Wenn Rapper es eigentlich nicht so meinen

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Vor einigen Jahren hat der Rapper G-Hot noch offen zur Gewalt gegen Schwule aufrufen. Und als Bass Sultan Hengst letztes Jahr ein homoerotisches Plattencover veröffentlichte, begehrten reaktionäre Massen auf. Auch übelst frauenfeindliche Sprache ist noch weit verbreitet. Doch offene Schwulenfeindschaft ist nicht mehr der Normalfall im deutschen Rap. „Schwul“ ist zwar immer noch ein Schimpfwort, und die Schutzbehauptung „no homo“ offenbar überlebenswichtig, doch die meisten Rapper meinen, gegen Schwule hätten sie nichts. „Dass ich Schwuchteln hasse hab ich früher gerne gesagt – Heute nicht mehr, Denn sonst platzt der Werbevertrag“, machten sich K.I.Z. auf ihrem letzten Album über die Bekehrung einiger Rapper zur Fortschrittlichkeit lustig. Ist es also ein Zeichen von moralinsaurer Humorlosigkeit, wenn man sich trotzdem noch am „Schwuchtel“ im Rap-Text stört?

Rap will von der Straße kommen, und die Sprache der Straße ist rau und voll von Schimpfwörtern – und sicher nicht politisch korrekt. Ungefähr so rechtfertigen sich die meisten. Dazu gehören Größen wie Moneyboy und Bushido. Bei ersterem herrscht Unklarheit wegen seiner Selbststilisierung, aber Bushido ist recht eindeutig nicht die hellste Birne im Geschäft. Er findet sogar die AfD ganz gut. Aber auch Rapper mit intelligenten Texten wie Eminem kommen ohne das Wort „Faggot“ nicht aus. In einem Interview meinte er, dass er das Wort nur benutze, weil es ihm spontan einfalle. Er habe aber nichts gegen Schwule. Es sei einfach nur ein Ausdruck wie „Arschloch“ oder „Drecksack“. Dazu passt eine Szene, die während der Taksim-Proteste von 2013 stattgefunden hat. Da hielten Prostituierte ein Schild hoch auf dem stand, „wir versichern euch, dass Erdo?an nicht unser Sohn ist“. Das war eine Reaktion auf Gesänge, die Erdo?an als Hurensohn bezeichneten. Das bringt es auf den Punkt: Man versucht ihn mit der Aussage zu beleidigen, dass er der Sohn einer Hure sei, dabei beleidigt man damit viel eher die Huren. Manchmal wird man klüger, wenn man Wörter auf die Goldwaage legt, also wirklich darüber nachdenkt, was sie bedeuten. Dass um Begriffe gestritten wird, gab es schon immer. Für Rechtsextreme sind die Edelweißpiraten, die gegen die Nazis im Untergrund gekämpft haben, Terroristen, für andere sind sie Widerstandskämpfer. Die Pegida-Mitläufer nennen sich selbst gerne „besorgte Bürger“, andere nennen sie rassistische Idioten. Es ist nicht egal, wie wir sprechen.

Das kann man schon so machen, aber …

Eminem lebt in einer Gesellschaft, in der es mehr Hassverbrechen gegen Schwule gibt, als antisemitische oder rassistische. Auch in Deutschland ist das ein riesiges Problem. Alleine in Berlin wurden vorletztes Jahr hunderte homophobe Übergriffe gemeldet, und in vielen Ländern steht schwul sein unter Strafe. Wer „schwul“ als Schimpfwort benutzt, beleidigt Leute, die Solidarität und Anerkennung verdient haben. Wer einfach nur darauf besteht, dass es halt die eigene Art zu sprechen ist, und dass man gefälligst erst einmal herausfinden soll, wie man es eigentlich meint, ist faul. Der sagt damit einfach: Mir ist die Welt egal, mir ist egal, wie es anderen geht, und wie sie behandelt werden, ich interessiere mich nur für mich. Das kann man machen, aber dann ist man eben ein Arschloch. Manche verteidigen sich damit, dass Rapper keine Uni-Professoren seien, und man nicht so hohe Ansprüche an sie stellen solle. Aber guter Rap ist öffentliches Sprechen direkt aus dem Herzen, und nicht nur ein belangloser Singsang. Und wer öffentlich spricht, sollte darüber nachdenken, was er sagt, wenn er keine Witzfigur sein will.

Dann gibt es Leute wie PA Sports, dessen Tirade gegen den Nationalismus neulich auf Facebook massenhaft geteilt wurde. Man merkt beim Zuschauen, dass er sich ehrliche Gedanken gemacht hat, und es ist zu hoffen, dass solche Vorstellungen sich im Rap weiter verbreiten. Aber selbst PA Sports, der sich vorbildlicherweise über Nationalismus aufregt, benutzt Worte wie „behindert“, und vermutet lautstark, Nationalisten seien „in den Arsch gefickt“ worden. Hier ist das Problem wirklich „nur“ die Sprache. Man glaubt ihm, dass er nicht schwulenfeindlich sein wollte, sondern eben „seine“ Sprache benutzt. Ich halte diese Sprache aus den gerade angeführten Gründen dennoch für falsch. Aber die Frage ist, wie man damit umgehen soll. Political Correctness hat einen schlechten Ruf. Ein Grund dafür ist, dass PC auch ein Machtinstrument sein kann. Wer die Sprache des anderen korrigiert, tut das immer von Oben herab. Es sind die in der Uni trainierten Gebildeten, die diejenigen, die weiter Unten auf der Leiter stehen, berichtigen und ihnen sagen, dass ihre Art zu sprechen und zu sein falsch ist. Man macht sich selbst dadurch zu etwas Besserem. Das funktioniert ganz ähnlich wie bei denen, die „schwul“ als Schimpfwort benutzen: Man tritt nach Unten und merkt es oft noch nicht einmal. Politisch korrekt zu sein, bedeutet, sich auch solche Machtverhältnisse bewusst zu machen und zu versuchen, auf Augehöhe zu streiten. Es geht darum, zu hinterfragen, was einem ‘normal’ erscheint. Dazu gehört sowohl das Abwerten von Leuten wegen ihrer „prolligen“ Sprache, wie auch Schimpfwörter, die einem, wie Eminem sagt, „spontan“ einfallen.

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Kolumne auf N24.


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7 KOMMENTARE

  1. Selbst Schwule benutzen „schwul“ in abwertender Manier. Aber das hält euch natürlich nicht davon ab heftigst zu virtue signallen.

    „PEER GROUP! HÖRE MICH!!! ICH BIN EIN GUTER MENSCH!!! SOCIAL BROWNIE POINTS IN DIE SCHÜSSEL BITTE!11!! PLEASSEEEEE!!!!11!!“

    Sozialwissenschaftler ist das neue Kunststudent: Leistungs-, Talent-, Humor- und Wissensfrei. Ein echte Bereicherung für die Gesellschaft. Man kann sich die Nachfrage nach euch Clowns nur vorstellen.

  2. Oh nein! Tut mir leid, dass du den Artikel nicht verstanden hast! Musst nicht traurig sein, kannst doch nichts dafür!

  3. mhm schwieriges thema. manchmal kann homophobie zb auch voll lustig sein.
    hätte der typ nich’ auch einfach sagen können: ‘ey reflektiert ma’ n bisschen eure sprache ihr spasten’ anstatt hier so’n ellenlanges pamphletz abzulassen ?
    wenigstens hat farid bäng nich’ so probleme mit’n satzbau wie obiger text 🙂 ahoi ihr ***lordz

    • haha!! “ey, reflektiert mal ein bisschen” wird voll funktionieren! ich weiß ja nicht, wo du lebst, aber wie ich das sehe, haben die meisten hier einfach keine bock über sachen nachzudenken. siehe den kommentar oben…
      (ist es eigentlich anstrengend, so verkrampft straßensprech zu sprechen, du bildungsbürgerkind? 😉 )

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