An die Musikverantwortlichen im deutschen TV: Traut euch endlich was!

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Fallon & Timberlake, Screenshot YT
Fallon & Timberlake, Screenshot YT
Fallon & Timberlake, Screenshot YT

Wissen Sie noch, wie Michael Jackson 1995 mit wehendem, halbtransparentem und gegen Ende sehr offenem Hemd auf einer Hebebühne über das “Wetten dass…” Publikum schwebte und todesmutig am Geländer des Krans hangelnd den “Earth Song” zum Besten gab?

Der Song ist sicher nicht eines der ganz großen Meisterwerke des King of Pop – die Performance zur Primetime, quasi vor ganz Fernsehdeutschland, schlug aber ordentlich Wellen. Als allererste MJ Single jemals eroberte der “Earth Song” direkt die Spitze der Charts und verblieb dort fünf ganze Wochen.
Vielleicht war die Performance der letzte richtig große Musikauftritt im deutschen Unterhaltungsfernsehen. Seitdem? Flaute.

Denk’ ich an Musik im deutschen Unterhaltungsfernsehen in der Nacht, bin ich um den Schlaf gebracht

Risiken à la King of Pop auf der Hebebühne oder à la Steptanz in Badelatschen und Bademantel (siehe unten, Video “Helge Schneider bei Schmidteinander”) werden so weit wie möglich gemieden – sowohl im öffentlich-rechtlichen Fernsehen als auch im Privatfernsehen. Selbst im ach-so-verrückten Circus HalliGalli werden KünstlerInnen regelmäßig um die dreißig Sekunden vor und nach der Werbung als Plattform geboten. Man stelle sich Queens “Bohemian Rhapsody” in das Format gezwängt vor. Lächerlich.

Im Studio, im Fernsehen, im Internet

In den U.S.A. bekommen MusikerInnen im Rahmen von Late-Night-Formaten und der großen Comedy-Institution “Saturday Night Live” regelmäßig die Zeit, den Raum und die Freiheiten, die es ihnen erlauben, ihre Kunst ordentlich zur Schau zu stellen.

https://youtu.be/TMps1ue_024

Der kürzlich verstorbene Prince gab in einer Ausgabe der Arsenio Hall Show gleich zwei Songs zum Besten. Bei der Performance des Songs “Mutiny” mit seiner damaligen Band The New Power Generation waren gefühlt mehr MusikerInnen auf der Bühne, als ZuschauerInnen im Publikum. Kendrick Lamar löst mit seinen Auftritten in Late-Night-Shows in regelmäßigen Abständen Begeisterungsstürme aus – vor Ort im Studio, im Fernsehen und noch viel wichtiger: danach im Internet.

So hält sich das Rap-Genie auch abseits altbekannter Release-Zyklen im Gespräch. Zum Beispiel mit einem Track, für den es zum Zeitpunkt des Auftritts noch nicht einmal einen Namen gab. Kann man ja mal machen, in der letzten, mit Spannung erwarteten Show des Letterman-Nachfolgers Colbert in dem TV-Format, das ihn groß gemacht hat.

In den USA sind sich Weltstars wie Stevie Wonder, Adele und Mariah Carey nicht zu schade dafür, sich in James Cordens “Late Late Show” (die auch wirklich SEHR spät nachts läuft) beim Fahrgemeinschaftskaraoke zum Horst zu machen:

Warum kommen in Deutschland so viele Live-Performances so lieblos frühstücksfernsehenartig daher? Wer scheut das Risiko eines umstrittenen Auftritts? Die Sender? Die ModeratorInnen? Die KünstlerInnen?

“History Of Rap” von Jimmy Fallon und Justin Timberlake, ich saß davor, Wahnsinn, Wahnsinn, Bewunderung, hab’ nur gedacht, alles okay, aber warum gibt’s eigentlich keine “History Of German Rap”?. Jan Böhmermann dachte das wohl auch und adaptierte die Idee.

Krasse Flaute in Sachen innovative Live-Performances im deutschen Fernsehen

Warum herrscht hierzulande eigentlich insgesamt so eine krasse Flaute in Sachen innovative Live-Performances im Fernsehen? Helene Fischer, sonstige Schlager-Schlonze und einfallslose Pop-Performances in Voll- oder Halbplayback so weit das Auge reicht. Gut, auch amerikanische Frühstückssendungen strotzen jetzt nicht gerade vor hochkarätigen Auftritten von Popstars – aber (spät-)abends steppt der Bär dann doch deutlich mehr als im bundesdeutschen Fernsehkontext.

Oder liegt das Problem woanders? Rapper SSIO war kürzlich in einer Late-Night-Sendung zu Gast. Hat nur niemand mitbekommen. Die Sendung lief um 00:20 Uhr. Auf Tele 5. Im Internet existiert allerdings nur ein Interview-Ausschnitt aus der Sendung. Ist SSIO aufgetreten? Hat er eine Wahnsinns-Live-Performance abgeliefert? Wer weiß…

Fakt ist: Auch in den USA ist eigentlich nicht genug Quote für die ganzen Late-Night-Formate da: Conan, Kimmel, Fallon, Colbert, Meyers, Corden. Trotzdem schlagen die Live-Performances und Koproduktionen mit den Hosts oder Bands der Sendungen regelmäßig große Wellen.

In Fernsehdeutschland wird den Bühnen der Stars, also den hiesigen Late-Night-Sendungen, systematisch das Leben schwer gemacht. “Boomarama Late Night” läuft trotz mehrversprechender Quoten (um die 2 Prozent der Fernsehenden, 4 Prozent in der werberelevanten Zielgruppe) viel zu spät nachts und das nur einmal wöchentlich.

Auch dem momentan pausierenden Vorzeige-Format “Neo Magazin Royale” werden nur knapp über 40 Minuten eingeräumt, und auch das nur einmal pro Woche. Nur dank der vorbildlich liberalen Internet-Videoschnipsel-Politik der Sendung werden die komödiantischen und musikalischen Glanzmomente von einer größeren Öffentlichkeit wahrgenommen:

Für musikalische Innovationen im Fernsehen hierzulande braucht es einige Zutaten, von denen wir insgesamt einfach noch viel zu wenige haben:

– ModeratorInnen, die sich was trauen

– Wirklich talentierte Stars aus der Musikbranche, die auf der Bühne brillieren und nicht nur von ihren Singles und ihrem Image leben

– Plattenfirmen, die ihren KünstlerInnen was zutrauen

– Und Fernsehsender, die bereit sind, in Musik zu investieren

Jimmy Fallon wird allabendlich von The Roots begleitet. Da können Stars auch mal ohne Band anreisen und trotzdem live was reißen. Hierzulande macht das ZDF mit Dendemann und “Die freie Radikale” alles richtig:

Damit aber nicht genug. Late-Night-Formate müssen sich dem Internet noch mehr öffnen. Sonst verschwinden die Formate hierzulande früher oder später komplett von der Bildfläche. Und mit ihnen die leider bisher nur in überschaubarer Anzahl umgesetzten Live-Performance-Experimente.


Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Kolumne auf N24.de


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