Kinderfotos im Netz – Segen oder Fluch?

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Seit vorgestern geht eine Geschichte durchs Netz, auf die ich schon seit einiger Zeit gewartet habe. Es geht um das immer wieder emotional diskutierte Thema „Kinderfotos im Netz“. Irgendwann musste es passieren: Eine (mittlerweile) 18-jährige Schülerin aus Österreich, hat ihre Eltern verklagt, weil diese seit 2009 täglich Bilder von ihr auf Facebook stellten. Auch solche aus der Zeit, als sie noch ein Baby war.

„Obwohl ich damals bereits elf Jahre alt war, haben sie quasi nachträglich Babyfotos von mir auf ,Facebook‘ veröffentlicht. Sie kannten keine Scham und keine Grenze. Ob ich auf dem Töpfchen saß oder nackt in meinem Kinderbettchen lag – jeder Schritt von mir wurde fotografisch festgehalten und nachträglich öffentlich gemacht.“

So wird sie in „Die ganze Woche“ zitiert, die den Fall zuerst meldete. Und weiter:

„Sie haben mich nie gefragt, ob mir das Recht sei. Leider sah ich die Fotos erst, als ich mich mit 14 Jahren selbst auf ,Facebook‘ angemeldet habe. Da hatten meine Eltern bereits 700 Freunde, die sie täglich mit meinen Fotos am Laufenden hielten. Ich war extrem verärgert und wütend und forderte sie auf, sofort die bereits veröffentlichten 500 Fotos zu löschen. Doch sie weigerten sich. Deshalb sehe ich keine andere Möglichkeit, sie nun, da ich 18 Jahre alt bin, zu verklagen. Ich habe es satt, von meinen Eltern nicht ernst genommen zu werden.“

Die Antwort des Vaters ist ein weiterer Puzzlestein aus dem sich wunderbar ein Klickbringer basteln lässt. Vollkommen frei von Unrechtsbewusstsein gab er zu Protokoll:

„Ich sehe es als mein Recht an, diese Fotos veröffentlichen zu dürfen. Schließlich ist das unser Kind und es ist für meine Frau und mich ein schönes Familienalbum, das bei unseren Facebook-Freunden gut ankommt. Mittlerweile ,posten‘ wir kein Bild mehr von unserer Tochter, weil sie sich nicht mehr von uns fotografieren lässt. Außerdem haben wir ihre Babyfotos nur 700 ,Facebook‘-Freunden, einer begrenzten Gruppe, zugänglich gemacht, nicht allen Nutzern“

Klar, dass so eine Story von der Presse mit Begeisterung aufgenommen wurde. Das Thema ist so schön emotional, jeder hat eine Meinung dazu und wenn es richtig krachen soll, kann man ja mal unauffällig die zuverlässigen Trigger „Pädophilie“ oder „Kinderschänder“ einwerfen. Je nach vermuteter intellektueller Kapazität der eigenen Leserschaft.

Mich persönlich beschäftigt das Thema seit einigen Jahren selbst, ich habe eine 9-jährige Tochter. Ich bin kein großer Fan davon, Fotos von Kindern ins Internet zu stellen, aber mir geht auch die Hysterie, mir der die öffentliche Debatte oft geführt wird, ziemlich auf den Zeiger. Gleichzeitig ist sie hochinteressant, denn sie steht exemplarisch dafür, dass Frau Merkel recht hatte. Das Internet ist für uns alle Neuland.

Das Internet ist für uns alle Neuland

Es ist nach all den Jahren, die das Internet nun Teil unser aller Leben ist, immer noch so, dass es uns schwer fällt, das richtige Maß zu finden. Immer noch versuchen wir, die alten Begriffe über das Netz zu stülpen und scheitern dabei. Ein gutes Beispiel ist die Debatte um die Privatkopie gewesen. Während die Musikindustrie so tat, als würde die Möglichkeit, verlustfreie Kopien von jeder Datei zu ziehen, ihren sicheren Tod bedeuten, konnte man von der anderen Seite hören, es hätte sich ja nichts geändert. Kopiert worden sei Musik schon immer, argumentieren sie. Beides Quatsch. Dass die alten Begriffe einfach nicht mehr passten, ignorierten beide Seiten großzügig, um sich nur ja nicht eingestehen zu müssen, dass sich Zukunft nur sinnvoll gestalten lässt, wenn alle Beteiligten sich ein bisschen in Richtung Kompromiss und Verständnis bewegen. Anderes Beispiel, selber Gedanke: Streaming ist eben nicht das gleiche wie Radio, aber es ist auch nicht der Besitz der Daten. Entsprechend schwierig, ist es eine gerechte Entlohnung dafür zu finden.
Was das mit Kinderfotos zu tun hat? Soziale Netzwerke schaffen eine Grauzone zwischen privater und öffentlicher Sphäre, mit der wir erst umgehen lernen müssen. Für 700 Menschen, die auf Facebook meine Bilder sehen können, passt der Ausdruck „privat“ nicht mehr wirklich, aber Öffentlichkeit ist das auch noch nicht.

Das Internet ist ein Brandbeschleuniger für Mobbing

Ich kann mich noch heute an ein Bild aus meiner Kindheit erinnern: Ich stehe weinend und natürlich nackt unter der Dusche, unter die mich meine Eltern gezwungen hatten, weil ich wahrscheinlich vor Dreck strotzte. Soweit so normal, das kennen wahrscheinlich die meisten Eltern. Meine Eltern nahmen meine Wut damals nicht ernst, lachten mich aus und machten zu allem Überfluss ein Foto von der Situation. Das Bild war im Verwandtenkreis immer wieder für einen Lacher gut. Den Ärger und die brennende Scham, das Unverständnis darüber, dass meine Eltern dieses Bild anderen Menschen zeigten, kann ich heute noch abrufen. Wenn ich mir vorstelle, wie es sich angefühlt hätte, wenn dieses Bild zum Beispiel via Facebook während meiner Pubertät an meine Klassenkameraden geraten wäre, wird mir ganz anders. Mobbing ist traurige Realität in den Schulhäusern und peinliche Fotos sind ein ganz hervorragender Brandbeschleuniger dafür.

Die Pädophilen-Falle

Fast jedes Mal, wenn die Sprache auf Kinderfotos im Netz kommt, holt jemand die Pädophilen-Keule heraus. In fast allen Artikeln, über die Anklage wegen der Kinderfotos wird -gerne ein bisschen verschämt angedeutet- darauf hingewiesen, dass es ja auch noch böse Menschen da draußen gäbe, die „sonstwas mit den Bildern anstellen“ würden. Die Kommentare der besorgten Eltern (die sind noch schlimmer als besorgte Bürger), könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen. Man bekommt schnell das Gefühl, dass an jeder Ecke einer lauert, der sich an Bildern von Kindern aufgeilt. Oder noch schlimmer: Sich anhand von Bildern seine zukünftigen Opfer sucht. Ich halte diese Ängste für reichlich übertrieben. Erinnert ihr euch an die „Zensursula“-Debatte? Damals wurden von Massen an „Pädokriminellen“ ausgegangen, um die Stop-Schilder im Internet zu rechtfertigen. Geblieben ist nichts als heiße Luft und ein vergiftetes Klima. Ich sage nicht, dass es keine Menschen, gibt, die kleine Kinder missbrauchen. Ich glaube nur nicht, dass die Facebook brauchen, um an Fotos zu kommen.

Ana-Trompete

Kinder sind – Überraschung – Menschen

Eine Sache kommt mir in der ganzen vergifteten Debatte viel zu kurz. Und das ist der Umstand, dass Kinder Menschen sind. Moment mal, ist das nicht selbstverständlich? Sollte es sein, aber mir kommt es oft so vor, als würden Kinder in den Augen zu vieler Leute erst mit dem Erreichen der Volljährigkeit zu Lebewesen, die zum größten Teil die selben Rechte haben, wie wir Erwachsene. Ihre Eltern haben das Recht und die Pflicht, für sie zu sorgen und Schaden von ihnen abzuwenden. Wir benutzen meiner Meinung nach den Begriff „Sorgerecht“ vollkommen schwachsinnig. Die Kinder habe das Recht, dass für sie gesorgt wird. Eltern hingegen haben die Pflicht, für sie zu sorgen.
Jedenfalls gehen diese Rechte nicht automatisch auf die Eltern über, nur weil die Kinder nicht volljährig sind. Eltern dürfen die Rechte der Kinder wahrnehmen, um sie vor Schaden zu bewahren. Ein Beispiel: Als Elternteil kann ich erlauben, dass das Recht auf körperliche Unversehrtheit meines Kindes von einem Arzt verletzt wird, indem er eine Spritze mit einer Impfung durch seine Haut bohrt. Weil das Kind die Folgen, die der Verzicht auf diese unangenehme Erfahrung mit sich bringen könnte, nicht absehen kann.
Warum sich Eltern das Recht nehmen, das Recht am eigenen Bild ihres Kindes fünfhundertfach zu verletzten, um bei ihren Facebookfreunden cool dazustehen, will mir nicht in den Kopf. Welches Bild (!) von ihrem Nachwuchs haben diese Menschen? Eigentum? Spielzeug? Oliver Polak hat dazu etwas sehr Richtiges geschrieben:

„Du eignest dir beim Fotografieren das Objekt, dein Kind, an und übernimmst damit eine Machtposition: Dein Schnappschuss bewirkt eine dauerhafte und dokumentierte Entmündigung. Ekelig.“

Die Kirche im Dorf lassen

Es gibt aber auch eine andere Seite der Medaille: Nicht jedes Photo ist entwürdigend oder eignet sich als Grundlage für Mobbing. Der Wunsch vieler Eltern, den Stolz über den Nachwuchs zu teilen, die Entwicklung ihrer Kinder für Freunde und Verwandte zu dokumentieren, ist legitim. „Kinderphotos haben auf Facebook nichts zu suchen“ halte ich für genauso schwachsinnig. Wer seine Kinder liebt und respektiert, sie nicht bloßstellt und -ganz wichtig- schon sehr früh anfängt, sie zu fragen, der kann auch mal ein Bild online stellen, ohne Gefahr zu laufen, verklagt zu werden, sobald die Kinder alt genug dafür sind. Wer aber vollkommen ignorant seine Kinder als Egobooster mißbraucht und sich weigert, den legitimen Wunsch, über sich selbst zu entscheiden, ignoriert, wie der eingangs erwähnte Vater, der wird schlicht zu Recht verklagt. Schlimm, dass es überhaupt so weit kommen musste.

Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich diesen wichtigen Schritt im Leben meines Kindes nicht mit Freunden und verwandten teilen kann
Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der ich diesen wichtigen Schritt im Leben meines Kindes nicht mit Freunden und verwandten teilen kann

[Update]

Die Morgenpost hat hinter der Meldung der „Ganzen Woche“ her recherchiert und konnte keinerlei Belege dafür finden können, dass die Geschichte tatsächlich passiert ist. Ist mir, ehrlich gesagt, vollkommen egal. Mir ging es ja um die Reaktionen darauf und die sind echt. Zudem existieren die beiden Extreme, also bedenkenlos jeden Pups ihrer Kinder postenden Eltern genauso, wie auch die Übervorsichtigen. Den Artikel wollte ich sowieso schon lange schreiben, daran ändert auch nichts, dass der Aufhänger evtl ein Fake war.

(Die beiden ersten Bilder sind von mir, das Fahrradbild hat ihre Mutter geschossen. Verwendet werden sie mit der ausdrücklichen und jederzeit widerrufbaren Erlaubnis meiner Tochter)

1 KOMMENTAR

  1. Ich selbst stelle niemals Kinderfotos meiner Jungs ins Netz. Der Grund ist ein ganz simpler und vielleicht auch einleuchtender: Mama und das Fotoalbum….

    Ich versetze mich in die Situation, wenn Mutter das Fotoalbum von mir ausgepackt hat und die Bilder ihren Freunden gezeigt hat. Als Kleinkind fand ich das lustig, als Teeny einfach nur noch scheisse.

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