Facebook-Events – Party, Hype und echtes Leben

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Wir müssen mal über Facebook reden. Über Gepflogenheiten, die ebenda sichtbar werden. Und über Leute, deren interaktiver Beitrag im Verkünden von eventuellem Interesse liegt. Eventuelles Interesse an eventuellen Events.

Um allzugroßem Pessimismus entgegenzuwirken, sei mit einer guten Nachricht begonnen. Der Massensuizid von Lemmingen ist ein Mythos. Damit nehmen auch diejenigen eine Message mit, die Facebook für das Tor zum Höllenschlund halten. Sofern sie nicht – ganz mit der Verhaltensweise nordischer Nager vertraut – bereits von dieser Tatsache wussten. Solch Kenntnis birgt die Verlockung der öffentlichen Verkündung. Und schon steckt man im Schlamassel, denn der Drang zum Schulmeistern erhöht die Wirksamkeit clever angelegter Marketingaktionen.

Netflix and Chill

Nehmen wir *Netflix and Chill*. Bei unbedarfter Betrachtung handelt es sich um die Einladung zu einem unverfänglichen Facebook-Event. Simple, gemeinsame netzcineastische Unterhaltung. Die Zweitdefinition – früher hätte man “Kommst Du noch mit hoch auf einen Kaffee?” gefragt – wurde von großen Meistern zeitgenössischer Dichtkunst in explizite Worte gefasst. Nachzuhören bei Fler und Moneyboy. Deutschsprachiger (T)Rap mit Paarreim von picken auf ficken. Und genau hier kommen Facebook, Marketing und die Natur mancher Menschen zusammen.
Facebook, die olle weltbeherrschende Datenkrake, war ja mal zur Kommunikation gedacht. Na gut, ganz ursprünglich ging es um die Bewertung der Attraktivität von Frauen. Eventuell war Facemash – so hieß das – Ausdruck der Zuckerbergschen Studienfachkombination aus Informatik und Psychologie. Geworden ist Facebook zu DEM sozialen Netzwerk schlechthin. Ein zweites, virtuelles Leben für ungefähr jeden vierten Erdenbürger. Bevorzugt genutzt von jenen, welche die Kamera ihres Laptops nicht unter einem Aufkleber erblinden lassen und die nie dran geglaubt haben, dass der Mossad bei ICQ mitliest. Ganz harmlos eigentlich.

Facebook ist gewachsen und das System wurde optimiert. Gewinnoptimiert. 44% Umsatzsteigerung von 2014 auf 2015. Gewinn 3,69 Milliarden US-Dollar. Der Algorithmus bestimmt, wer wann was sieht. Und wer gesehen werden will, soll zahlen. Dabei ergibt sich ein Grundwiderspruch. Der Lebenssaft von Facebook sind persönliche Postings der User. Diese nehmen ab. Dafür nehmen gesponsorte Beiträge zu. Deren Beliebtheit dürfte auf Höhe schnöder TV-Werbeunterbrechungen liegen. Das will keiner sehen. Darauf will erst recht keiner reagieren. Kostet trotzdem viel Geld. Neue Ideen müssen her.

Der Ruf aufs Rooftop

Facebook-Events wie *Rooftop Parties* oder *Netflix & Chill* (die Sternchen im Titel sind essentieller Bestandteil) scheinen einen Nerv zu treffen. Auffällig wurde das schon im letzten Jahr mit irgendwelchen Seifenblasen-Open Airs. Versprochen wird vermeintliche Exklusivität. In jeder mittelgroßen Stadt derselbe Promotext, geschmückt mit den wunderschönsten Superlativen. Konkreter Inhalt? Keiner. Dafür allerorten tausende Interessierte. Das Gold cleverer Marketingtypen. Vorschlag zur Benennung der Währung: Lemming. “Kostenlose Millionenreichweite durch Facebook-Events” schreibt Onlinemarketingrockstars und rechnet vor, was zu verdienen ist. Dabei bezieht man sich auf die Einnahmen aus Affiliate-Links (vulgo: Vermittlungsprovision) oder aus dem Verkauf generierter E-Mail Adressen. Es geht also nicht um Gewinne aus einer reell stattfindenden Veranstaltung. Denn – oh Wunder – die meisten der angeteaserten Rooftop Parties und Chillevents werden Versprechen bleiben.

Welcher Impuls wird nun aber eigentlich bei Menschen ausgelöst, die sich für solche Events interessieren? Gibt es da keinen kopfinternen Realitätsabgleich? Nehmen wir meine Heimatstadt Dresden. “Netflix & Chill”? Also unter freiem Himmel und auf großer Leinwand einen Film sehen? Das gibt es hier seit fünfundzwanzig Jahren. Nennt sich Filmnächte am Elbufer. Angeblich Deutschlands größtes Freilichtkino. Folglich wäre ein Interesse an einer Teilnahme der Zweitbedeutung geschuldet. Aber, spekuliert wirklich jemand auf eine zünftige Orgie? Hmm, immerhin hat schon manches kleinere Event ungeahnte Eigendynamik entwickelt.

Nicht besser sieht es bei der örtlichen *Rooftop Party* aus. Welches Dach käme in Frage? Was wäre dann da besonders? Haben wir hier überhaupt genügend hohe Häuser für den Blick über die Stadt? Oder sammeln sich die Erwählten zu ihrem Feste in der Hanglage umliegender Weinberge? Egal wo, im Grunde lässt sich diese Sehnsucht auf das Wetter in Deutschland runterbrechen. Plus die Empfindlichkeit von Anwohnern. Kurz gesagt: Es gibt in diesem Land einfach zu wenig Gelegenheit mal unter freiem Himmel die Sau rauszulassen. Nachts, draußen. Es ist zu kalt, zu regnerisch, zu ordnungsliebend. Da ist der Klick auf “teilnehmen” vielleicht mit “schön wäre es” zu übersetzen. Aber warum ist man interessiert, ohne an Inhalt interessiert zu sein? Eine Party mit den fiktiv-besten Trap- und House-Deejays der Stadt? Hell yeah. Damit hätte zumindest ich ein Vorurteil in Sachen Publikum. Teilnahme ausgeschlossen.

Das Klicken der Anderen

Die Idee mit den Facebook-Events, die zur *Rooftop-Party* einladen, kommt ursprünglich wohl aus Amsterdam. Inzwischen gibt es – wie auch bei Netflix & Chill – auf jedem Dorf einen Trittbrettfahrer. Während es mancher im Kampf um die Kuchenkrümel ernst meint, überspitzen andere ins Groteske. Da wird zur Kellerparty mit kopulierenden Einhörnern geladen oder zur Dachfatsche mit Lipsi Hop, Post Progressive Frenchcore und Metalstep. Eine schöne Art mit dem ganz normalen Wahnsinn umzugehen. Bei Facebook findet sich ebenso das “Sommerfest der Frettchenfreunde”, die “Ü18 Meisterschaft im Topfschlagen” oder der Event “Unsere Zehen -Spiegel der Seele”. Ernstgemeint? Möglicherweise! Facebook ist, wie die Menschen sind. Eigentlich ganz harmlos.

Natürlich – da haben die ewigen Mahner völlig Recht – wer bei Facebook ist, ist selber schuld. So wie der, der beim freihändig-helmlosen Fahrradfahren stürzt, weil er sich auch noch eine Kippe anstecken muss. Zudem spiegelt der Algorithmus nur das eigene Surfverhalten sowie das Klickverhalten des virtuellen Freundekreises. Die These der Filterblase. Immerhin kostet das alles nichts. Naja, es kostet kein Geld.

Wir zahlen mit unseren Daten … schon klar. Manchmal zahlen wir aber auch mit unseren Nerven. Dann nämlich, wenn mir Facebook den zwölfjährigen Cloud-Rapper Brown Eyes White Boy oder – Skandal, Skandal – eine dönerkauende AFD-Tante in die Timeline spült. Am Puls der Zeit zu sein, schlägt Blessuren. Abschalten mag ich aber auch nicht. Zu unterhaltsam. Manchmal sogar nützlich. Ich habe ja auch einen Briefkasten, obwohl die wenigste Post, die ich dem entnehme, positive Gefühle antriggert.

Dieser Artikel erschien zuvor in unserer Kolumne auf N24.de



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