Ein Herz für Adriano Celentano

3
Bild: Adriano Celentanto, "Azurro" (Clan Celentano, 1968)

Als Kind durfte ich in Italien bei der Oma immer die Filme von Adriano Celentano sehen. Vor allem „Der gezähmte Widerspenstige“ und „Gib dem Affen Zucker.“ Das Celentano eine coole Socke ist, war mir damals schon irgendwie klar, aber ich hatte keine Ahnung, wie cool dieser Mann wirklich war und ist, denn ich wusste nicht, dass er, der im richtigen Leben eher Musiker als Schauspieler war, nicht nur Schlager a là „Azurro“ veröffentlicht hat, sondern ein paar echte Knaller veröffentlicht hat.
Also los, hier ist meine „Ein Herz für Adriano Celentano“-Playlist. File under: Fucking good music.

via GIPHY

Un Bimbo Sul Leone

Zu „un Bimbo Sul Leone („Der Junge auf dem Löwen“) von 1968 kann ich nicht wirklich viel sagen, ausser das der Mensch laut Text die schlimmste Bestie von allen ist. Mein Italienisch ist zu schlecht, um einen tieferen Sinn herauszuhören. Aber der Song an sich ist geil. 60ies-Big-Band-Boogaloo der tanzbarsten Sorte. Ein Fetenhit!

Prisencolinensinainciusol

1972 veröffentlicht Celentano das Album „I mali del secolo“ („Die Übel des Jahrhunderts“), das sich um soziale Probleme wie zum Beispiel Drogensucht dreht. Mittendrin ein Track mit dem mehr als seltsam anmutendem Titel „Prisencolinensinainciusol“. Einem Fantasiewort, das keinerlei Sinn ergibt. Der ganze Text des Songs ist in einer Art Fake-english gesungen und ja, gerappt. Damit gilt „Prisencolinensinainciusol“ auf jeden fall als der erste italienische Rap, er wird aber sogar als erster Rap überhaupt angesehen und schafft das Kunststück, auf Platz 70 in die US-amerikanischen Hitparade einzusteigen, noch bevor er in Italien chartet.

Adriano selbst sagt über den Titel:

«avendo appena inciso un album di canzoni che volevano dire qualcosa, avevo voglia di fare qualcosa che non volesse dire nulla» (Nachdem ich eben ein Album voller Songs mit einer Aussage fertiggestellt habe, hatte ich Lust, etwas zu machen, was einfach gar nichts aussagen möchte.)

L’Unica Chance

1973 wird Celentano geradezu prophetisch. „L’unica Chance“ thematisiert damals schon die erst dreißig Jahre später aktuelle Debatte um Genfood.
Der Sound ist düster und extrem funky. In meiner Welt ein Hit, den ich sicher noch sehr oft auf Tanzflächen loslassen werde.
Bonuspunkte für das Video bei dem der extreme Swag, den Celentano in den 70ern versprühte, geradezu seitlich aus dem Monitor läuft.
Peter hatte das Ding schon im Februar gebloggt, war mir aber leider nicht aufgefallen.

Svalutation

1976 kehrt Adriano Celentano zu seinen Rock-Roll-Wurzeln zurück und veröffentlicht mit „Svalutation“ einen Song, der stark an den Sound von Elvis Presley erinnert. Wieder geht Celentano kreativ mit der englischen Sprache um. Der Titel lehnt sich an „svalutazione“, das italienische Wort für Geldentwertung an. Korrektes Englisch wäre „devaluation“. In den 70ern war in Italien die Inflation auf Rekordniveau.

La Cumbia Di Chi Cambia

2011 ist Celentano mit einem Paukenschlag zurück. Das von Jovanotti geschriebene „La Cumbia Di Chi Cambia“ (etwa: „Die Cumbia von dem, der sich ändert“) ist eine Abrechnung mit der italienischen Politik und eine Aufforderung an die Bürger Italiens, aufzustehen, zu tanzen und die Welt zu verändern. Hier findet ihr den vollständigen Text inklusiver deutscher Übersetzung.

Ein Herz für Adriano Celentano Spotify Playlist

Ich hab euch die Tracks aus diesem Artikel mal in eine Spotify-Liste gepackt:

Ein paar sehr persönliche Worte

Was ihr gelesen habt, ist die Dokumentation dessen, wie ich als DJ damit umgehe, wenn ich Musik, die es schon lange gibt, für mich neu entdecke. Ich höre mich einmal quer durch alles, was ich kriegen kann und befrage die menschlichen Quellen und Auskenner in meinem Bekanntenkreis. (Ihr wisst, wer ihr seid, ohne euch wüsste ich wesentlich weniger über Musik. Danke dafür an dieser Stelle.) Bei der Gelegenheit recherchiere ich auch, wie das Leben des Künstlers verlaufen ist, wie er in seine Zeit einzuordnen ist usw. Dann wähle ich die für mich besten oder brauchbarsten Stücke aus und packe sie in meine Bibliothek, wo sie darauf warten angehört, oder aufgelegt zu werden.
That’s it und normalerweise bin ich damit auch ganz zufrieden.
Dieses Mal nicht. Klar, ich hab „neue“ und überaus gute Musik in meine Bibliothek aufgenommen, mein Repertoire erweitert und nicht zuletzt meine Allgemeinbildung verbessert. Das ist toll, keine Frage. Dennoch bleibe ich dieses Mal unzufrieden und rastlos zurück. Mir ist aufgefallen, dass mein italienisch nicht gut genug ist, um mal schnell einen italienischen Wikipediaartikel vollständig zu verstehen. Ich weiß so wenig über die Geschichte des Heimatlandes meiner Eltern. Ich habe keine Ahnung von italienischer Politik. Ich kriege nichtmal einfache Songtexte übersetzt. Mein englisch ist wesentlich besser, als meine Kenntnisse in der Sprache des Landes, das auf meinem Reisepass steht. Das fühlt sich komisch an.
Ich weiß noch nicht, was ich aus meinem unzureichenden Migrationshintergrund machen werde, vielleicht ist es am besten, auf Adriano Celentano zu hören und die Cumbia derer, die sich ändern wollen, zu tanzen…


Flipboard
Folge uns auf Flipboard @Blogrebellen

3 KOMMENTARE

  1. Danke für den Tip. Adriano Celentano habe ich ja schon ewig nicht mehr gehört. Hab mir gleich eine Spotify-Playlist mit Deiner Auswahl angelegt.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden .