Wer gönnt sich was? Turnup, Cloud Rap und Rap-Fantypen

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Im Frühjahr etablierten die Rapper Fruchtmax und Hugo Nameless eine weitere Phrase im Deutschrapkosmos: „Wie kann man sich nur so hart gönnen?“ bildet die Hook, die von Friedrichshain bis Fleischwangen skandiert wird. „WKMSNSHG“ geht gut rein. Alles state of the art: gechoppte Stimme im Intropart, massiver 808-Einsatz, Stackato-Redundanz in der Hook. Dazu im Original-Video alle derzeit gängigen Inszenierungsrequisiten (Grillz, Styroporbecher, Menschen mit Sturmmaske).

Von betont authentisch-schmucklosen Settings (Straße, Tankstelle, Tätowierladen, dunkler Club) bis zum unumgänglichen ästhetischen Bruch (choreografiertes Hotelzimmer-Arrangement, das die nötige Portion Kunst-Swag beirührt), ist alles vertreten. Der Remix mit Trettman und Über-Part von Haiyti hält den Buzz oben.

Doch wo der Erfolg kommt, da kommen auch die Hater. Das ist ein Kulturgesetz, das immer dann wirksam wird wenn etablierte Inhalte, Sounds und Ästhetiken überschritten werden. Dies tun Fruchtmax und Hugo Nameless genauso wie die Hamburgerin Haiyti. Mindestens interpretieren sie US-stämmige Muster sehr individuell.

„Hipsterscheiß“

Solche KünstlerInnen werden von ihren Kritikern gerne zusammengedacht und als „Hipster-Scheiß“ beschimpft. Und irgendwie geraten dabei noch Yung Hurn und sein Live from Earth Kollektiv in den Rundumschlag. Der „Hipsterscheiß“ wird dann von den begriffskundigeren Skeptikern mit „Turnup“ (Fruchtmax und Hugo Nameless, Haiyti) und „Cloud Rap“ (Yung Hurn) differenziert. Außer einem diffusen Einkreisen ist damit wenig gewonnen.

Möchte man „Turnup“ und „Cloud Rap“ überhaupt zur Kritik in eine Schublade zwängen, geht das eigentlich nur aufgrund diffus ähnlicher Themen der KünstlerInnen: Drogenkonsum, verbundene Sinnes- und Situationseindrücke, gelegentliche Ausflüge in Traperzählungen. Um diese Elemente soll es an dieser Stelle gehen. Welche Ideologien liegen der polarisierenden Wahrnehmung seitens des Publikums zugrunde? Welcher Fantyp lehnt was und aus welchen latenten Motiven heraus ab?
Stilbezogen und musikalisch sind Turnup und Cloud grundverschieden. Die drei Genannten KünstlerInnen, alle samt eigentlich mit tiefen HipHop-Wurzeln ausgestattet, werden aber als Personifizierungen einer neueren Generation mit folgenden Kennzeichen wahrgenommen: jung, strikt auf rohe DIY Produktionen konzentriert, einen Fick auf Genretraditionen und altehrwürdige Rapwerte gebend. Gerade Letzteres führt zu ersten Irritationen.

Kredibilität haben aber nicht darüber reden

Die Rapwurzeln auszustellen, das subkulturelle Kapital in die Waagschale zu werfen, ist ein Merkmal klassischer Rapinszenierungen der 90ziger bis weit in die Nuller Jahre: „Angefangen habe ich mit ersten Freestyles über Amibeats im Jahr XY, wir waren damals unten mit Z und seinen Leuten, zu denen auch befreundete Writer und DJs gehörten.“ Genau von solchen statuslegitimierenden Erzählungen grenzen sich die Neuen ab. Sie wollen weder ihre Kunst noch ihre Sozialisation oder Kredibilität erklären. Den Zusammenhang von Performanceinhalt und Biografie zu erklären, steht weit unten in der persönlichen Hierarchie. Dass die Newcomer dabei auch schon mal aufgrund von Interviewdarstellungen als Obstesser und kaum drogenaffin erscheinen, macht die konservativen Rapfans skeptisch – für die KünstlerInnen selbst ist es nahezu bedeutungslos.

Verschiedene Wertesysteme und Ideologien

„Turnup“-Künstler polarisieren: In den sozialen Medien gibt es für jedes „ 1 schönes Dingh“ ein „wack“. Jede „Faker“- oder „Toy“ Anklage trifft auf eine #Beste-Fraktion, die nur feiernde Worte findet oder den Kosmos aus Twitterinsidern gleich eigenständig weiter ausbaut. In den hitzigen Diskussionen geht es bei näherem Hinsehen natürlich um Werte. Der Realnessbegriff ist dabei sicher auch vor dem Hintergrund eines nachhallenden epischen Interviews wieder ganz vorne dabei.

Das verrät die Rhetorik der Abwertung recht deutlich: „biten“, „wack“, „fake“, „toy“ – sprachlich weist vieles darauf hin, dass es sich um Negativzuschreibungen handelt, die einer 90ties Sozialisation mit dem entsprechenden Rap-Werte-System, entspringen. Dennoch muss man hier keinen Generationskonflikt heraufbeschwören. In solchen Diskussionen – auch wenn sie oft unsachlich geführt werden – liegt eine konstruktive Kraft, die die Kultur weiterbringt weil sie selbstreflexiv wird.
Die Diskussion um die Newcomer eignet sich gut um mal jenseits von Realkeeper-Bashings oder Turnup-Verfluchungen die Positionen und verbundenen Argumente nachzuzeichnen. Möglichst neutral. Die musikalische Kritik („Diese Beats und Flows könnte ein 10jähriger klarmachen“) lassen wir mal raus und konzentrieren uns ganz auf die „Ideologie“. Warum lehnen die einen deutschen Turnuprap ab während ihn andere komplett feiern?

Zuerst die Position des „konservativen“ Rapfans, dann die Position des „progressiven“.
Zum Schluss kommen Max und Hugo, die uns dazu ein paar Fragen zum Thema und Themenverwandten beantwortet haben, zu Wort.

Der Konservative Rapfan

Der konservative Rapfan verbindet die Ansage- und Drogen-Lines mit den Hipster-Jungs im „WKM$N$HG“-Video imaginär und wird skeptisch. Auf dem Track „Handgelenk zerbricht“ vom Mixtape hieß es immerhin „24/7 am Kochen / in meiner da Hood wird geschossen“ , „Ich bin das Leben im Ghetto gewohnt“ und „Das ist Drive-By im Lexus und du denkst es wär nur Schreckschuss“.

Spätestens wenn er das YouTube-Archiv weiterdurchstöbert fragt er sich: „Welcher Pain muss da eigentlich betäubt werden?“. Das sind doch schmächtige (weiße, deutsche) Teenager, die sich einen Style und Themen borgen, die nicht ihre sind! Der Anspruch, dass Performance und Biografie vielleicht nicht gerade deckungsgleich sein müssen aber der Rapper aus Sicht des Hörers mindestens eine glaubwürdige Augenzeugenperspektive einnehmen sollte, soll gewahrt bleiben. Gerade wenn es um die Hood oder Trap geht. Denn: Wer vom Konsum lilaner Getränke und Traplife redet, sollte schon mal den Redcup inspiziert haben oder mit Leuten unterwegs gewesen sein für die The Wire nicht nur ein (fiktives) Fenster in entlegene Mikrokosmen ist.

Den konservativen Rapfan überkommt ein ähnliches Gefühl, dass ein stereotyp vorgestellter Che Guevara Anhänger hat, wenn er feststellt, dass seine Ikone schon lange für jede Marketingaktion herhalten muss und jede weitere Unternehmenskampagne so tut als häbe es nie eine politische Implikation des Zeichens gegeben. Es geht ihm im Kern also um Zeichen, ihre ursprünglichen oder andauernden Bedeutungshorizonte.
An all dies fügt der konservative Rapfan in seiner politischen Version optional noch eine Kulturkritik, die so geht: Die aller meisten KünstlerInnen, die über die Trap und damit oft verbundenem Konsum rappen tun dies nicht (oder nur) weil es irgendwie gerade hype und witzig ist. „Trap“ heißt in seiner ursprünglichen Bedeutungsform „Falle“. In der sitzen diese RapperInnen – ganz häufig ohne ihr Zutun und ohne, dass sie groß Anderes ausprobieren könnten. Billig-Sprite und kodeinhaltiger Hustensaft sind Symbole für Klassen- und Milieuzugehörigkeit. Diese ganzen Erzählungen vom Abhängen an der Corner, Koks, das Hantieren mit Waffen-Symbolik oder eben das „Sippen“ berauschender Billigstimulanzen, sind aus einer Kultur entstanden, die im Spannungsfeld von Rassendiskriminierung, Polizeibrutalität, Gewalt, Drogen, lokaler Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel, leichtem Zugang zu Waffen und zweifelhaften Drogengesetzen entsteht. Der konservative Rapfan stellt fest: Symbole und Erzählungen wie sie sich Fruchtmax und Hugo Nameless „gönnen“ und mit denen sehr viele Rapper aktuell freihändig unter dem Banner von Kunst und Entertainment hantieren, verweisen auf einen kaum selbst gewählten Lifestyle. Er bilanziert: Hier wird eine Kultur zum Selbstbedienungsladen für Menschen, die wenig mit der Trap und dem oftmals damit verbundenem Turnup zu tun haben. Fruchtmax und Hugo Nameless picken sich die interessantesten Früchte aus dem Obstkorb einer Kultur, die einen ernsthaften politischen Hintergrund hat.

Der progressive Rapfan

Der progressivere Rapfan sieht die politische Implikation von Rap kulturhistorisch überbetont: „Am Anfang waren Sugar Hill Gang – und nicht „The Message“ und Public Enemy. Die waren als Polit-Rapper für ein paar Jahre wichtig. Daneben gab es aber immer auch andere Genres mit anderen Themen –die gibt es sowieso je weiter man in die Gegenwart kommt.“ Oder es wird der Kunstcharakter hervorgehoben: „Rap ist doch längst kein Sprachrohr der Straße mehr. Rap ist Pop. Rap ist Kunst – und die darf eigentlich alles. Und wenn wir schon von den Anfängen sprechen müssen: „Sampling“ ist nicht nur ein technischer Vorgang sondern ein Prinzip der kulturellen Grunderneuerung, Rap bleibt lebendig weil man eben in die verschiedensten Zeichensysteme greifen kann und dadurch immer wieder Neues entsteht.“ Der aufgeschlossenen Rapfan sieht die Argumente des konservativen Rapfans, streicht sie aber in dem Moment durch, wo er eine längst vollzogene Abkopplung von Rap (als Pop oder Kunst) von einer bestimmten Klasse oder Kultur feststellt. Die Zeichen sind keine Verweise auf bestimmte Milieus sondern längst viel breiter konotiert – der Turnup ist einfach Turnup. Der macht jedem Spaß, nicht nur den Jungs in den dunkelsten Ecken Atlantas. Trap? Gang? Alles längst Begriffe, die man synonym für das Mittelklasse-Viertel oder Homies benutzen kann um Einheit zu demonstrieren. Der aufgeschlossene Rapfan stellt keinen Anspruch an die Deckungsgleichheit von Kunstinhalt und die Biografie der Person dahinter. Rap ist dann wahlweise gutes/schlechtes Entertainment oder gute/schlechte Kunst. Realness ist überschätzt und nur ein kreativer Hemmschuh.

Wir haben Max und Hugo mal ein paar Fragen zum Thema und Themenverwandtem gestellt. In welche Kategorie sie gehören und welche Ideologien sie ablehnen, davon könnt ihr euch selbst überzeugen.

Hier geht es zum Interview mit Fruchtmax und Hugo Nameless.



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