kool Savas oder Taktloss für mich irgendwie uninteressant. Vergleichsweise milde Battlerapper wie Ferris MC, Samy Deluxe oder auch die Beginner waren damals eher mein Ding. Ich kann mir vorstellen, wie absurd das aus heutiger Sicht klingt, aber Tracks wie „Nie nett“ auf Bambule waren für mich bahnbrechend, was Wut und Abgrenzung angeht.

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„Liebeslied“ ist zwar bis heute einer der besten deutschsprachigen Raptracks, aber auf „Bambule“ irgendwie ein Satellit. Ich kann heute noch jede Zeile auf „Bambule“ mitrappen. „Dein Gesicht und mein Arsch könnten gute Freunde sein!“ wurde mein Mantra und der Burgjam im Juli 2000 so etwas wie ein Erweckungserlebnis. Ich habe die Karte damals, wenn ich mich richtig erinnere, von meinem Vater geschenkt bekommen, genau wie ein Run-DMC-Best Of, ein paar Jahre zuvor. Blumentopf, Fettes Brot, die Beginner und Eins Zwo zwischen uralten Sandsteinblöcken im Nürnberger Burggraben. Am speziellsten waren für mich immer Eins Zwo. Dende und Rabauke waren gleichzeitig relevant und zeitlos. Das fasziniert mich bis heute.

burgjamnbg

Der beste Song war

Superschwierig einen zu nennen. Versuchen wirs über Tonträger. Die „Sport“-EP ist eine Art Prolog für „Gefährliches Halbwissen“, aber hat textlich und beattechnisch trotzdem einen eigenen Dreh. „Ich so, er so“ ist eine wunderbare Kleingeschichte über ein spontanes und skurril in Szene gesetztes Rap-Battle. „Flaschenpost“ eine Ode an HipHop und ein sanfter Diss gegen das Business, ohne Happy End. „Kalt wie Eis“ hat mindestens so viel Soul, wie die amerikanische Vorlage, ist aber zurückgelehnter. Was ja generell Dendes Gesamtwerk sehr gut beschreibt. „Sport“ ist als EP so dicht, so speziell, dass es als einer der interessantesten Kurztonträger in die Geschichte des Deutschrap einging.

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Genau wie Eins Zwo´s Debüt „Gefährliches Halbwissen“. Wie viele Wortwitze und Selbstironie Dende in einer Line unterbrachte war rekordverdächtig und macht „Gefährliches Halbwissen“ zu einer der besten Platten, die im Regal HipHop deutschsprachig zu finden waren. Obwohl ich das Eins Zwo-Debüt mindestens so oft wie Bambule gehört habe, kann ich kaum eine Line auswendig.

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Ich glaube, dass das an Dendes vertrackter Wortakrobatik und seinen ungewöhnlichen Reimen liegt. Dass diese Platte bis heute so zeitlos wirkt, liegt an Dendes Distanz zu sich selbst, zu seiner Kunst und dem fehlenden Pathos in den Texten. Wenn Dende über seine Gefühle rappte, dann driftet das nie ins Duselige ab. Anstatt auf Effekthascherei und das Ansprechen emotionaler Allgemeinplätze zu setzen, vertraute Dendemann auf seine Reimkunst, auf seinen irrwitzigen Assoziationsfundus und einen spontan wirkenden, aber perfekt sitzenden Flow. Obwohl Eins Zwo schon damals in der ersten Liga spielten und fest in der Hamburger Mongo Clikke verortet waren, gehörten sie irgendwie nie so richtig dazu. Zu speziell und zu eigenartig im besten Sinne war das, was Dendemann und Rabauke auf ihren Platten und live veranstalteten. Wie sehr vor allem Dende in den folgenden Jahren sein eigenes Ding machte, lässt sich auch an dem ablesen, was er beim Neo Magazin Royale Woche für Woche abliefert.

Live waren die eh ne Wucht und vor allem…

Noch Fragen…?

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Der geilste Move und das geilste Outfit

Geilster Move, geilstes Outfit, irgendwie erscheint mir in der Retrospektive nichts unwichtiger als das. Aber natürlich war es das. Bei Dende fällt mir da trotzdem nichts besonderes ein, seinen Vokuhila-Schnauz-Style hatte er erst viel später. HipHop zeichnete sich in dieser Zeit immer dadurch aus, dass Publikum und Künstler ähnlich aussahen. Deswegen breche ich jetzt mal für den typischen Müslirapper Style Ende der 90er, die wir damals versuchten zu kopieren, eine Lanze: Die Geoff Rowley´s von Vans(oder Puma mit gleichfarbigen Fat Laces), tief hängende helle Jeans, „King Lui“-Shirt und eine Blanko-Trucker-Cap mit den neuesten Pieces der talentiertesten Graffiti-Klassenkameraden.

Und jetzt schäme ich mich ein wenig dafür, weil…

Während ich alte Samy-Sachen oder auch die Fettes Brot Doppel-LP „…für die Welt“ heute mit einiger ironischer Distanz höre, ist davon bei Eins Zwo´s „Gefährliches Halbwissen“ nichts zu spüren. Mir fällt nix ein, was einem peinlich sein könnte. Dende´s 80er-Phase, die erst lang nach Eins Zwo beginnt, habe ich zwar nie ganz verstanden, aber witzig wars schon, die Platten aus dieser Zeit weitere Highlights des Deutschrap. Als Nächstes steht eine Platte mit den freien Radikalen an und ich kann´s kaum erwarten. Go for it, Dende!

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