Lollapalooza stinkt

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Bild: Walter Marinelli
Bild: Walter Marinelli

Vorwort: Ich bin selbst als Anwohner vom Lollapalooza-Festival direkt betroffen. Die Entfernung von meinem Schlafzimmerfenster bis zur Hauptbühne beträgt ziemlich genau 200m. Ich gehöre damit zu den Leuten, denen für die Dauer der Veranstaltung ein Hotelzimmer zustünde, außerdem könnte ich reduzierte Karten bekommen. Ich gucke mir sowohl aus persönlichem Interesse an Großveranstaltungen, als auch als Anwohner und nicht zuletzt als Blogger die ganze Lollapalooza-Posse schon eine ganze Weile an und muss für mich selbst leider das Fazit ziehen, dass der Eindruck, der sich mir im Vorfeld bot, kein gutes Licht auf die meisten Beteiligten wirft und ein ziemlich gutes Beispiel dafür abgibt, wie beschissen in Berlin die Dinge laufen.

Lollapalooza im Treptower Park

Persönlich halte ich den Treptower Park für die mit Abstand dümmste Location für ein großes Festival, die man sich nur vorstellen kann und bin strikt dagegen, es hier abzuhalten. Die Gründe wurden in den letzten Monaten in der Presse oft genug durchgekaut, ich wiederhole sie aber gerne nochmal:

Der Treptower Park wurde eben für einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag saniert. Die Wege wurden neu gemacht und sind jetzt nicht mehr asphaltiert, Bäume angepflanzt usw. Zwischen dem Park und den Anwohnern liegt auf der treptower Seite nur eine Straße. Meine 200m Meter Entfernung vom Mainstage rühren daher, dass ich in einer Nebenstraße wohne. Wer direkt am Treptower Park (der Straße) wohnt, hat mindestens ein Fenster, das praktisch direkt an der Mainstage ist. Viel Spaß mit dem Sound wünsche ich!
Einige Teile des Parks sind absolut nicht festivaltauglich und müssen geschützt werden. Der Rosengarten und das sowjetische Denkmal. Ob dem Karpfenteich eine große Anzahl badewilliger Menschen guttun wird, werden wir sehen. Auf der großen Wiese befinden sich außerdem zwei Spielplätze.
Mitten durch das Festivalgelände führt eine wichtige Einfallstraße nach Berlin, die während des Festivals gesperrt wird.
Wie 70.000 Menschen überhaupt auf das Gelände passen sollen, ist mir nach wie vor unklar. Die Vorstellung, dass genauso viele Besucher kommen werden, wie zur Fusion, macht mir angesichts der Größe des Geländes in Lärz ein wenig Angst.

Rund um Vorgeschichte des Festivals konnte ich ein paar Dinge beobachten, die mir ein klitzekleines bisschen den Kamm schwellen lassen:

Das Überhöhen des Parks durch die Anwohner.

Wenn man sich die Äußerungen der organisierten Gegner des Festivals so anhört, möchte man meinen, der Treptower Park sei ein Naturschutzgebiet, ein Juwel der Sauberkeit, das nur von wohlerzogenen Menschen betreten wird, die keinen Müll hinterlassen, oder gar Geräusche machen. Und dann kommt das Festival und verwüstet unser schönes Naherholungsgebiet, richtig?
Naja fast. Nach einem schönen Sommerwochenende sieht der Park eigentlich immer aus, als wäre Lollapalooza gewesen.

Treptower-Park-Saustall

Ich habe leider kein Photo, das zeigt, in welchem Zustand die gesamte große Wiese diesen Sommer am Montag morgen oft war. Nicht schön, kann ich euch sagen.

Störung der Totenruhe am sowjetischen Denkmal

Ein Punkt, der mich ganz besonders ärgert, ist die Hysterie rund um das sowjetische Denkmal im Park. Ich finde das Konzept der Totenruhe generell eher fragwürdig, aber okay. Das Denkmal ist ein Friedhof, für den nunmal Regeln gelten. Dass ausgerechnet die deutsche Polizei bei der Überwachung dieser Regeln die Regeln selbst täglich bricht, in dem sie mit dem Auto durch das Denkmal fährt, geschenkt. Den armen Berliner Polizisten kann man halt keine 500m Fußmarsch zumuten… Ich kann jedenfalls die lächerliche Angst mancher Menschen um das Denkmal nicht verstehen, die in einem Brief von 10 Botschaftern von Ex-Sowjetstaaten gipfelte. “Laute Musik, Duftschwaden von Dutzenden Fressbuden und viel Müll natürlich” gehören nicht auf einen Soldatenfriedhof. Ja, das würde ich direkt unterschreiben, wenn ich nicht am Tag nach den Feierlichkeiten zur Befreiung Berlins das Denkmal besucht hätte. Also wenn ich nicht gewusst hätte, dass dort am Vortag einen ernsthafte Gedenkfeier für die toten Soldaten stattfand, hätte ich angesichts der dort herumliegenden Müllberge, die hauptsächlich aus Rotwein-Tetrapacks, Wodkaflaschen und Verpackung von Fertiggerichten (!) bestanden, auf ein Saufgelage getippt. Aber schon klar: Wenn die amerikanischen Hottentotten von diesem Lollipop oder wie das heißt, einfallen, ist das natürlich etwas ganz anderes.

Die Wortwahl der Presse

Schon klar, “alles für die Klicks für den Augenblick”, liebe Presse. Kenne ich gut, Reichweite ist alles. “Umsiedeln” empfinde ich dennoch als übergeigte Wortwahl und verhöhnt die Opfer von dem, was ich so unter Umsiedeln verstehe… Ich kenne das Wort ja eher im Zusammenhang mit Zwangsmassnahmen, wenn ein Stausee gebaut wird, oder so. Fürs Protokoll: Der Veranstalter bekam die Auflage, für die 1615 am stärksten vom Lärm betroffenen Wohnungen, Hotelzimmer zu bezahlen. Wir werden aber nicht gezwungen, “umzusiedeln”. Wirklich nicht!

knackige Wortwahl im Tagesspiegel
knackige Wortwahl im Tagesspiegel
die Berliner Zeitug schreibt wenigstens dazu dass die "Umsiedlungen" temporär sind.
die Berliner Zeitung schreibt wenigstens dazu dass die “Umsiedlungen” temporär sind.

Das Märchen von den Flüchtlingen

Die Sache mit den “Umsiedelungen” ist ja noch harmlos, aber dass ich in der Presse immer wieder lesen durfte, Lollapalooza könne nicht auf dem Tempelhofer Flugfeld stattfinden, weil dort ja das große Aufnahmelager für Flüchtlinge sei, macht mich richtig sauer. Aber wieso denn, das stimmt doch? Jein, es ist nur die halbe Wahrheit und wenn man die ganze Wahrheit auf den Tisch packt, macht man sich wahrscheinlich keine Freunde in der Stadt. Wir sind nämlich (fast) alle ein Stück weit mit Schuld daran, dass das Lollapalooza umziehen musste.
Zunächst ist es richtig: Auf dem ursprünglichen Festivalgelände, dass aus dem Flughafengebäude und der Fläche davor bestand, sind tatsächlich Flüchtlinge untergebracht, so dass Lollapalooza weichen muss. Direkt nebenan befindet sich allerdings die größte Freifläche in Berlin, eine kontaminierte Brache, das Flugfeld. Dieses Riesengelände wäre ganz wesentlich besser als Festivalgelände geeignet als das Gartendenkmal Treptower Park. Es kann aber nicht dafür genutzt werden und das liegt am Tempelhofgesetz, der direkten Folge des Volksentscheids, der jedwede Nutzung für Großveranstaltungen verbietet. Und so haben wir die paradoxe Situation, dass ein schützenswertes, frisch renoviertes Gartendenkmal einer gigantischen Industriebrache als Ort für das Lollapalooza vorgezogen wird. Diesen Zusammenhang konnte man selten lesen und wenn doch mal, eher so leise und zwischen den Zeilen. Qualitätsjournalimus…

Die Rolle der Stadt

Kommen wir zum Hauptversager in der ganzen Misere, der Stadt Berlin, deren Agieren in der Sache ganz besonders eklig war und ist. Die Flüchtlingssituation und das Tempelhofgesetz zwangen sie, eine Ersatzlocation für das Lollapalooza zu finden, sonst wären wegen der schon erfolgten Zusage immense Ausfallkosten auf die Stadt zugekommen. Ich kann schon verstehen, dass das eine ziemlich blöde Situation ist, aber die wird halt nicht besser, wenn man versucht, den Kampf der Anwohner gegen das Festival zu torpedieren, in dem man die Genehmigung so kurzfristig erteilt, dass im Vorfeld kaum dagegen vorgegangen werden kann. So bleibt der Eindruck, dass die Stadt das Festival den Bürgern einfach übergeholfen hat und es nie eine Möglichkeit gab, echte Rechtsmittel dagegen einzulegen. Die Kommunikation der Notwendigkeit, im Treptower Park zu feiern, hätte ruhig etwas offensiver sein dürfen.

Das Bild der Festivalbesucher bei den Gegnern

Was mir richtig aufstößt, war das Bild, das die Gegner von den Besuchern des Festivals zeichnen. Man könnte den Eindruck bekommen, eine Horde von Touristen, die sich nicht benehmen können, kommen ausschließlich um den Park zu ruinieren und in unsere Einfahrten zu scheißen. Die entfesselt von der lauten Rockmusik unter Drogen nichts anderes zu tun haben, als den Park zu schänden. Kein Scherz, ich war auf einer Demo gegen das Festival und das war der Eindruck, der bei mir ankam. Das ist ganz schön 50er-Jahre, meine lieben Nachbarn. Auch dass ihr so tut, als wäre eigentlich niemand für das Festival, ausser den paar Bonzen, die sich die Tickets leisten können, ist ganz schön daneben. Ich gehe mal davon aus, dass der Großteil der Besucher aus Berlin kommen wird. Diese ca 70.000 Menschen haben übrigens per Ticketkauf ihr Einverständnis mit einem Festival in diesem Park gegeben. Ich bin mir sicher, das auch ein paar Anwohner dabei sein werden. Auch wenn ihr es gerne anders darstellt, die Befürworter des Festivals sind offensichtlich ganz überwiegend in der Mehrheit. Ja, ich finde zwei Tage Lärm auch nicht sooo prickelnd, aber so ist das halt in der Großstadt. Ich hätte auch gerne den Aufmarsch zum Kriegsende am Denkmal verboten…

Anti-Lollapalooza-Demo

Wie geht es weiter?

Übermorgen startet das Festival und danach werden wir wissen, ob die Befürchtungen der Gegner sich bewahrheiten. Ich gehe davon aus, dass der Park sehr viel sauberer sein wird, als nach einem normalen Sommerwochenende. Ich rechne damit, dass die große Wiese nicht sehr gut aussehen wird, sich aber bald erholt hat. Wir werden sehen und euch auf dem Laufenden halten…

Vor der Schaffung eines Präzedenfalls und einer Wiederholung im nächsten Jahr habe ich keinerlei Angst. Der Park ist aus Veranstaltersicht eine grauenhaft aufwendige und empfindliche Location. Das hat mir auch ein Sprecher des Lollapalooza bestätigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man sich dort den Terz, ein Festival im Treptower Park zu veranstalten, nochmal antun möchte.

Den Lollapalooza-Besuchern wünsche ich ein tolles Festival, den Anwohnern, die nicht hingehen, wünsche ich, dass sich die Belästigung in Grenzen hält und die Spätfolgen für den Park nicht zu groß sein werden.



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8 KOMMENTARE

  1. Hey Marinelli, danke für Deinen Rundblick über des ganze Lollapalooza-Theater. Zugegeben: mir selbst fällt es beim Anblick der Absperrungen, Zeltlager und Vieltonner auf den Wiesen sehr schwer, den Zorn einigermaßen in Zaum zu halten, ja überhaupt sachlich zu bleiben. Nee, lieber möchte ich mit ebenso viel Dezibel, wie am Wochenende zu erwarten, ordentlich aus dem Polemikstadl herausposaunen: die ganze Sache stinkt, stinkt und nochmal: sie stinkt! Zumindest ist sie eine ziemliche politische Unverschämtheit und Dreistigkeit vor den Bürgern!
    So, und am Rande des Stammtisches möchte ich noch einen Gedanken hinzu fügen: wie konnte der Veranstalter bereits Ende vergangenen Jahres, angesichts der zu erwartenden großen Unsicherheit über den Standort Tretpower Park, bereits mit dem Kartenverkauf beginnen, wenn … ja wenn er nicht bereits eine verlässliche Zusage in der Tasche gehabt hätte? Er wäre doch andernfalls ein Hasardeur, ein Amateur oder doch einfach nur ein Idiot. Und wer könnte eine solche Zusage abgegeben haben? Fände ich schon interessant, das mal heraus zu bekommen.
    Und jetzt wieder Faust auf den Tisch: die Verantwortlichen im Bezirk Hölmer, Igel und darüber hinaus verdienen schon allein für ihre ‘Genehmigung mit Bauchschmerzen’, mitsamt dem ganzen Gemauschel und der Handhabung drumherum, den Orden für mangelndes (zero) Rückgrat. Jeweils verliehen von all den spießigen Pudelhaltern, direkt zum Wahltag am Wochenende danach. Das wäre dann sozusagen mein eigenes kleine Festival danach.

    Eine ruhige Nacht uns allen.

    • @funkemariechen:

      Der Veranstalter hatte natürlich schon lange eine Zusage. Bookings dieser Kostenklasse macht man nicht 6 Wochen vor der VA. Was es nicht gab, war eine Genehmigung für die neue Location, das war dem Veranstalter aber vollkommen zu recht egal. Es war Aufgabe der Stadt, eine Ersatzlocation für Tempelhof zu organisieren.

      Versagt hat die Stadt, nicht der Veranstalter. (Die aber dafür so richtig.)

      @robert: Dito hier, was die Gefühle betrifft. Und die Presse hat praktisch geschlossen nicht nachgefragt.

      @herr Yossarian: Hast du dafür irgendeinen Beleg? Würde ich sofort in den Artikel einbauen. Bis dahin halte ich es mit relativ schlichter Logik: Die meisten Besucher eines innerstädtischen Festivals dürften ganz klar aus dem Stadtgebiet kommen.

  2. Danke für diesen Beitrag, der sich weitgehend mit meinen eigenen Eindrücken und Erfahrungen deckt (selbst die Entfernung des Schlafzimmers zur Main Stage haut hin…).
    Zentral und ganz wichtig ist der Hinweis auf den Volksentscheid zum Tempelhofer Feld. Es ist eben nicht die Anwesenheit der Geflüchteten dort, die das Festival unmöglich machten. Dieses Argument macht mich richtig wütend, denn es hat zwei Auswirkungen: Leute, die “für” Flüchtlinge sind, können eigentlich nichts gegen die Verlegung haben und jene, die “gegen” Flüchtlinge sind, fühlen sich darin bestätigt, dass “denen” jeder erdenkliche Gefalllen getan wird; zu Lasten anderer BürgerInnen. Fatale Instrumentalisierung der Geflüchteten!
    Wirklich bitter ist das Festival vor allem für jene, die – aus welchen Gründen auch immer – die Stadt nicht verlassen können. So finden an diesem Wochenende die Einschulungen in Berlin statt.
    Nun ist es aber so, wie es ist und lässt sich auch nicht mehr ändern. Das Nachspiel wird uns alle noch eine Weile unterhalten und es deutet sich schon an, dass es interessant wird: https://www.neues-deutschland.de/artikel/1024867.lollapalooza-falsches-spiel-mit-der-oeffentlichkeit.html

  3. […] ich mich ordentlich über das vor meiner Haustüre im Treptower Park stattfindende Lollapalooza-Festival aufgeregt habe, hatte ich die ganze Zeit ein Grinsen im Gesicht. Hoffe, das konnte man nicht aus […]

  4. Insgesamt unaufgeregt zusammengefasst, aber leider auch etwas relativierend. Das die meisten Besucher aus Berlin kommen halte ich übrigens für Ausgemachten Mumpitz.

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