Offene Ohren für Sorgen und Ängste? Ja! Aber bitte für tatsächlich gerechtfertigte!

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Die Bloggerin und Netzaktivistin Kübra Gümüsay hat auf der Republica letzte Woche eine beeindruckende Rede gehalten, die jeder sehen sollte, bevor er das nächste Mal auf Demos, im Internet oder im privaten Umfeld Menschen aufgrund ihrer Äußerlichkeiten oder ihrer Religion attackiert. Der tränenreiche Beitrag wurde mit Standing Ovations honoriert. Was von der Rede hängenbleibt, haben wir für euch nochmal zusammengefasst.

Keine falsch verstandene Toleranz!

Die “Sorgen und Ängste” vieler Menschen, die sich am gesellschaftlichen Rechtsruck beteiligen, sind oft in Wahrheit Ressentiments und Vorurteile. Kübra Gümüsay erzählte in ihrer Rede davon, dass sie täglich eine Viertelstunde damit verbringt Twitter-Profile zu blockieren, von denen ihr Hassbotschaften geschickt werden. Wenn Menschen massenhaft das Mensch-Sein aberkannt wird, weil sie sich gegen Rassismus stellen oder weil sie die “falsche” Herkunft haben, gibt es wenig zu diskutieren. Wer ernst genommen werden will, muss daher erst einmal akzeptieren, dass die Existenzberechtigung von Muslimen, Flüchtlingen oder Menschen mit dunkler Hautfarbe unverhandelbar ist. Genau das wird permanent in Frage gestellt.

Schaut auf den Einzelnen, nicht die Gruppe!

Verallgemeinerungen, Verkürzung und fehlender persönlicher Diskurs sind Gift für die Debatte. Nicht nur von Gruppen zu reden, sondern den einzelnen Menschen zu sehen, würde helfen. Gümüsay beschreibt das in ihrer Rede so: Statt KünstlerInnen, LehrerInnen oder ÄrztInnen zu sein, sind viele aufgrund ihrer Herkunft/Hautfarbe/Religion zu PressesprecherInnen geworden. Das ist ein riesiges Dilemma, denn in diesem Zusammenhang spricht Gümüsay davon, dass Muslime niemals ICH sein könnten, sondern immer nur WIR. Gerade Menschen mit Migrationshintergrund, die in der Öffentlichkeit stehen, kennen die Problematik wahrscheinlich nur zu gut. Es ist fast lächerlich, das betonen zu müssen: Nur weil man einen prominenten Moslem in der Talkshow sitzen hat, bedeutet das noch lange nicht, dass das Spektrum der Meinungen im Islam abgebildet ist. Ein typisches Dilemma der Stellvertreter-Debatte in einer Demokratie. Aber auch ein praktisches Problem in Redaktionen, die zwischen der Wahrheit, die oft in Zwischentönen liegt und Aufregern, die Quote bringen, entscheiden müssen. Dabei wäre es wahrscheinlich für alle Beteiligten wichtig und gut, die Debatte zu entschärfen.

Check your privilege!

Braucht es da noch eine Erklärung? Als weißer Bio-Deutscher (schreckliches Wort, ich weiß) ist es ein Leichtes, die AfD zu ignorieren. Schwieriger wird es, wenn jemand aufgrund von unveränderlichen Äußerlichkeiten laufend attackiert wird. Der deutsche Sozialwissenschaftler Ozan Kesinkilic, den Kübra Gümüsay in ihrer Rede zitiert, hat das so zusammengefasst: “Eine AfD zu ertragen ist ein Privileg, das Schwarze und People of Colour nicht haben”

 

Wir müssen Liebe organisieren, denn der Hass ist bereits organisiert

“Der Hass hat uns unsere Leichtigkeit, die Unbeschwertheit und die Freiheit genommen.” Sich täglich mit dem Schmutz aus Kommentaren bei Twitter, Facebook oder per Mail ausenander setzen zu müssen, muss unglaublich anstrengend und heftig sein. Genau wie der Hass immer organisierter daherkommt, muss auch die Gegenwehr organisiert werden. Wie, also, die Liebe organisieren!? Gümüsay sagt: Wir müssen lauter sein, als die die hassen. Wir müssen uns klarer und rechtzeitiger positionieren. Und: Organisierte Liebe ist ein politisches Werkzeug. Die Schlüssel dazu sind Aufklärung, Information und Empathie. Den eigenen Standpunkt klarmachen, aber bei aller kritischen Diskussionskultur, auch zu sagen, was man gut findet. Ich fang gleich mal an: Liebe Kübra Gümüsay, ich finde dich und diese Rede wirklich stark! Danke für Dein Engagement!

Oder, um es wie der Kollege Bröckerhoff zu sagen:

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1 KOMMENTAR

  1. „Der Hass hat uns unsere Leichtigkeit, die Unbeschwertheit und die Freiheit genommen.“ – Da steht die Szene wohl ein wenig auf dem Schlauch, denn Leichtigkeit, Unbeschwertheit und in letzter Konsequenz die Freiheit nimmt nicht der Hass, sondern ein auslaufendes Systemmodell, das den Einzelnen gelehrt hat, dass er auf nichts verzichten muss und alles geht. Der Hass ist primär ein Symptom, eine Konsequenz aus einem größeren Problem – sich aber diesem Problem zu stellen, einem Problem, bei dem auch der yoga-zappelnde Berliner Hipster Bestandteil ist, DAS wäre eine echte Erkenntnis. Aber dafür braucht das re:publica-Publikum und seine Betroffenheits-Referenten*innen wohl noch.

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