Dresden im Pegida-Getöse – eine Ehrenrettung

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Foto basiert auf "Dresden Neustadt" von universalist (CC BY 2.0)
Foto basiert auf "Dresden Neustadt" von universalist (CC BY 2.0)

Es wird wohl noch lange dauern, bis sich das Image der sächsischen Großstadt von den turbulenten vergangenen Monaten erholt. Zu viel Gift. Zu viele Schreihälse. Zu wenig Dialog. Und doch wäre es falsch, Dresden abzuschreiben. Denn viele Großstadt-Sachsen wollen sich nicht abfinden mit dem Status quo und verändern mit viel Kreativität, eigenen Ideen und Kampfgeist das Stadtbild. Vor allem in der Neustadt blüht die Subkultur und mit ihr ein anderes Dresden, das manchmal untergeht im Pegida-Getöse.

Wenn man zurzeit mit Neustädtern spricht oder zu Besuch ist, dann kommt man an DEM Dresden-Thema kaum vorbei. Ungefragt und fast entschuldigend hört man Sätze wie “Pegida ist eine Schande für die Stadt” oder “Wir sind nicht alle so”. Wie wenn das nicht selbstverständlich wäre. Traurig ist es trotzdem. Denn auf einem Streifzug durch die Dresdner Neustadt kann man alles entdecken, was es für eine weltoffene Atmosphäre braucht. Internationale Küche, nette Cafés, subkulturelle Clubs und vielseitige Veranstaltungsorte.

In ein paar Straßenzügen, nördlich der Elbe, tummeln sich junge und ältere Linksalternative, Studenten, Touristen und junge Familien. Am Wochenende sorgen nicht etwa nur der Alkohol, sondern auch Hunderte von Menschen auf der Straße für Schlangenlinien bei den Neustadt-Flaneuren. Durchkommen ist manchmal schwierig. Das Leben, es pulsiert hier nicht nur, es pumpt. Viertel wie die Leipziger Südvorstadt oder Friedrichshain in Berlin sind Brüder im Geiste und doch ist der Flair hier ein ganz eigener.

Das liegt zum einen am Insel-Dasein innerhalb Dresdens, aber auch daran, dass die meisten Neustädter keine Angst vor Veränderungen haben. Klar, die Mieten steigen auch hier, wogegen sich viele Initiativen wenden und den Wohnraum auch für Alteingesessene erhalten wollen. Aber ein offenes Klima gilt für alle Neuankommende, seien sie jetzt Geflüchtete aus dem Sindschar-Gebirge, Zugezogene aus Senftenberg oder Touristen aus Seattle.

“Wie kann es denn in dieser Stadt Pegida geben?”

Michael Bittner kennt die Landeshauptstadt als Dresdner Bürger sowie als externer Beobachter. Der Autor und Schriftsteller stammt aus der Region und schreibt unter anderem für das Magazin der “Sächsischen Zeitung” oder den englischen “Guardian” und verwirklicht mit Lesebühnen im Berliner Monarch seine Ideen. Berlin, das ist heute seine Heimat. Was in der alten Heimat Dresden passiert, lässt aber auch ihn nicht kalt, und er macht es immer wieder zum Thema seiner Texte.

Dass sich die Pegida-Bewegung als Opposition aufspielt, findet er seltsam, um es zurückhaltend zu formulieren: “Der Kampf gegen den Rechtsextremismus und Nazi-Gewalt wurde in Sachsen oft eher lasch geführt. An den Schulen in Sachsen spielt, wie Statistiken zeigen, politische Bildung eine so kleine Rolle wie sonst nirgends in Deutschland. Es ist lächerlich, wenn Pegida behauptet, gegen den Mainstream zu protestieren. In Sachsen floss der Mainstream immer rechts und Pegida kann gut mitschwimmen.”

Klar, auch in anderen Stadtteilen gebe es Menschen, die sich gegen die Rassisten wehren oder zumindest nicht einverstanden mit deren Parolen sind, aber die Neustadt findet auch Bittner einzigartig: “Viele Auswärtige, die in Dresden nur die Neustadt besuchen, fragen immer erstaunt: Wie kann es denn in dieser Stadt Pegida geben? Aber der große Rest der Stadt ist eben anders.”

Wenn Bittner von seinen Neustädter Lieblingsorten wie dem Kulturzentrum “Scheune”, dem Kino “Schauburg” oder auch dem “Blue Note”-Jazzklub erzählt, gerät er ins Schwärmen. Ein paar besondere Tipps für die Neustadt hat Bittner auch parat: “Der schönste Buchladen des Viertels ist das ‘Büchers Best’. Im Sommer sollte man sich mit einer Flasche Bier aus der ‘Spätschicht’ am Bischofsweg einfach auf die Wiese des Alaunparks setzen und dem tragisch-komischen Treiben ringsum zuschauen.”

Dunkeldeutschland? In der Neustadt geht diese Bezeichnung an der Realität vorbei

Auch was Feierkultur angeht, hat Dresden mittlerweile mehr als nur ein paar Fähnchen auf die Landkarte gesteckt. Clubs für Livemusik und Nachtkultur – wie das Sabotage im Osten der Neustadt, die Groove Station oder der tba Club direkt unter dem Neustädter Bahnhof – sind Vertreter einer Clubkultur, die sich weltoffen präsentiert. Klare Positionierung gegen Rassismus, Homophobie und andere Scheußlichkeiten finden sich oft bereits am Eingang. Es sind Orte, in denen sich alle sicher fühlen können. Egal, woher sie kommen, wen sie lieben oder wie sie aussehen. Das Programm ist, wie im Sabotage, entsprechend facettenreich. Konzerte, Musikerstammtisch, DJ-Gigs. Von Electro Swing, über Dubstep, bis hin zu House oder tropischen Grooves.

Der Schweiß tropft von der niedrigen Decke, an der Bar werden ungewöhnliche, wohlschmeckende, teils lokale Drinks serviert (besondere Empfehlung: der Holunderlikör mit Kakao-Aroma). Die Stimmung schwankt zwischen beschwingt und euphorisch. Einlassstopps gibt es im Sabotage manchmal auch vor 0 Uhr. Das Konzept der Offenheit, das in Wahrheit mehr Überzeugung als Agenda ist, funktioniert. Auch in Dresden, auch in Sachsen, für das in jüngster Zeit so häufig der traurige Begriff “Dunkeldeutschland” benutzt wurde. Zumindest in der Neustadt geht diese Bezeichnung meilenweit an der Realität vorbei.

Björn betreibt in Dresden eine Booking-Agentur für Musik, ist Veranstalter und hat sich bei Pegida-Gegendemos besonders um die musikalische Unterstützung gekümmert. Der Dresdener sieht auch außerhalb der Neustadt tolle Projekte, die für ein offenes Dresden stehen: ”Alternative, kulturelle Projekte gibt es zum Glück in der ganzen Stadt. Löbau ist beispielsweise im Kommen und die Stadt fördert in den vergangenen Jahren sehr viele kulturelle Projekte.”

Bunt, weltoffen und kreativ

Björn glaubt nicht, dass Dresden auf Dauer unter Pegida leiden wird und hat konkrete Ideen, was zu tun ist, um die Gegenbewegungen zu unterstützen: ”Wichtig wäre, eine noch bessere Vernetzung unter den Clubs sowie in der Musikszene; zudem eine aktive Kulturarbeit der Stadt und gute Projekte. Dann wird Pegida bald vergessen sein. Und ich glaube, davor haben sie am meisten Angst.”

Es gab mal einen Bundeskanzler, der hätte bei solchen Visionen einen Arztbesuch empfohlen. Die aktuelle politische Lage in der Landespolitik und die andauernden Montags-Aufmärsche sprechen nicht gerade für eine Verbesserung. Aber, warum sollten diese kühnen Prognosen nicht auch Realität werden? Warum sollte sich der positive Geist, der in der Neustadt und anderswo in Dresden herrscht, sich nicht auch durchsetzen? Es wäre den Dresdnern und Sachsen zu wünschen, denn in der öffentlichen Bewertung geht viel zu häufig unter, wie diese Stadt eben auch sein kann: bunt, weltoffen und kreativ.


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer N24-Kolumne



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