Warum es dämlich ist, das Sigmar-Gabriel-Stinkefinger-Video zu teilen

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Warum es extrem dämlich ist, das Sigmar-Gabriel-Stinkefinger-Video zu teilen

UPDATE, 26.08.: Hab’ hier mal eben für alle, die via Google hier bei uns auf der Suche nach Hintergrundinfos zum vermeintlichen Varoufake 2.0 landen, ein paar Nachträge reingepflegt…

Siggi, ach Siggi. Vor beinahe einem Jahr, im August 2015, ritt der SPD-Chef Gabriel in Heidenau ein, um die Geschehnisse dort zu verurteilen. Völlig zurecht natürlich. Allerdings schoss er über das Ziel hinaus und bezeichnete die Initiatoren, Mitläufer und einfach nur vom Bildungssystem alleingelassenen Planlosen als “Pack”. Das fanden die EmpfängerInnen der Beleidigung nach außen hin natürlich super doof und unter aller Sau. In Wirklichkeit war es den StrippenzieherInnen natürlich durchaus recht, dass “die da oben” “das Volk” nicht respektieren und eigeninitiativ den Graben auch rhetorisch einfach noch tiefer buddeln.

Gestern ging dann plötzlich dieses Video rum, in dem Sigmar Gabriel wie ein absoluter Vollamateur den Stinkefinger Richtung Kamera wedelt. Genauer: Er erhebt seinen Mittelfinger in einem von rechten Pöblern (Nachtrag 26.08.: oder Jan Böhmermann) vorbereiteten Setting und in die Linse einer von rechten Pöblern gehaltenen Kamera. Ein kurzer Blick auf das Standbild zu Beginn des Videos zeigt ganz klar, wer hier wen und für wessen Narrative in Szene setzt.

Da uns das Video gestern nachmittag (zurecht) neu und skandalös vorkam (“Top”-Politiker mit gestischem Ausrutscher? Geil! Klicks, Klicks Klicks!), lag der Gedanke natürlich nahe, dass sofort für einen Beitrag zu instrumentalisieren, der idealerweise wie wild geteilt und von anderen Blogs verlinkt wird und dann auf Rivva landet.

Außer den Klicks hätte für die Veröffentlichung eines Beitrags mit dem Video gesprochen, dass das Video Gabriel innerhalb weniger Sekunden als den überforderten Notkandidaten der Sozialdemokraten entlarvt, der er nun mal leider einfach ist. Nicht, weil er eindeutig Stellung gegen Rechte bezieht. Sondern, weil er nicht einmal in der Lage ist, seinen Mittelfinger zu kontrollieren. Um Himmels Willen, wie will der Mann dann eine (wohl sehr große und aus vielen Einzelteilen bestehende) Koalition im Zaum halten?

Der maßgebliche Grund für uns, uns am viralen Verteilen des Skandalvideos nicht initiativ zu beteiligen war, dass es schon tragisch genug ist, wie sich ein gestandener Politiker von rechten Demokratiefeinden für ihr Narrativ (Nachtrag 26.08.: oder von Jan Böhmermann für sein Narrativ) instrumentalisieren lässt. Da brauchen wir uns nicht noch metamäßig als Steigbügelhalter für grandios inszenierte Propaganda der Rechten gefügig machen.

Dass so manche scheinbar gestandene Medien sich nicht genauso unbeherrscht (daneben) benehmen, wie vermeintlich gestandene Politiker…das hatten wir tatsächlich zu hoffen gewagt. Dass diese Plattformen sich mit der Berichterstattung über das #Stinkefingergate sehr gerne vor den Karren der rechten Pöbler (Nachtrag 26.08.: oder von Jan Böhmermann) spannen lassen, stimmt uns nachdenklich. Nun ja, eigentlich nicht. Klicks sind Klicks, oder?

Darauf, die hauptsächlich für die Viralität des Filmchens Verantwortlichen zu sein, haben wir in diesem Fall gerne verzichtet. Und es hätte uns gefreut, wenn andere Medien und Privat-Teiler in den sozialen Medien sich ähnlich benommen hätten. Hätten, hätten, Würstchenketten…

Nachtrag/Update: Dass es natürlich dennoch einen Unterschied zwischen “teilen” und “völlig kontextbefreit und unreflektiert teilen” gibt, sollte klar sein.


Via Jan Böhmermann-Retweet.


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6 KOMMENTARE

    • Hast Recht. Also mit Satz 1. Aber was willst du uns mit Satz 2 sagen?

      Ist die im Artikel vertretene Meinung überflüssig oder irrelevant? Ist das Video nicht eh mittlerweile überall? Und zeigt das Video für diejenigen, die bisher vielleicht nur ein GIF davon gesehen haben, nicht sehr eindeutig, in welchem Rahmen der Stinkefinger entstanden ist?

      Aber natürlich schätzen wir deine Beobachtungsgabe was Rivva angeht. Wäre uns nie aufgefallen.

  1. bisschen lazy. inwiefern Gabriel hier ein rechtes narrativ stuetzt muesstest Du schon auserklaeren. aus meiner sicht geht das nicht auf. ‘Pack’ war katastrophe, wegen dem hierarchischen sound. aber mittelfinger sind nicht burgeois. die komplette symbolik geht hier nach hinten los – Gabriel kassiert von maskierten einen tiefschlag und entscheidet sich daraufhin aus allen rollenmasken zu fallen. cursory trollscrollen legt nahe, dass der intuitiv-emotionale appeal ziemlich breit rueberkommt. damit kullern die nazis wieder an den rand. der ‘dein Vater’ spruch war ziemlich hoch gepokert in sachen naziidentifikationswilligkeit des kleinen mannes – implodiert aber zu schoenstem glatzenstigma. ich jedenfalls will ein t-shirt von Gabriels mittelfinger.

    • das t-shirt wird’s bestimmt bald geben.

      mein verdacht ist dennoch, dass gabriels ausraster bei der breiten allgemeinheit (abseits der twitter-intelligenzia) als “pack 2.0” angekommen sein dürfte und das vertrauen in “die politik” weiter schwächt.

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