In der Mitte der Spur radeln? Wir haben die Polizei befragt

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Bild: "Cyclist Cologne", Wikipedia, CC BY-SA 3.0
Bild: "Cyclist Cologne", Wikipedia, CC BY-SA 3.0

Der Artikel „4 gute Gründe, mit dem Fahrrad in der Mitte des Fahrstreifens zu fahren“ traf anscheinend einen Nerv bei unseren Lesern. Er rief eine so überwältigende Resonanz hervor, dass wir uns dachten, wir befragen einfach mal die Polizei zu dem Thema. Dort sollte sich Kompetenz und Erfahrung mit der Thematik in einer Hand finden lassen. Unsere Fragen beantwortete Ronald Reinke von der Polizei Berlin.

Was halten sie von dem Rat, mittig auf dem Fahrstreifen zu fahren?

Grundsätzlich antworte ich mit dem §2 Abs 2 StVO, „Es ist möglichst weit rechts zu fahren“.
Die Rechtsprechung ist uneinheitlich, was „möglichst weit rechts“ ist, so zwischen 80cm und einem Meter. Gerichte befassen sich ganz konkret mit dem Einzelfall. Mit der örtlichen Begebenheit, mit den Lichtverhältnissen, wie war die Fahrbahnoberfläche usw. Es kann also durchaus sagen, „In dem Fall waren 1,50m Abstand zum Fahrbahnrand angemessen.“ Gerichte können sehr unterschiedlich entscheiden.

Ich sehe im Stadtverkehr die Gefahr, dass Autofahrer noch rücksichtsloser überholen. Aus meiner Sicht erzeugt das eher mehr Konflikte als Sicherheit. Ich sehe das Grundproblem, das wir derzeit im Strassenverkehr haben, dass man gegeneinander ist. Die Radfahrer sind oft der Meinung, sie sind die ökologisch Wertvollen, die Guten, die Autofahrer sind die rückwärtsgewandten Umweltverpester. Und aus der moralischen Position heraus spricht man dem Anderen das Recht ab, sich überhaupt in der Stadt bewegen zu dürfen.
Die Autofahrer argumentieren genau andersrum.
Wir müssen da erstmal den Konflikt herauskriegen und wir müssen zum Miteinander im Strassenverkehr zurückkehren. Also dass wir sagen, „Wir wollen alle sicher ankommen, wir lieben alle unser Leben.
Ich glaube, dieses bewusste in der Mitte fahren forciert eher das Gegeneinander. Von daher hätte ich da meine Zweifel ob das der richtige Weg ist

Nun argumentieren die Befürworter so, dass wenn man sich als Radfahrer regelkonform verhält, alle vorgeschriebenen Sicherheitsabstände einhält, nicht unbedingt mittig auf der Straße landet, aber doch so weit links, dass man weder von einem Auto- noch einem Motorradfahrer überholt werden kann, ohne dass dieser auf die andere Spur muss. Wie sehen sie das?

Wenn es so ist, dann ist es so, dann ist es okay. Ich sagte ja, die Urteile der Gerichte sind immer Einzelfallentscheidungen. Wenn der Radfahrer die Rechtsprechung zu seinen Gunsten auslegt, dann kann es im Einzelfall okay sein. Es gibt bei der Frage „Was ist möglichst weit rechts“ immer einen großen Auslegungsspielraum.
Aber generell zu sagen „Ich nehme die Mitte“, halte ich grade in der Stadt für kontraproduktiv.

Ich habe mal die Unfallzahlen im letzten Jahr angesehen. Wir hatten 7724 Verkehrsunfälle mit Radfahrerbeteiligung, ungenügender Sicherheitsabstand war 173 mal die Unfallursache Von daher ist das auch gar nicht das Problem. Fehler beim Abbiegen hatten wir dagegen rund 1500 Mal als Ursache.

Und auch als Haupttodesursache bei Radfahrern, soweit ich weiß.

Ja genau. Unser Hauptproblem sind die Abbiegesituationen.

Deswegen fahre ich schon seit langer Zeit an Kreuzungen und Ampeln mittig auf der Spur, damit keine Autofahrer sich links von mir einordnen und mich beim Anfahren schneiden können, denn da ist mein Leben in Gefahr.

Kann man machen, ja.
Grundsätzlich ist es für die Radfahrer ganz wichtig, dass sie mit dem Fehlverhalten der Autofahrer rechnen und notfalls auch mal auf ein Vorrecht verzichten. Soll nicht heißen, dass die anderen sich benehmen dürfen, wie sie wollen und die Radfahrer immer zurückstecken müssen, das ist einfach der eigenen Sicherheit geschuldet. Wir alle wissen, es nützt nichts, wenn auf dem Grabstein steht „Er hatte Vorfahrt“.
Gerade LKWs haben oft so bescheidene Sicht, da muss man auch ein Stück weit Verständnis haben, ihnen nicht in die Fahrlinie fahren und notfalls eben zurückstecken.

Bin ich vollkommen bei ihnen. Wer viel im Stadtverkehr unterwegs ist und noch lebt, der pocht nicht ständig auf sein Recht. Meine These ist ja, neben anderen Fahrzeugen insbesondere LKWs an der Ampel zu stehen, ist eine Situation, die man komplett vermeiden sollte. Und wenn man tatsächlich dieses Mittig-Fahren konsequent macht, dann fährt man auch an der roten Ampel nicht mehr rechts an der Schlange vorbei um sich vorne anzustellen. Dann ist man einfach ein Verkehrsteilnehmer, der eine ganze Spur braucht und an dem niemand links vorbei kommt, zumindest nicht im Kreuzungsbereich.

Das könnte dann in diesen Fällen schonmal das Konfliktpotential mindern. Wenn ich sage, die Fahrlinien treffen sich nicht mehr, dann nimmt das Druck heraus.

Als ich in einem Artikel dafür plädierte, dass Fahrradfahrer konsequenterweise nicht mehr rechts an der Ampelschlange vorbeifahren sollten, auch wenn es im Prinzip erlaubt wäre, bin ich dafür von Radlern angefeindet worden.
Wie sehen sie das?

Es ist erlaubt nach StVO §5 Abs 8: „Ist ausreichender Raum vorhanden, dürfen Rad Fahrende und Mofa Fahrende die Fahrzeuge, die auf dem rechten Fahrstreifen warten, mit mäßiger Geschwindigkeit und besonderer Vorsicht rechts überholen.“
Wahrscheinlich haben wir den „ausreichenden Raum“ in der Stadt aber eher selten.

Als abschließendes Statement: Was würden sie den Fahrradfahrern raten, wie verhält man sich am besten im Stadtverkehr?

Partnerschaftlich, vorsichtig. Abstand von den LKWs halten. Verständnis dafür zeigen, dass LKW-Fahrer eine schlechte Sichtsituation von da oben haben. Notfalls zurückstecken. Darauf achten, dass man gesehen wird. Nimmt man mich wahr? Darauf zu vertrauen, dass die Anderen anhalten, ist nicht sinnvoll. Das sagt auch die StvO. Es gibt den „Grundsatz der doppelten Sicherung“, der besagt, dass ich ich nicht darauf vertrauen darf, dass der Andere sich verkehrsgerecht verhält.

Wir bedanken uns für das Gespräch Herr Reinke.

Mehr zum Thema:

4 gute Gründe mit dem Fahrrad in der Mitte des Fahrstreifens zu fahren

Foto basiert auf "Man on Bike Night" von Sascha Kohlmann (CC BY-SA 2.0)
Foto basiert auf „Man on Bike Night“ von Sascha Kohlmann (CC BY-SA 2.0)



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7 KOMMENTARE

  1. […] Die Kollegen der Blogrebellen haben das Thema artähnlich besprochen, hier ging es aber eher um Radfahrer, die unbedingt in der Mitte der Fahrbahn fahren müssen. DIe haben dazu einfach mal bei der Berliner Polizei nachgefragt und ein kleines, interessantes Interview zu Papier gebracht, bei dem der eine oder andere Satz nicht nur auf die Fahrradthematik passt. Kann man sich ruhig mal durchlesen. […]

  2. Das ist eindeutig der bessere Artikel der beiden. Anstatt reißerisch zu sagen, ich habe die Weisheit mit Löffeln gefressen und behaupte, dass mittig fahren immer das Beste ist, werden mehrere Seiten beleuchtet. Das Interview ist Teil des Journalismus, wie ich ihn mir mehr von den Blogrebellen wünsche.

  3. Beide Artikel gehen am eigentlichen Thema vorbei, welches lautet „wir brauchen mehr Radwege“.
    Abgesehen davon, halte ich den Ratschlag in der Mitte zu fahren für grob unsinnig und egoistisch, er rettet nicht Leben sondern gefährdet sie.
    Dazu wird es von dem meisten Autolenkern als Provokation betrachtet.

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