In 8 Tracks um die Welt

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Jules Verne schickte Phileas Fogg dereinst achtzig Tage auf eine Reise um die Erde. Konsequent übertragen müsste dieser Beitrag also achtzig musikalische Preziosen enthalten. Und sich zudem der ursprünglichen Reiseroute fügen. Machbar, allerdings mit Einschränkungen. Sicherlich sind achtzig treffliche Tracks aus London, Paris, Bombay, Shangai, San Francisco oder New York aufzutreiben. Spannender ist es aber zu schauen, wie Musik die Welt verbindet. Ein Ansinnen, welches dem idealistischen Typus nächtens ein seeliges Lächeln ins schlummernde Antlitz zaubert. One World … und so weiter. Globale Grenzenlosigkeit, acht Beispiele.

London Afrobeat Collectiv – Prime Minister (Captain Planet Remix)

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Wie im Roman startet auch diese Weltreise in der britischen Hauptstadt. Es gibt Bands, die haben seltsame Namen. Es gibt Bands, die haben schöne Namen. Und es gibt Bands, die sagen mit ihrem Namen bereits alles. London, Afrobeat, Kollektiv. Das „Prime Minister“ des zehnköpfigen Ensembles folgt unüberhörbar den Spuren des großen Fela Kuti. Textlich sowie musikalisch. Der kalifornische Produzent Captain Planet legt seinen Remix etwas elektronischer an, was im Ergebnis für noch mehr Schwung nach vorn sorgt. Drei L fürs Logbuch: London, Lagos, Los Angeles.

Serge Gainsbourg – Aux Armes Et Caetera

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Passepartout, der treue Diener des Mr. Fogg war Franzose, wie auch Jules Verne selbst. Und Paris war die erste Station der Reise um die Welt. Grund genug dort Ausschau nach einem passenden, musikalisch-weltverquickenden Kandidaten zu halten, der mit Serge Gainsbourg schnell gefunden ist. Gainsbourg nahm Ende der Siebziger in Kingston / Jamaika das Album „Aux Armes et cætera“ auf. Unterstützung gab es unter anderem von Sly & Robbie, Anseln Collins oder den I Threes. Nun war Reggae zu diesem Zeitpunkt in Kontinentaleuropa wenig bekannt, der Rhythmus ungewohnt. Dazu ist der Titelsong der Platte von der Marseillaise inspiriert, was bei patriotischen Franzosen wenig Gegenliebe fand. Wenn Offbeat den Marschrhythmus ersetzt und liebliche Frauenstimmen zu den Waffen (und so weiter) rufen, kann man schon mal die Contenance verlieren. Man kann es aber auch grandios finden.

 

Panama Cardoon & Dj Inko – Dubbydeo 

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Anders als in der Romanvorlage, wo Fogg sich Richtung Suezkanal in Brindisi einschifft, nehmen wir den Weg über Griechenland. Dort gibt es nämlich erstaunlicherweise eine agile Szene von DJs und Produzenten, welche Reggae, Cumbia oder sonstigen Retro-Latin-Sound mit Hip Hop Beats kreuzen. Beispielhaft nachzuhören auf dem Album „Hasta La Wiggle“ von Panama Cardoon. In Athen wird unter anderem angestaubter Calypso durch den Remixwolf gedreht. Dem Track „Dubbydeo“ liegt das fast sechzig Jahre alte „Dohbi Day-Oh (The Native Washerwoman)“ von Peter Ricardo zu Grunde. Exotik, wie sie in den fünfziger Jahren auch in deutsche Wohnzimmer schaute. Nur im aktuellen Soundkleidchen, passend für jeden Dancefloor. Empfehlenswert sind auch die „Rubber Duck Mixe“ von Panama Cardoon.

Mulatu Astatke – Yegelle Tezeta 

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2010 veröffentlichen ein US-Rapper und ein jamaikanischer Reggae-Kronprinz ein gemeinsames Album. „Distant Relatives“ hieß das Werk von NAS und Bob Marleys Sohn Damian. In Deutschland schaffte es diese Künstlerkombination immerhin auf Platz 38 der Charts. Der Titel „As We Enter“ fügt unserer musikalische Weltreise in Äthopien eine Positionsmarke hinzu. Markante Basis des Songs ist ein Sample von  Mulatu Astatkes „Yegelle Tezeta“.  Das fast fünzig Jahre alte Original ist ein magisches Stück Ethio-Jazz, eine Mischung aus westlichem Jazz und traditioneller, äthiopischer Melodik.  Dankenswerterweise leisten Labels wie Strut, Analog Africa oder Mr. Bongo großartige Arbeit beim (Wieder-) Entdecken der Spuren, welche der Einfluss westlicher Musik in der Populärkultur Afrikas, Lateinamerikas oder Asiens hinterließ. Im konkreten Fall wirkte zudem der Jarmusch Film „Broken Flowers“ als Multiplikator. Völlig zurecht finden sich heute Altmeister wie Mulatu Astake oder Ebo Taylor auf großen Bühnen in London, Berlin oder Paris wieder und naschen vom späten Ruhm.

Photek – Ni Ten Ichi Ruy

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Ein Klassiker des Drum`n Bass vom 1997er Photek Album „Modus Operandi“.  Komplexe Beats, nahezu mathematisch. Musik, inspiriert durch eine Kampftechnik japanischer Samurai. Bei „Zwei Himmel, ein Stil“, so die Übersetzung von „Ni Ten Ichi Ruy“, werden das Kurzschwert Wakisahi und das Langschwert Katana gleichzeitig geführt. Ab und an dringen im Track tatsächlich aufeinandertreffende Klingen durch den kühlen Sound. Dazu meint man Taiko-Trommeln zu hören.  Und die gelegentlich auftauchenden Schellen stammen aus Max Roachs „Driva‘ Man“. Reisestopp Japan: erledigt.

Bandish Projekt – Brown Skin Beauty

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Seit dem Erstkontakt mit diesem Track wandert mein musikalischer Klischeeabgleich in Richtung Psychedelic Rock. Dahin, wo Bands nicht grundlos Namen wie Brainticket tragen. Bandish Project kommen aus Mumbai und sie liefern mit „Brown Skin Beauty“ eine indische Interpretation von Dubstep. Dabei halten sie eine angenehme Balance. Keine Überdosis Bollywood, kein nerviges Bassgemetzel. Stattdessen gibt es zusätzlich eine kleine Portion Songwriting sowie ein händeleskes Interludium.

Quantic  – Cumbia Sobre El Mar (El Buho Edit)

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Während Mr. Fogg in Jules Vernes Roman allein drei Tage mit der Bahn von Bombay nach Kalkutta benötigt, sind wir bereits dort, wo der Protagonist nie war. Nämlich in Südamerika. Was bei uns der Discofox ist, ist ebenda die Cumbia. Nur einiges langsamer und um vieles cooler. Zumindest aus meiner Sicht. Mutterland der Cumbia ist Kolumbien und ebenda lebte einige Zeit Will Holland a.k.a. Quantic. Der musikalische Tausendsassa – ursprünglich aus England stammend –  realisierte hier seine latin-lastigen Projekte Combo Bárbaro und Ondatropica. Sowie das eigentlich von Dub und Reggae inspirierte Quantic presenta Flowering Inferno, bei welchem sich wiederum manche Cumbia einschlich. Die Vorlage für „Cumbia Sobre el Mar“ ist ein lateinamerikanischer Evergreen, welchen es in vielen Versionen gibt. Zum Beispiel von Leonardo Torres y el Trio Serenata. Quantic bleibt hart an der Vorlage, der mexikanische Producer El Búho drückt der hier zu hörenden Variante obendrein seinen typischen Soundstempel auf. Wer daran Gefallen findet, der könnte an dieser Stelle auf einen kleinen ornithologischen Abstecher umbuchen. Titel: A Guide To The Birdsong Of South America.

Da Lata feat. Floetic Lara – Going Underground

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Über Brasilien – ein zwingender Zwischenstopp, Olympia wegen – gelangen wir zurück an den Ausgangspunkt der Reise. Und das in einem Song. Da Lata nehmen sich „Going Underground„, den ersten UK#1 Hit von The Jam vor.  Statt Paul Weller singt Floetic Lara und anstelle zügigen Powerpops regiert ein relaxter Samba-Vibe. Dabei bleibt der Titel an sich erkennbar, er klingt trotzdem ganz anders. Süßer Gesang, kritische Textzeilen, die leider immer noch weitestgehend ins Schwarze treffen. Gute Arbeit, Mr. Weller, einen mit Herzblut geschriebenen Hit kann man eben in jeder Version hören. Ebenso ein Kompliment an Da Lata. Nach vielen Jahren sind sie noch für eine Überraschung gut und dazu aus London, wo unser kleiner musikalischer Trip zuende geht.  Bei Jules Verne fand Phileas Fogg die große Liebe. Lieder über selbige wären ein dankbares Thema für weitere musikalische Empfehlungen. Naja, vielleicht beim nächsten Mal.

Dieser Artikel erschien zuvor in unserer Kolumne auf N24.de

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