Der Kalif unter den Trollen – Ein Kommentar zu der türkischen Zeitung “Yeni Akit”

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Die türkische Sprache bietet viele Möglichkeiten, originelle neue Wörter zu bilden; zum Beispiel mit der prima Silbe laş/leş, die so etwas ausdrückt wie dass etwas so wird wie dings. Also so wie -ifizierung, nur eleganter. Sagen wir Steinbachlaş. Genauer gesagt, dünyanın Steinbachlaşması.
Die Versteinbachung der Welt. Das bedeutet, dass im furchtbarsten Moment mächtige Akteure im Netz auftauchen, die deine Trauer, Angst, Wut und Konfusion mit Zwinkersmileys ausschlachten.

Du suchst nach Nachrichten und triffst auf sowas. Ein Donald Trump, der vermutlich den Tod von 50 Schwulen so schlimm findet, wie das globale Kükenschreddern, sitzt vor seinem Account und lässt ausrichten, er habe es ja schon immer gesagt und jetzt werde er doch wohl hoffentlich die Wahlen gewinnen.
Eine türkische Tageszeitung, die Anfang der 2000er Jahre als islamistisches Rechtsaußenblatt galt, das sich seltsame Käuze an zwielichtigen Kiosken kaufen und eigentlich auch nur in bestimmten Vierteln im Bus aufklappen können, kann sich heute zurecht als Teil des Medienpools der erfolgreichen und zukunftsfähigen Printpresse fühlen: Yeni Akit. Akit ist ein archaisierender Ausdruck für ein Abkommen oder einen Vertrag, und Yeni eines der Lieblingsworte der AKP-Riege: Neu. Neu ist in der Tat, dass die Zeitung aus der Mitte der Gesellschaft, genauer gesagt aus dem hegemonialen Block schreiben kann, was sie schon seit 1993 schreibt: Hassbotschaften und Gewaltaufrufe gegen LGBTI-Communities, Jüd*innen, Armenier*innen, Alevit*innen, Feminist*innen, linke und säkularistische Stimmen, und ab und an ein Kreuzworträtsel mit einem Hitlerporträt, wo dann als Lösung der Satz „Wir vermissen dich“ herauskommt.

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“Wir vermissen dich” (Bild via)

Quasi Zwinkersmiley, wo das Smile hinterm Vollbart versteckt ist und das zugedrückte Auge auch damit zu tun haben könnte, dass man so besser
zielen und feuern kann. Der Kalif unter den Trollen. Der Deso Dogg der Holzpresse. Laut einer Studie der Hrant-Dink-Stiftung zu Hate Speech in
den Medien ist die Yeni Akit Marktführer für Hetze. 2008 mußte die Tageszeitung bereits eine Geldstrafe an die queere NGO Kaos GL zahlen, weil sie Teilnehmer*innen einer Veranstaltung als Perverslinge bezeichnet hatte.

"Perverse Schwule" die Headline der Zeitung "Yeni Akit" nach dem Massaker in Orlando
“Perverse Schwule” die Headline der Zeitung “Yeni Akit” nach dem Massaker in Orlando

Muss ich dazu sagen, dass das Beiwort sapkın oder pervers in der aktuellen Schlagzeile der von Erdoğan persönlich hochgeschätzten Zeitung nicht bloß zur Einordnung der betroffenen Menschen dient? Wir sprechen von einer Zeitung, die selbst Naturkatastrophen wie Erdbeben als Strafe für Andersartigkeit erklärt. Wenn dort von einem Ort die Rede ist, an dem perverse Homosexuelle verkehren, ist das eher ein Aufruf zur
Nachahmung. Trump freut sich über den Massenmord im Pulse, weil er lebendige Tunten of color nicht leiden kann und die Toten vielleicht noch für was gut sind. Yeni Akit freut sich über den Massenmord im Pulse, wie sich Schland über das Tor von Schweini freut. Es ist besser als das von Mustafi. Es kam von jemand aus den eigenen Reihen.

Was hat das mit Versteinbachung zu tun? Dass Du, liebe Leser*in, mit dieser Situation klarkommen musst, ohne zynische Scheiße von dir zu geben. Und das ist eine Aufgabe für einen Traumsommer.


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