“Deine Arbeit ist dir wichtiger als ich” – Wenn Kinder dein schlechtes Gewissen riechen

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UrheberIn: D. Sharon Pruitt, via wikimedia commons, (CC BY 2.0)

Mütter und Väter kennen sicher das Gefühl: Bei anderen Familien läuft sicher immer alles super. Im Persischen gibt es eine Redewendung: Nachbars Hühner sind Gänse. Was nichts weniger besagt, als das es hinter dem Zaun besser sein muss und woanders ist es sowieso immer besser. Bei mir ist dieses Gefühl am stärksten, wenn ich gestresst, müde und vor allem ein schlechtes Gewissen habe, weil ich nicht wie aus dem Lehrbuch gehandelt habe.

Schlechtes Gewissen ist dieser Geruch, den man wohl irgendwie absondert und den nur Kinder wahrnehmen können und erst recht sich in ihrem Elend – “Ich will nicht, dass du wegfährst. Deine Arbeit ist dir wichtiger als ich!” *heul* – wälzen. Ein Drama, der mir das Gefühl gibt eine Rabenmutter zu sein, die sich über die Gefühle ihres Kindes hinwegsetzt.
Ich unterstelle hier keine böse Absicht seitens des Kindes. Diese Gefühle sind in dem Moment real und voll präsent und dass ich mir denke “Stimmt nicht” ändert nichts an der Sache.

Pädagogische Fails sind wie Brandbeschleuniger

Seit dem meine Kinder auf der Welt sind, lese ich pädagogische Bücher, wie die von Jesper Juul oder jüngst das Konzept der Gewaltfreie Kommunikation von  Marshall B. Rosenberg. Immer wieder versuche ich gerade in Konfliktsituationen gelassen und bedacht zu reagieren. Das Kind anzuhören, es nicht zu verurteilen. Das gelingt mir ehrlich gesagt nicht immer und bereitet mir wiederum ein schlechtes Gewissen, denn ich weiß es ja besser. Ein Teufelskreis. Je mehr ich weiß, desto schlimmer das schlechte Gewissen und desto intensiver das Grübeln im Nachhinein.

Gerade heute Morgen hatte sich ein Donnerwetter über dem Hause Withoutfield zusammen gebraut. Wie eine Regenwolke, die sich entleeren muss, so geht es unserem Jüngsten sehr oft in letzter Zeit. Gerade das frühe Aufstehen ist in der dunklen Jahreszeit für uns Sonnenliebende besonders schwer. Jedes Füße massieren, Kakao ans Bett bringen und beim Anziehen helfen kann eine emotional verstärkende Wirkung haben und zwar nicht immer im harmonischen Sinn. Wenn es raus muss, dann muss es raus.
So wird sich besonders viel Zeit beim Anziehen gelassen, die Zähne werden halbherzig geputzt, und weil man nicht ständig meckern will, geht man in dem Moment nicht drauf ein. Dennoch wurde in der Zwischenzeit ein Handyverbot ausgesprochen (pädagogischer Fail Nr.1), weil es abends als Abspielgerät für Hörspiele her hält und das Einschlafen sich nach hinten verzögert, denn es wird im Labyrinth der möglichen Hörspiele besonders gerne und lang herumgestöbert. Soweit die logische Erklärung in meinem Kopf. Aber Verbote an unpassenden Stellen und im unpassenden Momenten wirken wie Brandbeschleuniger, oder eben wie ein Regenmacher. Aber das alles am Morgen vor einem Kaffee schon drin zu haben, fällt mir echt schwer.

Als nächstes beschließt das Kind eine große Packung Süßigkeiten mit in die Schule zu nehmen. Es ist kein besonderes Fest und er hat auch nicht Geburtstag, also: Nein! Dann der Beginn einer Diskussion “Aber die anderen Kinder bringen AAALLEEEE !!!! Süßigkeiten mit” ich schaue ihm Tief in die Augen “Ehrlich?” was eigentlich als Lügendetektor angesetzt war, entpuppt sich als pädagogischer Fail Nr. 2, denn ein “Nein” ist ein “Nein” und wird nicht durch eine Gegenfrage aufgeweicht, so habe ich eine perfekte Diskussionsgrundlage geschaffen. Das Drama nahm schließlich seinen Lauf: lautes Heulen, hilflose Eltern, die das Kind mit “Das geht nicht, dass du hier am Morgen so eine Show abziehst” oder “wir bestimmen, wann du was mit in die Schule nimmst” berieselten. Ich bin mir sicher all das kam nicht an. Denn die Verzweiflung war groß. Schließlich die Drohung (pädagogischer Fail 3), dass man es für sein Zuspätkommen nicht in der Schule entschuldigen werde – alle standen schon an der Haustür – sondern ehrlich der LehreIn mitteilen würde, was hier passiert ist. Nämlich, dass er sich weigerte sich anzuziehen und wegen den Süßigkeiten so ein Theater machte.
Dafür kann ich mich am wenigsten leiden! Was geht es denn die LehrerIn an? Und eigentlich war es ja meine Unfähigkeit mit der Situation umzugehen, weswegen ein Drama ausgebrochen ist, wenn überhaupt gehören beide Seiten zu dieser Eskalation dazu, nur dass ich nicht verpetzt werden kann. Wie gemein! Doch, somit verpetze ich mich selbst, hier bei meiner Arbeit.

Wir brauchen eine Kultur des Scheiterns

Ehrlich gesagt, belastet mich die Anforderung, alles perfekt machen zu wollen, am meisten. Irgendwie strebe ich imaginäre Ideale – bei allen anderen läuft es super – an. Alle sind vorzeige Eltern und viele von ihnen schreiben es täglich in ein Blog rein oder haben dieses Lächeln auf den Lippen.
In meinem Dunstkreis stellt sich niemand hin und sagt: “Man ey! Ich bin echt abgenervt, weil mich die Kinder so fertig machen!” Und auch ich erwisch mich bei dem Spiel, stets the sunny side zeigen zu wollen.
Aber so ist es nicht! Und ich weiß auch – und das muss ich mir noch gerade in diesen Situationen klar machen – bei allen anderen läuft es eben nicht immer alles super. Und auch diese Eltern spielen das Spiel mit dem Huhn und der Gans. Es geht gar nicht, weil sie haben Kinder! Und Kinder fordern uns jeden Tag heraus. Spiegeln uns und bringen uns an unsere Grenzen. Wenn wir nicht auf der Hut sind erwischen sie uns und dann kann es auch mal nicht perfekt sein. Nix Sonne.
Aber warum ist das so schwer damit offen umzugehen? Ich sag es euch: Es ist die Angst davor verurteilt zu werden und auch ich freue mich schon auf verurteilende Kommentare, die es im Internet zu genüge gibt. Wer zugibt nicht korrekt gehandelt zu haben, muss sich vor Tritten fürchten, die ausgeteilt werden. Schwäche ist Inkompetenz. Das tragen wir aus unserer Arbeitswelt mit uns und Familie ist Arbeit.

Ich wünsche mir mehr Raum fürs Scheitern, mehr Raum für das unperfekte, mehr Raum für Fehler. Ehrlich gesagt, kenne ich viele Biografien von Menschen, deren Kindheit nicht immer blumig oder leicht war, aber als erwachsene Personen haben sie gelernt mit den Fehlern ihrer Eltern umzugehen, ohne dabei zu scheitern. Ich will nicht, dass mich mein Kind irgendwann hasst, weil es erkennt, dass ich nicht alles richtig gemacht habe und gerade deshalb, wahrscheinlich mache ich mir diesen Druck. Das schlechte Gewissen ist wie eine Last am Bein und hindert mich daran, im Kopf frei zu sein und in Situationen klarer zu denken. Wahrscheinlich ist das ein Relikt aus den vergangenen Erziehungsmethoden, die unsere Generation irgendwie auf Trab hält aber wiederum blockiert, wenn es darum geht, freie Entscheidungen zu treffen. Ich reagiere besonders unstabil und das spüren meine Kinder.

Ich bin froh, dass unser Blog so geduldig ist!


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3 KOMMENTARE

  1. Ganz ehrlich:

    Man ey! Ich bin echt abgenervt, weil mich die Kinder so fertig machen!

    Und das sag ich auch jedem der es hören will! 😀

  2. Sehr sehr guter und offener Artikel. Als Vater einer 3,5 Jährigen habe ich mich total in Deinen Worten wiedergefunden. Vielen Dank für so viel Klarheit und Offenheit. Ich finde alleine Dein Artikel zeigt schon, dass Du eine sehr gute Mutter bist. Du bist sehr reflektiert und hinterfragst Dein eigenes Handeln, dass ist Doch super und gibt Dir die Chance bei der nächsten Herausforderung, anders zu reagieren und anders zu agieren.

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