The Sound Of LaGeSo

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Plötzlich wird das Auto zum Club, die Fußmatte zum Dancefloor. Es ist der 8.März, der internationale Tag der Frauen und Mädchen und von außen betrachtet, muss Shivas Kleinwagen ziemlich witzig aussehen. Ungefähr 150 Blumen, die gleich beim Frauentags-Fest verteilt werden stapeln sich, neben CDs und singenden Menschen. Shiva und Reza singen lauthals mit und werfen sich bei besonders emotionalen Songteilen wissende Blicke zu, während das Autoradio bedenklich scheppert. Persische Popmusik von Mohsen Chavoshi, die klingt, als würde sie von großer Sehnsucht erzählen und vom Glück, das Reza in Berlin finden will.

In seiner Heimat wurde Reza vom Glück verlassen. Der iranische Musiker und Produzent, schlaksig und mit feinen Gesichtszügen, ist Anfang 30 und seit August vergangenem Jahr in Berlin. Den Iran musste Reza aufgrund der Verfolgung durch das Regime verlassen. Musiker und Produzenten gelten fast überall auf der Welt als Freigeister. Im Iran ist das ein Problem.
In Berlin angekommen traf Reza nach wenigen Tagen die knapp 50-Jährige Shiva, die mit ihrem Lockenkopf und ihren wachen Augen viel jünger wirkt. Die Deutsch-Iranerin kam in den Achtzigern nach Berlin, floh selbst vor Krieg und Verheerung durch den Iran-Irakischen krieg. Sie weiß, was es bedeutet seine Heimat zu verlieren, aber auch wie es ist neu anzufangen. Reza und Shiva verstanden sich von Anfang an gut. Klar, auch die gemeinsame Sprache erleichtert vieles, aber es geht auch um die Leidenschaft für Musik und die Bereitschaft sich auch für die belange Anderer zu engagieren, die verbinden. Auch Reza packt mit an. Nach seinen Deutsch-Kursen vormittags verbringt Reza die meiste Zeit an der Lageso oder bei Musikprojekten von und mit Geflüchteten. Zusammen mit Shiva organisiert er heute am Weltfrauen-Tag ein musikalisches Fest, um das Engagement von Frauen und Mädchen zu würdigen.
Shiva, die heute die Kiezmütter Moabit leitet und auch rund um das Lageso wichtige sozialarbeiterische Hilfe leistet ist voll von ihrer Mission überzeugt: „Ich will eigene positive Hilfeerfahrungen weitergeben und besonders Frauen und Mädchen stärken“.

Jam-Sessions mit Geflüchteten und Alteingesessenen

Shiva parkt in eine Parklücke in einer Moabiter Seitenstraße ein und sagt: „Ich will dir jemanden vorstellen.“. Die 50-Jährige öffnet die Türe zu einem Naturkostladen, der auch als Kieztreff genutzt wird. Im hinteren Teil des Ladens sitzt Torsten auf einem Hocker und spielt Klavier. Der gebürtige Moabiter lebt und arbeitet im Musikladen nebenan und trifft sich hier jeden Donnerstag Nachmittag mit Freunden und Bekannten zu ausufernden Jam-Sessions.

Wer da so vorbeikomme!? „Wer kommt, der kommt. Das ist eine offene Bühne. Jeder ist herzlich willkommen.“ Der Berliner im Rentenalter mit Schlapphut, Vollbart und Helge Schneider-Duktus kennt hier im Kiez jeden Stein, von oben wie von unten, und hat ein paar Straßen weiter an der Heinrich-v.-Kleist-Oberschule in den Sechziger Jahren sein Abitur gemacht. „Heute leben in meinem ehemaligen Klassenzimmer mehrere Familien.“ erzählt Torsten in einer Mischung aus Erstaunen und Sympathie, während sich Reza noch etwas zögerlich an die Percussions setzt. Ein paar Minuten später ist der kurze Besuch zur Jamsession mit Tee und guter Laune geworden. Hier in Moabit klingt „Sound of Lageso“ gleichzeitig nach alteingesessenen Kiezurgesteinen und neugierigen Neubürgern. Auch Shiva ist längst zu einem der Kiezurgesteine geworden und will mithelfen, dass viele von den neuangekommenen Menschen eine ähnlich große Identifikation mit der neuen Heimat aufbauen können.

Die Arbeit mit Frauen und Mädchen liegt Shiva besonders am Herzen. Am heutigen „Tag der Frauen“ sollen bei einem musikalischen Fest in der Notunterkunft „Heinrich v. Kleist-Oberschule“, die Reza und Shiva organisieren, alle Frauen und Mädchen gewürdigt werden, die sich engagieren. Egal ob geflüchtet oder aus Berlin. Hier in der ehemaligen Heinrich von Kleist-Oberschule leben hunderte Flüchtlinge in einer Notunterkunft. Die Flure sind lang, die Eingänge von Security-Personal geschützt. Dutzende Geflüchtete drängen sich in einem Klassenzimmer. Freiwillige und die Johanniter kümmern sich um die Infrastruktur während an der Lageso täglich neue Geflüchtete ankommen. Shiva steht in der alten Aula und schmückt die Bühne mit Blumen. Gleich werden sie an alle Frauen und Mädchen verteilt, die sich in der Notunterkunft engagieren. Natürlich geht auch hier nichts ohne Musik.

Willkommenskultur – hier funktioniert sie

Reza steht am Bühnenrand und stimmt seine Gitarre, während sich die alte Aula langsam mit Bewohnern füllt. Kinder wuseln zwischen Sozialarbeitern umher, Ehrenamtler begrüßen die Bewohner, es ist ein großes Hallo. Irgendwann wird jeder neuankommende Gast von den Kindern mit Jubelgeschrei und einer riesigen Menschentraube empfangen. Die so dringend angemahnte Willkommenskultur- hier funktioniert sie, wenn auch etwas anders als gedacht.

Eine halbe Stunde später steht ein Berliner Original auf der Bühne und dirigiert eine Percussions-Gruppe, die aus Mädchen und jungen Frauen besteht, die in den letzten Monaten aus Syrien, dem Iran oder dem Irak nach Deutschland gekommen sind. Die ehemalige Bezirkspolitikerin Jutta Schauer-Oldenburg von den Grünen kennt hier jeder. Die Trägerin des Bundesverdienstkreuzes ist hier irgendwas zwischen guter Seele, Drahtverlöterin in Sachen Zivilgesellschaft und Maskottchen und macht in ihrem politischen „Unruhestand“ die Sache der Geflüchteten zu ihrer Sache. “Bruder Jakob” auf arabisch übersetzen!? Wieso denn nicht!? Einen wuseligen Haufen Kinder unter Kontrolle halten? Kein Problem für Jutta Schauer-Oldenburg. Zumindest meistens.
Alteingesessene Kiezoriginale wie Schauer-Oldenburg und Neubürger wie Reza setzen mit ihrem gemeinsamen Engagement in Moabit einen Gegenpunkt zu den Katastrophenmeldungen am Lageso. Während sich staatliche Stellen im letzten halben Jahr zum Teil bis auf die Knochen blamiert haben, sorgen Ehrenamtliche und Sozialarbeiter dafür, dass es für alle Beteiligten weitergeht. Musik- und Kulturprojekte sind dafür hervorragend geeignet. Und manchmal braucht es nicht viel mehr, als ein schepperndes Autoradio, um Identifikation und Integration zu stiften.


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Kolumne auf N24.de


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