Jazzrausch in München – Mit der Bigband im Elektro-Club

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Wer heute Musik produzieren will, braucht dazu nur minimale Ausstattung. Sogar auf Mikros oder ein Midi-Keyboard kann man verzichten. Nur ohne den Computer geht gar nichts mehr. Echte Musiker werden immer unwichtiger, sie machen Produktionen eher komplizierter. Den umgekehrten Weg geht die Jazzrausch Bigband aus München. Sie macht elektronische Musik – allerdings in Bigband-Besetzung. Knapp 20 Musikerinnen und Musiker stehen dann aufgereiht im Club. Warum tut man sich das an – wo Techno am Computer viel einfacher geht? Darüber haben wir uns mit Leonhard Kuhn unterhalten, Jazz-Gitarrist und Arrangeur. Er hat die elektronischen Sets für die Bigband geschrieben.

Leonhard, eure Bigband ist eigentlich eine ganz normale Bigband. Trotzdem tretet ihr regelmäßig in Münchner Clubs auf, in denen sonst eher kein Swing gespielt wird…

Das tun wir nur mit unserem Techno-Programm. Wir haben viele Projekte, wie für Jazzer üblich. Wir haben ein Weihnachtsprogramm oder ein Bruckner-Programm und eben auch ein Techno-Set. Mit dem sind wir dann im Club, zum Beispiel in München regelmäßig im Harry Klein, seltener auch im Cord.

Was passiert bei diesen Club-Shows?

Bigband-Musik, Jazz und Improvisation mit tanzbarer elektronischer Musik, mit House und Techno. Es gibt dieselben Instrumente wie in der Bigband, viele Bläser, eine Rhyhtmusgruppe – und mich am Computer.

Es braucht also immer noch einen Computer?

Ja, erst der Computer bringt das Ganze in einen authentischen Rahmen von House und Techno. Aber wir haben klar abgesteckt, was ich am Computer mache und was nicht. Zum Beispiel bau ich die Beats live. Ein Tanzbeat darf keine Millisekunde abweichen. Das Schlagzeug orientiert sich dann daran. Und dann ist der Computer auch ein eigenes Instrument. Damit hat man einfach am meisten Soundmöglichkeiten. Ich kann elektronische Sounds einbauen, kann darauf mit Filtern und Delay spielen.

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Sampelst du auch?

Ja, aber höchstens Computersounds – oder das, was man darunter versteht. Melodie- oder Gesangssamples gibt es nicht. Unsere Prämisse bei Jazzrausch war: Wenn ich anfange, am Computer Synthesizer mit einzubauen, dann wird die Band überflüssig. Alles, was die Band machen kann, soll sie auch machen.

Und das wäre?

Basslinien zum Beispiel. Oder Gesangssamples. Beziehungsweise: Das, was bei einem DJ-Set Samples wären, wird bei uns live gesungen. Pad-Sounds, Synthie-Flächen, Melodien – das kann man alles die Bläser machen lassen. Am Computer übernehme ich manchmal auch drum sounds. Aber sobald die nicht nur perkussiv sind, sondern auch einen Ton haben, kann man die zum Beispiel auch von Trompeten spielen lassen.

Hast du als Komponist Grenzen, wenn du Clubmusik für Musiker schreibst?

Theoretisch kann man alles machen. Man kann mit der Band sogar einen Arpeggiator simulieren. Saxophone sind dafür ganz gut geeignet. Dass die das nageln wie ein Computer – das ist zwar schwierig, aber es geht. Die Saxophonisten beschweren sich manchmal bei mir, dass sie nicht genug Luft holen können. Das ist quasi die größte Schwierigkeit für uns: Musiker müssen halt auch mal atmen. Der Computer nicht.

Nun gibt es ja nicht so viele Bigbands, die Techno machen. Welche Einflüsse hattest du für deine Arbeit?

In erster Linie waren das DJs. Henrik Schwarz zum Beispiel, oder Laurent Garnier und Ricardo Villalobos. Am meisten fasziniert hat mich Bugge Wesseltoft. Das ist ein norwegischer Jazzpianist, der mit Henrik Schwarz gearbeitet hat. Wesseltoft spielt und Schwarz dreht an seinen Reglern und macht den DJ. Das ist aber immer in kleinerer Besetzung und sehr viel ruhiger, smoother. Die arbeiten ganz viel mit Improvisation. Wesseltoft kann sich ganz frei bewegen. Schwarz kriegt nur das Signal und die Tonart und kann dann samplen etc. Für eine Bigband muss man schon mehr festlegen, arrangieren. Laurent Garnier arbeitet mit einer größeren Band, hat auch mal Bläser dabei. Da gibts dann feste Akkorde, feste Beats, alles ist festgelegt. Das ist dann schon eher wie bei Jazzrausch.

Die Jazzrausch Bigband aus München

Merkt ihr, wenn es an einem Abend nicht so gut läuft? Ist das ein Problem, weil ihr mit 20 Musikern nicht so spontan auf das Publikum reagieren könnt wie ein einzelner DJ?

Wir haben durchaus Möglichkeiten, auf das Publikum einzugehen. Wenn es ganz scheiße läuft, könnte man die Setlist umstellen. Das wäre die einfachste Lösung. Das ist aber noch nie vorgekommen, meistens wird das Publikum sowieso mitgerissen. Und in den Songs selbst können wir auch reagieren, allein schon dadurch dass ich die Beats live mache. Wenn ich merke, dass das Publikum mal Pause braucht, kann ich etwa die Bassdrum wegnehmen. Der Schlagzeuger merkt das auch und nimmt sich zurück. Dann gibt’s einen ruhigeren Teil. Und wenn’s wieder losgehen muss, knall ich sie rein. Und gerade bei den Soli können wir viel spontaner auf das Publikum eingehen: Die Musiker hören zu, das sind ja alles ausgebildete Jazzer. Wer gerade soliert, kann auch mal lange, ruhige Töne liegen lassen. Oder er lässt es krachen.

Überhaupt, die Soli: Im Jazz spielt Improvisation eine große Rolle. Wer mit Jazz nichts anfangen kann, für den ist das, was da passiert, oft nur Gedudel – ist das ein Problem?

Ich kann natürlich nicht in die Leute hineinschauen. Aber ich glaube, selbst für den, der mit Jazz überhaupt nichts anfangen kann, ist ein Jazzrausch-Konzert ein Erlebnis. Man sieht 20 Musiker, das ist ja heute eine Seltenheit. Und je mehr Menschen beteiligt sind, umso persönlicher wird alles, umso weniger austauschbar. Natürlich: Jederzeit kann etwas schiefgehen, kann an der Trompete das Ventil klemmen. Aber das macht den Reiz von einem live-Konzert aus. Es entsteht eine Energie, die es nur hier gibt. Jedes Mal ist es anders, jedes Mal höre ich andere Soli, ein anderes Set. Das macht die Sache interessant. Darauf kann man sich aktiv einlassen. Aber man kann auch einfach nur tanzen

Die nächsten Auftritte: 3. März – München, Cord Club; 17. März – München, HARRY KLEIN goes Kunsthalle. Weitere Termine gibt es hier.

Noch mehr handgespielten Techno gibt es bei Elektro Guzzi.

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