Das Remix-Theater: Das Berliner Maxim Gorki zwischen Sibylle Berg und Anton Tschechow

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Das Berliner Maxim-Gorki-Theater hat in den letzten Jahren unter Shermin Langhoff und Jens Hillje eine der spannendsten Häutungen der Theaterwelt hinter sich gebracht. Wir haben uns im Gorki neuaufgelegte Klassiker und zeitgenössische Produktionen angesehen.

Vielleicht ist es diese eine Szene, die in Nurkan Erpulats Inszenierung von Tschechows „Kirschgarten“ als Gleichnis für den Abstieg des ehemaligen Geldadels taugt. Eine Gruppe von Landstreichern betritt die Szenerie und bittet die Ranewskaja, die inmitten ihrer Lieben steht, um etwas Kleingeld. Angesichts des sehr ähnlichen Erscheinungsbild der Landstreicher mit der hochmütigen Gesellschaft rund um die verschuldete Matriarchin, gespielt von Gorki-Urgestein Ruth Reinecke, erschrickt diese und kramt dennoch unter Protest ihrer Sippe nach ein paar Münzen. Ist es reine Nächstenliebe oder eine Art Ablasshandel? Ist die ablehnende Reaktion der Familie, die Befürchtung selbst so zu enden wie die Landstreicher? Oder auf heutige Zeit übertragen, die Angst der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg? Wie immer wieder auch in der heutigen Mittelschicht führt diese Furcht zu ambivalenten eigene Werten und oft irrationaler Paranoia und Abwehrreflexen nach unten, in diesem Fall: In Richtung unterprivilegierter Gruppen von Migranten.

Foto von Esra Rotthoff
Foto von Esra Rotthoff

Neureicher Kapitalist im zaristischen Russland oder Kreuzberger Kiezkönig?

Den bemerkenswertesten Beitrag hierzu liefert in Erpulat´s „Kirschgarten“ Taner Sahintürk, der den neureichen Kapitalisten Lopachin in weißem Anzug und Goldkettchen immer wieder gekonnt in die Figur eines schmierigen Kreuzberger Kiezkönigs verwandelt und ständig auf dem schmalen Grat dieser Doppelrolle ausrutscht. Sahintürk spielt die ganze Klaviatur von manischem, kapitalistischem Größenwahn und grenzenloser Wut über Ignoranz und Benachteiligung. Ein grandioses Spektakel, das in seinen eskalierenden Momenten an den Kabarettisten Serdar Somuncu erinnert. Der hatte schon vor Jahren höchst unterhaltsam von Stigmatisierungen der großen Theaterhäuser aufgrund seiner türkischen Herkunft zu berichten gewusst. Immer nur den Gastarbeiter mit starkem Akzent und Blaumann spielen, diese Zeiten sind zumindest am Gorki-Theater vorbei.

Spätestens seit Shermin Langhoff und Jens Hilje zur neuen Spielzeit 2013/14 vom Ballhaus Naunynstraße als Intendanten nach Mitte wechselten. Ab jetzt gibt es das von Langhoff im Kreuzberger Kiez ausgerufene „post-migrantische Theater“ auch im Staatsschauspiel und das merkt man allen Ecken und Enden. So ist es auch Sahintürk in der Rolle des Lopachin, der am Ende des Stücks die Kulisse der post-feudalen russischen Gesellschaft erst wutentbrannt herunterreißt und dann umwirft. Das Fanal für einen Exzess, der eine türkische Hochzeit mit dem Totentanz der privilegierten Schichten, zu denen er längst selbst gehört, verschmelzen lässt.

Shermin Langhoff, Intendantin, Maxim Gorki Theater Foto:Stephan Röhl
Shermin Langhoff, Intendantin, Maxim Gorki Theater Foto: Stephan Röhl (CC BY-SA 2.0)

Postmodernism has won this time

Die geballte, symbolische Vielfalt der post-modernen Lebenswelten spiegelt sich bei Erpulat´s „Kirschgarten“, das seit über zwei Jahren am Gorki läuft, auf der Bühne wieder und vereint sich mit Tschechows klassischen Figuren. Goldbedruckter Jogginganzug trifft auf Rüschenhemd, CSD-Transvestitenschick auf Kniebundhosen, muslimische Tschadors auf Hosenträger.

Die neue Dringlichkeit, mit der Erpulat die Themen Statusverlustangst der privilegierten Gesellschaftsgruppen, egal ob ehemals feudales Gutsbesitzertum oder deutsche Mittelschicht, auf einer der bedeutendsten Bühnen der Stadt verhandeln kann, liegt an deren Aktualität. Aber auch an den multikulturellen Realitäten in deutschen Großstädten. Zwar hatte gerade das Ballhaus Naunynstraße, das sich zunehmend zum Juniorpartner der altehrwürdigen Institution Maxim-Gorki-Theater entwickelt, schon vor Jahren damit begonnen „neue deutsche Geschichten“ von Migration und Identitätssuche zu erzählen, den richtigen Schwung bekam das post-migrantische Theater jedoch durch die Sarrazin-Debatte und aktuell neuen Schwung durch die Flüchtlingsdebatte.

Keine Konsumkritik, eher Konsumverarsche

Eine ganz andere, nicht minder relevante Baustelle beackert Regisseur Sebastian Nübing und sein vierköpfiges Ensemble Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas in der Inszenierung “Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen” von Sibylle Berg. Nübing inszeniert Sibylle Bergs Ideen als Farce auf die Selbst- und Fremdoptimierungsmechanismen der modernen Gesellschaft. Das Stück persifliert den Erhalt der ewigen Jugend, verflechtet Running Jokes über Zumba-Kurse mit Konsumkritik. Wobei Konsum hier eigentlich nicht mehr kritisiert, sondern nur noch verarscht wird. Ein riesengroßer Spaß und eine Groteske, die in druckreifen Texten gipfelt: “Ich bin noch nicht mal fromm, nur ratlos!” oder auch “Kraftort statt Schlafzimmer”.

Bild von Esra Rotthoff
Bild von Esra Rotthoff

Das Schauspielerinnen-Quartett trampelt, trippelt und stampft in XXL-Pullis und Oma-Röcken, teils vorverbal grunzend, über die kahle Bühne, erntet dabei alles zwischen hysterischem Lachen und ungläubigem Kichern. Große Teile der Sprechrollen werden als Chor inszeniert, kleinere Soli bilden die Ausnahme. Saukomisch, aber auch ziemlich schmerzbefreit. Auch das fast komplett fehlende, also im Prinzip aufs Wesentliche reduzierte Bühnenbild führt zu einem Gefühl, das sinnstiftend für das gesamte Gorki unter Shermin Langhoff ist: Die Fremdanklage ist gleichzeitig auch eine Selbstanklage. In der heute so vernetzten Welt sind mit Gesellschaftskritik nicht mehr nur die schlimmen Dudes gemeint, sondern wie alle. Projektionen? In allererster Linie auf uns selbst.

Finger und wohin sie zeigen

Im gleichsam technologie-, wie zivilsationskritischen “Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen” zeigt vielleicht ab und zu ein Finger aufs Publikum, aber dadurch immer auch drei auf die Schauspieler selbst. Die Selbstreflexion ist in der neuen Gorki-Theaterkunst immanent und auch für die Schauspielenden unabdingbar und so wirken viele der neuen, alten Gorki-Rollen für ihre Schauspielerinnen und Schauspieler wie maßgeschneidert. Egal ob Klassiker oder zeitgenössische Stücke.
Taner Sahintürk als Tschechow´s Lopachin oder Nora Abdel Maksoud in Sibylle Bergs Stück erfüllen diesen Zweck hervorragend.

Entgegen der landläufigen Meinung, dass die Theaterinstitution “Gorki” seit seiner Neuerfindung durch Langhoff und ihr Team als effekthaschendes Polit-Forum missversteht, geht es in der Dorotheenstadt eigentlich nur um einen kompletteren, unverstellteren Blick auf uns selbst und die Gesellschaft. Dass dabei in unruhigen Zeiten auch vermehrt Gesellschaftsdiskurse auf der Bühne verhandelt werden, ist dabei nur folgerichtig. Umso erfrischender, wenn sie so unterhaltsam, selbstreflexiv und schlau umgesetzt werden wie bei “Der Kirschgarten” und “Es sagt mir nichts, das sogenannte Draussen”.



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